Bankei: Nicht-Beachtung


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Da der Buddha-Geist von wunderbarer erleuchtender Weisheit ist, müssen Dinge, die ihr in der Vergangenheit getan oder erfahren habt, sich notwendig darin spiegeln. Heftet ihr euch an diese Bilder, die zurückgespiegelt werden, so lasst ihr unwissentlich Täuschungen entstehen. Die Gedanken entstehen nicht schon an der Stelle, wo diese Bilder widergespiegelt werden; sie werden durch eure früheren Erfahrungen hervorgerufen und stellen sich dann ein, wenn Dinge, die ihr in der Vergangenheit gesehen oder gehört habt, sich im Buddha-Geist widerspiegeln. Ursprünglich jedoch haben Gedanken keine wirkliche Substanz. Wenn sie also gespiegelt werden, lasst sie einfach gespiegelt werden, und lasst sie entstehen, wenn sie entstehen. Wendet keinen Gedanken daran, sie anzuhalten. Hören sie auf, so lasst sie aufhören. Schenkt ihnen keine Beachtung. Lasst ihnen ihren Lauf. Dann stellen sich keine Täuschungen ein. Und da es keine Täuschungen gibt, wenn ihr die gespiegelten Gedanken nicht beachtet, mögen die Bilder ruhig im Geist gespiegelt werden, und es ist dennoch so, als geschehe dies nicht. Tausend Gedanken mögen sich einstellen, und es ist doch so, als geschähe es nicht. Sie werden euch keinerlei Verdruss bereiten. Ihr werdet keine Gedanken aus eurem Geist zu vertreiben haben – nicht ein einziger Gedanke muss abgeschnitten werden.

aus: Meister Bankei, „Die Zen-Lehre vom Ungeboren

Jeder kennt vermutlich die Aussage: „Jemanden durch Nicht-Beachtung strafen“. Ich habe mal gehört, dass es früher in Indien keine Irrenanstalten gab. Man hätte die geistig verwirrten Menschen einfach in die buddhistischen Klöster geschickt. Dort konnten sie wohnen und bekamen zu essen und zu trinken. Ansonsten beachtete sie einfach niemand. Sie konnten sich aufführen, wie sie wollten, niemand schenkte ihren Verrücktheiten irgendeine Beachtung. Nach ein paar Wochen war ihre ganze Verrücktheit von ihnen abgefallen.

Bankei empfiehlt seinen Zuhörern, genau in dieser Weise ihre Gedanken mit Nicht-Beachtung zu „strafen“. Mir hat mal eine Frau erzählt, sie sei als kleines Mädchen von ihrem Onkel sexuell missbraucht worden, worunter sie bis zum heutigen Tag zu leiden gehabt hätte. Als ich sie bat, mir davon zu erzählen, konnte sie dies nicht, weil sie keinerlei Erinnerung an die Vorfälle hatte. Aber sie beteuerte mir immer wieder, dass es so war. Als sie mich fragte, ob ich ihr glauben würde, sagte ich wahrheitsgemäß, dass ich ihr glauben würde, dass sie von der Richtigkeit des wiederholten Missbrauchs überzeugt sei. Sie wurde total wüten, weil sie wollte, dass ich überzeugt sei, dass der Missbrauch tatsächlich stattgefunden hätte. Immer wieder wollen Menschen, dass andere ihnen ihre Geschichten bestätigen, und sie wissen nicht, was sie sich selbst damit antun.

Bankei sagt: „Heftet ihr euch an diese Bilder, die zurückgespiegelt werden, so lasst ihr unwissentlich Täuschungen entstehen.“ Und weiter: „Schenkt ihnen keine Beachtung, lasst ihnen ihren Lauf. Dann stellen sich keine Täuschungen ein.“ Buddhisten, die mit dem Thema der Nicht-Anhaftung vertraut sind, werden auf so ein Ansinnen vermutlich nicht mit Wut, sondern mit Verständnis reagieren. Ob es ihnen gelingt, ihren Gedanken keine Beachtung zu schenken, steht auf einem anderen Blatt. „Ursprünglich haben Gedanken keine wirkliche Substanz.“ sagt Bankei. Wird ihnen geglaubt, werden sie fest gehalten, scheinen sie Substanz zu bekommen. Und damit fängt das ganze Elend an.

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3 Antworten zu Bankei: Nicht-Beachtung

  1. kara schreibt:

    wollen sie den Menschen einreden, dass Millionen von arbeitslosen Hartz IV -lern nur an einer Wahrnehmungs- Störung leiden?
    was nach ein paar Wochen im Kloster ins Nichts sich auflöst?

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    • Nitya schreibt:

      Wieso nur den Millionen von arbeitslosen Hartz IV-lern? Was ist mit dem Rest der Menschheit?

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      • kara schreibt:

        das war nur ein Beispiel und sollte nicht der weiteren Fragestellung dienen.
        Was ist mit Ihren Herzschmerzen und den permanenten Zahnarztbesuchen…das wäre doch was für das Koster oder -;)
        LG

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