Alan Watts: Man ist wenigstens alles das, was man erlebt.


A
Wer nicht begehrt (ermangelt), der erhält; wer hat, dem wird gegeben. Für die, welche meinen, dass sie nicht haben, ist das ein ärgerliches Paradox. Wenn du im Grunde deines Herzens verzweifelt am Leben hängst und alles in der Hand haben willst, kannst du die richtige Haltung nicht einnehmen und die Sorgen fahrenlassen. Freilich ist der Versuch, die Sorgen loszuwerden, ebenfalls ein Bemühen um Kontrolle über die Dinge. Im Sinne von wu-wei muss man sich daher die Freiheit der Sorge gestatten – „den Geist denken lassen, was er will“ (Lieh-tzu). Aber „man muss sich gestatten“ ist bloß eine Redensart, eine grammatische Fiktion, da man – um es klar auszusprechen – wenigstens alles das ist, was man erlebt, und der Geist oder das Bewusstsein ist identisch mit dem sog. Raum, und zwar uneingeschränkt.

Wenn jemand dir den Kopf abschlägt, so fügst du dir dies und das ganze damit verbundene Grauen selber zu. Die totale Unbewusstheit, die darauf „folgt“, ist das intensive negative Gegenstück des intensiven positiven Gefühls, lebendig und wirklich zu sein, der yin-Aspekt des yang. Die Aussicht auf und die Erinnerung an den Tod als etwas unbedingt Wirkliches – die totale Auslöschung – geben dem Leben seinen Schwung und seine Bedeutung. Wie im yin-yang-Symbol der Doppelhelix ist dies der alternierende Pulsschlag der ewigen Folge von Überraschungen, die man als das Selbst bezeichnet, in der das Vergessen ebenso nötig ist wie das Erinnern.

aus: Alan Watts, „Der Lauf des Wassers“

„… muss man sich daher die Freiheit der Sorge gestatten – ‚den Geist denken lassen, was er will‘ … Aber ‚man muss sich gestatten‘ ist bloß eine Redensart, eine grammatische Fiktion, da man – um es klar auszusprechen – wenigstens alles das ist, was man erlebt, …“ Ist das nicht richtig fies? Da gibt es nichts zu gestatten, da gibt es überhaupt nichts zu drehen und zu wenden und herum zu manipulieren: Du bist, was du zu sein glaubst. „Wer nicht begehrt (ermangelt), der erhält; wer hat, dem wird gegeben. Für die, welche meinen, dass sie nicht haben, ist das ein ärgerliches Paradox.“ Das ist schon mehr als ein ärgerliches Paradox. Das ist absolut beschissen für diejenigen, die sich für ein armes Würstchen halten. Alan Watts sagt: „Wenn du im Grunde deines Herzens verzweifelt am Leben hängst und alles in der Hand haben willst, kannst du die richtige Haltung nicht einnehmen und die Sorgen fahrenlassen.“ Und wer hängt denn nicht verzweifelt am Leben? Und wenn der Betreffende dann denkt: „Aha, ich hab’s kapiert. Ich werde mich bemühen, nicht mehr am Leben zu hängen und nichts mehr zu begehren, dann macht dir das Leben eine lange Nase und zeigt dir, dass dir das alles nichts nützt. So, und jetzt darfst du dir auch noch die Freiheit der Sorge gestatten. Aber du darfst sie dir nicht wirklich gestatten, denn das wäre ja schon wieder ein Manipulations- und Kontrollversuch und das haut absolut nicht hin. Grrr…..
JAber dann kommt’s noch dicker: „Wenn jemand dir den Kopf abschlägt, so fügst du dir dies und das ganze damit verbundene Grauen selber zu.“ Na, ist das nicht ein feiner Abgang? Da lieg ich nu und darf mir mal endlich meinen Rücken betrachten und neben mir steht nun scheinbar dieser „Jihadi John“, dieser Mistkerl und – nein, stimmt ja gar nicht – ich, ich habe mir dies und das ganze damit verbundene Grauen selber zugefügt! Soll ich das jetzt diesem Alan Watts glauben? Noch einmal das, was er dazu sagt: „Um es klar auszusprechen: Wenigstens alles das ist, was man erlebt, und der Geist oder das Bewusstsein ist identisch mit dem sog. Raum, und zwar uneingeschränkt.“ Na, da muss ich mal drüber nachdenken. Ich hab ja jetzt endlos Zeit.

DH

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13 Antworten zu Alan Watts: Man ist wenigstens alles das, was man erlebt.

  1. Eno schreibt:

    „Na, da muss ich mal drüber nachdenken. Ich hab ja jetzt endlos Zeit.“

    Genau, das Nachdenken über all den Quatsch wird wahrscheinlich endlos Zeit beanspruchen.
    Endlos ziehen die endlosen Antworten auf die endlosen Fragen des Lebens dahin…
    „Denkt das Schwein es hat das Glück, zieht die Sau den Arsch zurück“, sagte man bei uns im Dorf.
    Und dann noch all die Erwachten und Angekommenen, die ihren Quatsch dann noch lehren müssen…
    „Wer nicht begehrt (ermangelt), der erhält; wer hat, dem wird gegeben. Für die, welche meinen, dass sie nicht haben, ist das ein ärgerliches Paradox.“
    Dieser Satz allerdings, der erzeugte mal wieder ein „Ah ja!“. Das kann ich voll und ganz unterschreiben, das ist wirklich so, obwohl ich nicht weiß, wie man nicht begehrt oder ermangelt, aber das Leben ist absolute Fülle ohne Begehren und Ermangelung, super. Aber bedarf es nicht auch Begehren und Ermangelung um die Fülle überhaupt erfahren zu können? Seht ihr? Schon geht es wieder los…
    Dann wendet es sich ab. Der Blick aus dem Fenster, das Fühlen der heißen Tasse Tee gehalten in der Hand…
    Keine Ahnung
    immer wieder
    keine Ahnung
    und auch kein Entkommen
    dem
    was
    ist

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  2. fredo0 schreibt:

    ich denke ja dass viele missverständnisse oder knoten dadurch kommen , dass viele hinweise im spirituellen in form eines imperativs formuliert werden .
    wenn da steht „du sollst dich der sorgen enthalten“ oder das „begehren vermeiden“ , kann das nur missverstanden werden .

    ich bevorzuge da mitlerweile die reine neutrale beschreibung , die ( wenn überhaupt ) dann über „magnetische ahnung“ beim höherenden/lesenden funktioniert . Oder aber halt zur eigenen freude nur formuliert , als annäherung.

    also in etwa so . “ ich bemerke , das sich keine sorgen ( wie gewohnt ) einstellen , und Leben trotzdem bestens funktioniert“ .
    da kann dann der leser sanft forschend , der eigenen ahnung folgend , nach spüren , ob da diese „sorglosigkeit“ bei ihm selbst zu finden ist , oder erahnt werden kann ( was die beste art des „findens“ ist wie ich meine ).
    oder auch ein „irgendwie wird begehren vermieden , ohne es zu vermeiden “ .
    derartige hinweise , einfach nur aus (selbst)beobachtung formuliert , erscheinen mir ungleich „nährender“ , wie diese imperativen diktischen sätze der „klugheit“ …

    ich vermute aber , nach eigenem eruieren von originaltexten , das gerade das „imperative“ eine beliebte masche der (missverstehenden) übersetzer sind …

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    • Nitya schreibt:

      „ich bemerke , das sich keine sorgen ( wie gewohnt ) einstellen , und Leben trotzdem bestens funktioniert.“

      Ehrwürdiger Fredo,

      Das ist fein formuliert. Da schreibt jemand von sich, gibt niemandem einen Ratschlag, und sagt schon gar nicht, was er gefälligst zu glauben hat, weil das die einzige wirklich wirkliche Wahrheit sei. Derjenige, der das liest oder hört, wird vielleicht neugierig und guckt, ob das bei ihm ähnlich ist. Kein Widerstand, keine Redeschlachten. keine Besserwisserei, das Ego wird nicht unbedingt hochgekitzelt.

      Fredo: „Fein das.“
      Find ich auch.

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    • Eno schreibt:

      so scheint es auch mir zu sein, lieber fredo, wenn sich eine(r) die hörner abgestoßen hat!🙂

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  3. Savitri schreibt:

    Dieses lief mir gestern über den Weg und ich finde es schön. Passt auch zu dem gestern erwähnten Holzhacken „vorher – nachher“…
    Ich lese zur Zeit gerne häppchenweise vorm Einschlafen diese kleinen Geschichten von Anthony de Mello, die oft so lustig sind, dass ich laut lachen muß.
    Hier zu lesen ist auch immer wieder schön; danke Euch!🙂

    Nirgendwohin (Anthony de Mello)

    Warum bist du zum Meister gekommen?“
    „Weil mein Leben nirgendwohin verlief und mir nichts gab.“
    „Und wohin verläuft es jetzt?“
    „Nirgendwohin.“
    „Und was gibt es dir jetzt?“
    „Nichts.“
    „Was ist dann der Unterschied?“
    „Jetzt gehe ich nirgendwohin, weil nirgendwo hinzugehen ist. Ich erhalte nichts, weil nichts zu begehren ist.“

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