Chuang-tzu: Woher weiß ich …?


TWoher weiß ich, ob die Liebe zum Leben nicht eine Täuschung ist? Woher weiß ich, dass einer, der sich vor dem Tode fürchtet, nicht einem Menschen gleicht, der seit jungen Jahren seiner Heimat fern ist und deshalb nicht dorthin zurückkehren will? Woher weiß ich, ob die Toten ihre frühere Lebensgier nicht bereuen? Die nachts von einem Gelage träumen, können am nächsten Morgen heulen und wehklagen. Die von Heulen und Wehklagen träumen, gehen am nächsten Morgen vielleicht auf die Jagd.

Wenn sie träumen, wissen sie nicht, dass sie träumen. In ihrem Traum deuten sie vielleicht Träume. Erst wenn sie erwacht sind, dämmert ihnen, dass sie träumten. Allmählich kommt das große Erwachen, und dann entdecken wir, dass das Leben selbst ein großer Traum ist. Unterdessen glauben die Narren, dass sie wach seien; denn dieses wissen sie. Sie machen spitzfindige Unterschiede zwischen Fürsten und Dienern. Wie närrisch! Konfuzius und du seid beide in einem Traum. Wenn ich sage, dass du in einem Traum bist, so bin auch ich in einem Traum.

aus: Chuang-tzu, „Das wahre Buch vom südlichen Blütenland.“

Tja, woher weiß ich? „Wenn ich träume, weiß ich nicht, dass ich träume. In meinem Traum deute ich vielleicht Träume. Erst wenn ich erwacht bin, dämmert mir, dass ich träumte. Allmählich kommt das große Erwachen, und dann entdecke ich, dass das Leben selbst ein großer Traum ist.“ Und so nennt Leo Hartong sein Buch folgerichtig „Zum Traum erwachen“. Dieser Formulierung immanent ist die Aussage, dass ein Erwachen aus dem Traum nicht möglich ist.


Aus irgendeinem mir unbekannten Grund scheint das Sehen, dass ich mich nur in einem Traum befinde, für die meisten Traumfiguren völlig unannehmbar zu sein. Manche erlernen sogar das sog. luzide Träumen, vielleicht weil sie hoffen, so dem Ausgeliefertsein im Traumgeschehen entkommen zu können. Sie können anscheinend im Traum feststellen, dass sie träumen und was sie träumen. Sie scheinen sich also als die Macher außerhalb des Traumes zu befinden. Dass dies wiederum auch nur im Traum geschieht, wollen sie meistens nicht wahrhaben.

„Unterdessen glauben die Narren, dass sie wach seien; denn dieses wissen sie.“ Glauben sie zu wissen, müsste es wohl heißen. Glauben sie, wie sie glauben, die Träumer zu sein. Wenn Sokrates sagt, dass er nicht weiß, dann könnte ich daraus schließen, dass er davon ausging, dass es ihn (und jeden anderen) als Wissenden nicht geben kann. Aber bin ich es, der daraus schließt oder ist auch das wiederum nur ein geträumtes Schließen? Es gibt kein Entrinnen aus dem Traum? Und die sog. Erwachten? Sind sie nicht wenigstens dem Traum entkommen? Oder ist auch ihr Erwachen nur ein geträumtes Erwachen?

Ja aber … angeblich ist der Austritt aus der Euro-Währung als Notfall-Option längst beschlossene Sache und die D-Mark-Scheine sind schon gedruckt. Soll das ein Traum sein? Die Scheine gibt es doch, jedenfalls will das WISO recherchiert haben. Erzähl mal einem Verhungernden, dass sein Hunger und sein Leiden und vielleicht sein Tod nur geträumt seien! Nee, gib ihm lieber was zu essen! Denn Traum hin oder her – macht es für die geträumte Figur einen Unterschied, ob er geträumt oder real ist? Es macht nicht den geringsten Unterschied. Alles, worauf es ankommt, ist, dass gesehen wird, dass alles ein Traum ist, dass die geträumte Person, also „ich“ nicht wissen kann, eben weil sie nur geträumt ist. Insofern war Sokrates tatsächlich der Weiseste unter den Sterblichen, wie das Orakel von Delphi behauptete. Natürlich war er als Weisester auch nur geträumt.

SDer Philosoph Johann Georg Hamann wandte sich ganz entschieden gegen den Wahn der Aufklärung, indem er sagte: „Die Gesundheit der Vernunft ist der wohlfeilste, eigenmächtigste und unverschämteste Selbstruhm, durch den alles zum voraus gesetzt wird, was eben zu beweisen war, und wodurch alle freye Untersuchung der Wahrheit gewaltthätiger als durch die Unfehlbarkeit der römisch-katholischen Kirche ausgeschlossen wird.“ Leider versuchte er es dann statt mit der Aufklärung mit dem Glauben, anstatt über die Einsicht von Sokrates zum Erkennen des Nicht-Selbstes zu gelangen.

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Eine Antwort zu Chuang-tzu: Woher weiß ich …?

  1. loucypherprod schreibt:

    und Wer hat den Erwachten scheinbar geweckt? doch der Traum oder? – jedes Wissen ein Fluchtversuch –

    Gefällt mir

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