Das Konzept einer unabhängigen, autonomen Wesenheit


HDu bist nicht der Körper, noch ist der Körper dein. Du bist weder der Handelnde noch der Erfahrende. Du bist das Bewusstsein selbst, der ewige, unpersönliche Beobachter. Lebe glücklich!

aus der Ashtavakra Gita, Vers 129

Der Körper ist ein notwendiges Instrument, damit Bewusstsein in der Manifestation verbleiben kann. Wie könnten sich die beiden voneinander „disidentifizieren“, ehe die Lebenskraft den Körper verlässt und das Bewusstsein von seiner physischen Form entlassen wird? Gebundensein wird nicht durch die rein äußerliche Identifikation mit dem Körper verursacht, der ein psychosomatisches Konstrukt aus den fünf Elementen ist, ein Instrument ohne eigene unabhängige Existenz. Was „Gebundensein“ verursacht, ist die Identifikation, die zu dem imaginären Konzept einer unabhängigen, autonomen Wesenheit führt, welche die Täterschaft für sich beansprucht und so die Handlungen und die Verantwortung für die Konsequenzen „auf seine Kappe“ nimmt.

aus: Nisargadatta Maharaj in „Pointers“ von Ramesh Balsekar

KWie denn nun? Wer hat Recht, Ashtavakra oder Nisargadatta? Blöde Frage. Ashtavkra spricht von dem, was ist, und Nisargadatta davon, womit Bewusstsein sich identifiziert. – Hmm, ist die zweite Aussage nicht auch blöd? Klingt doch wie eine Trennung zwischen dem, was ist (Ashtavakra) und dem, was zu sein scheint (Nisargadatta). Aber existiert nicht auch das, was zu sein scheint? Für den, der in der Dämmerung ein Stück Seil für eine Schlange hält, ist das Seil eine Schlange. „Sein“ Bewusstsein reagiert unmittelbar darauf mit Angst und sein Körper erstarrt vor Schreck oder bewegt sich blitzschnell aus der Gefahrenzone. „Sein“ Bewusstsein? Gibt es denn mein, dein, sein Bewusstsein oder gibt es nur Bewusstsein, in dem alles erscheint und verschwindet? Ist nicht auch das Seil Bewusstsein und die „eingebildete“ Schlange (wäre nicht auch das Seil eingebildet?) und der Schreck und die Reaktion auf den Schreck … wäre das alles nicht einfach Bewusstsein?

Ashtavakras Aussagen klingen nach Trennung zwischen Subjekt und Objekt: Bewusstsein als der unpersönliche Beobachter aller Erscheinungen. Aber ist nicht Bewusstsein auch alle Erscheinungen?

Nisargadatta sagt: „Der Körper ist ein notwendiges Instrument, damit Bewusstsein in der Manifestation verbleiben kann.“ Auch das klingt nach Getrenntsein. Bewusstsein scheint zu einer Wesenheit zu werden, die ein Instrument braucht, um „in der Manifestation verbleiben zu können“. Dieses Instrument sei der [empfindungsfähige] Körper.

Über all das kann man sich jetzt stundenlang Gedanken machen und heftig diskutieren, aber eigentlich geht es bei all den Aussagen um ein einziges Thema. Das Thema „Gebundenheit“. Kaum wird dieses Thema angesprochen, springt auch schon der Verstand an. Ist Gebundenheit gut oder schlecht? „Alles Leben ist Leiden. Das Leiden kommt vom Begehren.“ Begehren erzeugt Leiden, Gebundenheit erzeugt Leiden, Anhaftung erzeugt Leiden. Alles total pfui. Aber stimmt das eigentlich? Wenn ich das Begehren weg haben will, begehre ich, dass das Begehren weg sein soll. Wenn ich mich nicht gebunden fühlen will, binde ich mich an den Wunsch, dass ich ungebunden sein soll. Wenn ich nicht anhaften will, hafte ich an eben diesem Wusch. Also sagt der schlaue Nitya: Alles für die Katz! Begehren, Bindung, Anhaftung – alles Teil des Soseins. Kein pfui. Diese ewige Macherei ist einfach nur für den Müll – aber auch Teil des Soseins. Es gibt überhaupt nichts, was außerhalb des Soseins sein könnte. Vorhin habe ich zwei Eichhörnchen zugeschaut, wie sich gegenseitig die beiden Lärchen rauf- und runtergejagt haben. Was für eine Energie, was für eine Lebendigkeit! Und wofür? Einfach so „aus Jux und Dollerei“. Und wofür diese unlösbare Aufgabe „Nicht das Nicht-Begehren zu begehren“? Einfach so „aus Jux und Dollerei“? Warum eigentlich nicht?

Wenn „das imaginäre Konzept einer unabhängigen, autonomen Wesenheit“ verschwindet, „welche die Täterschaft für sich beansprucht und so die Handlungen und die Verantwortung für die Konsequenzen ‚auf seine Kappe‘ nimmt“, erscheint die Möglichkeit, dass alles Ausdruck der Lebensfreude ist, gar nicht mehr so unmöglich.

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5 Antworten zu Das Konzept einer unabhängigen, autonomen Wesenheit

  1. Brigitte schreibt:

    Ausdruck der Lebensfreude…

    … man kann sich gar nicht satt sehen – so wundervoll

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  2. Eno Silla schreibt:

    diese magie des seins
    in diesem hier – jetzt
    juni käfer im juli
    am offenen fenster
    in den himmel der
    blauen stunde schauend
    fühle – bin – ich sie
    diese staunende
    magie des seins

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  3. loucypherprod schreibt:

    Immer wieder auch gern als Metapher für den Zweck des Lebens genommen: Die Banane. Genüsslich zuführen oder einführen. Und weil wir hier in spirituellen Atmo-Sphären siedeln. Je stärker der Widerstand umso „geiler“ der Film halt. Also suchen jene mit ablehnender Haltung der Verhaftung gegenüber – nur einen noch geileren Abgang.🙂 Aber es hat mit dem Menschen wohl noch mehr auf sich. Er scheint dem Leben in seinem Versuch hin zu Selbsterkenntnis geweiht zu sein. Durch ihn versucht es sich selbst zu ergründen um dann wieder auch auf diese Erkenntnis zu Pfeifen. — Sandelholz brennend – der Völlerei des Seins genügend – lüsternd ertränkt im nICHtigen Niemals.

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