Alan Watts: das Abtreten von Verantwortung


A
Recht besehen ist eine Regierung einfach durch das Abtreten von Verantwortung an andere zustande gekommen, in der Annahme, dass es Menschen gibt, die wirklich fähig sind, die Dinge in die Hand zu nehmen. Aber die Regierung, die vorgeblich dem Wohl des Volkes dient, ist zu einem eigennützigen Konzern geworden. Um alles unter Kontrolle zu halten, schafft sie ständig neue Gesetze, die immer komplizierter und unverständlicher werden, und hindert produktive Arbeit durch die Fülle des administrativen Papierkrams, sodass die Akten über die geleistete Arbeit wichtiger sind als die Arbeit selbst. Darüber könnte man sich endlos verbreitern, aber über den gegenwärtigen Problemen der Überbevölkerung, Umweltverschmutzung, der Zerstörung des ökologischen Gleichgewichts und den möglichen Atomkatastrophen vergisst man leicht, dass die regierten Nationen zu selbstzerstörerischen Institutionen geworden sind, gelähmt und festgefahren in ihren eigenen Schwierigkeiten, und unter Bergen von Papier ersticken. Die taoistische Ethik besagt, dass Menschen, die sich selbst und anderen misstrauen, dem Untergang geweiht seien.

Außerdem besagt sie, dass weder der Einzelne noch die Gesellschaft sich am eigenen Schopfe aus dem Sumpf ziehen kann, obwohl es sich eingebürgert hat, zu sagen, dass wir genau das tun müssen. Solange wir physische oder moralische Kraft aufwenden, um uns oder der Welt zu helfen, vergeuden wir die Energie, die für Dinge eingesetzt werden könnte, die machbar sind.

aus: Alan Watts, „Der Lauf des Wassers“

H

Das ist vermutlich so alt wie die Menschheit. Menschen wollen geführt werden. Mit Menschen meine ich die von Raoul Schindler in der soziodynamischen Grundformel so bezeichneten Gammas. Die Motive hierfür können unterschiedlicher Art sein. Ein Führer verspricht möglicherweise Schutz oder Weisheit oder er kann ein Organisationsgenie sein oder er zeichnet sich vor allen anderen durch irgendwelche besonderen Fähigkeiten aus. Das Motiv kann aber auch das Abtreten von Verantwortung sein. Ich erinnere mich, wie ich einmal im Allgäu eine Selbsthilfegruppe ins Leben rufen wollte. Das war damals in den siebziger Jahren gar nicht so leicht. Ich setzte also eine Anzeige in die Allgäuer Zeitung und gab Ort und Zeit für ein erstes Treffen bekannt. Ich war überrascht, wie viele Interessenten kamen – zu viele jedenfalls für eine Gruppe. Irgendjemand musste jetzt die Organisation übernehmen und schauen, dass die Aufteilung in die Gruppen klappte. Ich wollte eigentlich nur etwas für mich tun und war dann völlig überrascht, dass ich immer wieder angesprochen wurde, als ob ich der Leiter oder gar der Therapeut sei. Da habe ich es das erste Mal so richtig mitbekommen, wie sehr die Menschen jemanden suchen, der ihnen sagt, wo es lang geht.

Wenn also auf „die da oben“ geschimpft wird, sollte nicht vergessen werden, dass „die da unten“ „denen da oben“ irgendwann einmal all ihre Machtbefugnisse zugeschoben haben. Und „die da oben“ sind keineswegs die Crème de la Crème der Menschheit, sondern meist ganz normale Menschen, die den Versuchungen der Macht nicht allzu lange widerstehen und sich zu ausgesprochen Despoten entwickeln können.

Liest man die alten Taoisten, kann man sehen, dass sich nichts geändert hat seit damals. Und auch folgender Hinweis dürfte nichts an der Misere ändern: „Die taoistische Ethik besagt, dass Menschen, die sich selbst und anderen misstrauen, dem Untergang geweiht seien. Außerdem besagt sie, dass weder der Einzelne noch die Gesellschaft sich am eigenen Schopfe aus dem Sumpf ziehen kann, obwohl es sich eingebürgert hat, zu sagen, dass wir genau das tun müssen. Solange wir physische oder moralische Kraft aufwenden, um uns oder der Welt zu helfen, vergeuden wir die Energie, die für Dinge eingesetzt werden könnte, die machbar sind.“

Und zwar jeder an dem Platz, an dem er sich befindet.
Alles andere wäre nur eine weitere Selbsttäuschung.
mO

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