Alan Watts: wenn wir bloß Träume sind


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Im Allgemeinen haben die Philosophen des modernen Westens für diese traumhafte Anschauung der Dinge nicht viel übrig, vielleicht weil sie spüren, dass wir nicht wichtig sind, wenn wir bloß Träume sind, und wenn wir nicht wichtig sind, dann bauchen wir einander auch nicht zu achten. Wir kennen alle das Klischee, dass in China das einzelne Menschenleben wenig gilt. Natürlich, es hat ja zu viel davon; und wir selbst stumpfen ab angesichts des Bevölkerungswachstums und der Nachrichtenmedien, die uns an Statistiken ungeheurer Metzeleien gewöhnen. Aber noch niemand hat auf den notwendigen Zusammenhang zwischen den metaphysischen Anschauungen oder dem religiösen Glauben der Menschen und ihrem moralischen Verhalten hingewiesen. Menschen, die wichtig sind, können zu wichtig und so zu einem Ärgernis werden, das man beseitigen muss. Denken wir außerdem daran, dass die Folterungen und Verbrennungen der Inquisition aus tiefer Besorgnis um das Schicksal der unsterblichen Seele der Ketzer vollzogen wurden. [von wegen!]

Oft dient nur der Schmerz als Maßstab für die Wirklichkeit, denn ich habe noch nichts von physischem Schmerz in Träumen gehört, außer wenn ein wirklich physischer Grund vorliegt. Der Witz ist daher gang und gäbe, dass die Anhänger der Unwirklichkeit der Materie einen nur schwer von der Unwirklichkeit des Schmerzes überzeugen können.

Es war ein Geistheiler am Rhein,
der sagte: „Es gibt keine Pein.
Doch wenn was gespritzt
meine Haut auch nur ritzt,
dann ist das Gefühl sehr gemein.“

 aus: Alan Watts, „der Lauf des Wassers“aWas Wichtigkeit und Wert eines jeden Menschen betrifft, fällt mir natürlich Meister Eckhart ein mit dem Hinweis:

Immer ist die wichtigste Stunde die gegenwärtige;
immer ist der wichtigste Mensch der, der dir gerade gegenübersteht;
immer ist die wichtigste Tat die Liebe.

Und wenn ich an die Wirklichkeit der Person denke, Marguerite Porète:

Er ist und ich bin nicht mehr.

Ohne die Möglichkeiten des Tetralemmas stehen die Propheten der einen wie der anderen Seite ziemlich auf verlorenem Posten. Wobei das Tetralemma rein mechanistisch angewandt auch nicht so recht weiter helfen kann. Es ist die Möglichkeit der Gleichzeitigkeit aller Positionen, die intuitiv erfasst wird, um die es geht. Das können lineare Denkprozesse einfach nicht leisten. Ramana hat es so ausgedrückt:

Für jene, die das Selbst erkennen und für jene, die es nicht erkennen, ist der Körper ›ich‹. Für jene, die es nicht erkennen, ist das Ich lediglich auf den Körper beschränkt. Für jene, die das Selbst im Körper erkennen, erstrahlt das Ich als das unbegrenzte Selbst. Wisse, dass das der Unterschied zwischen beiden ist.

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3 Antworten zu Alan Watts: wenn wir bloß Träume sind

  1. Prem-Punito49 schreibt:

    ….. Denken wir außerdem daran, dass die Folterungen und Verbrennungen der Inquisition aus tiefer Besorgnis um das Schicksal der unsterblichen Seele der Ketzer vollzogen wurden.
    [von wegen!] ……
    Lieber Nitya ,
    deine Randbemerkung , .. von wegen … , ist das beste was mir heute passiert ist .
    Eine Einladung zum in sich rumkramen , zu schauen , welcher gütigen Mythe
    ein Punito pflegt , die sich bei näherer Betrachtung als Rechtfertigung
    der Wirklichkeitsvermeidung entpuppen könnte .

    Schönen Sonntag
    Herzgruß
    PUNITO

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