Nisargadatta: Die Traumwelt der Phänomene wird bezeugt


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Wenn das, was ich bisher gesagt habe, klar verstanden worden ist, sollte es Ihnen dann nicht möglich sein, Ihren wahren Zustand zu erfassen, den Zustand, bevor ‚Sie‘ geboren wurden? Können Sie zu diesem ursprünglichen Zustand zurückkehren, bevor das Bewusstsein spontan auftauchte und das Gefühl von Anwesenheit mit sich brachte? Dieser spätere Zustand des ‚Gefühls von Anwesenheit ist wahr, solange der Körper existiert. Niemand wird geboren, niemand stirbt. Es gibt nur den Anfang, die Fortdauer und das Ende eines Ereignisses, das als Lebenszeit objektiviert wird. Als Phänomenon gibt es keine Wesenheit, die gebunden ist, und als Noumenon kann es keine Wesenheit geben, die befreit werden müsste. Folgendes muss erfasst und wahrgenommen werden: Die Traumwelt der Phänomene ist etwas, das lediglich bezeugt wird.

Nisargadatta in „Pointers“ von Ramesh S. Balsekar

„Dieser spätere Zustand des ‚Gefühls von Anwesenheit‘ ist wahr, solange der Körper existiert.“ Und wenn der Körper zu existieren aufgehört hat – ist er nicht wahr bzw. gibt es ihn gar nicht? Das ist eine spannende Frage, weil immer wieder die Aussage auftaucht, dass es einen Zustand hinter dem Bewusstsein gibt. Da wird gesagt, Bewusstsein sei bereits die erste Erscheinung. Wer weiß das, kann ich da nur fragen. Wer kann von einem Zustand jenseits des Gefühls von ‚Anwesenheit‘ authentisch berichten? Ist das alles das Ergebnis logischer Schlüsse oder wird es wirklich erfahren? Nisargadatta sagt: „Wenn die Lebenszeit vorüber ist, geht das Bewusstsein im ursprünglichen Zustand auf, wo es kein Bewusstsein einer Anwesenheit gibt.“ Gibt es im ursprünglichen Zustand, dem Zustand vor der Geburt, überhaupt so etwas wie Bewusstsein bzw. ein Bewusstsein von Bewusstsein? Nisargadatta fragt: „Können Sie zu diesem ursprünglichen Zustand zurückkehren, bevor das Bewusstsein spontan auftauchte und das Gefühl von Anwesenheit mit sich brachte?“ Manche sagen „ja“, manche sagen „nein“, und jede dieser Antworten sind für andere völlig irrelevant. Es bleibt niemandem erspart, das für sich selbst herauszufinden.

Für mich kann ich sagen, dass es einen Zustand vor einem Bewusstsein von Anwesenheit gibt. Völlig unpersönlich, ohne jede Identität und ohne jedes Objekt, ohne Zeit und ohne Raum. Aus der Sicht einer Person – stinklangweilig. Keine Blitze vom Himmel, keine grenzenlose Liebe, keine Ekstase, … da ist einfach kein Ding – und doch ein Gewahrsein dieses Zustandes, der kein Zweites kennt. Dafür musste dieser Körper hier nicht erst sterben. Ob dies der Zustand vor meiner Geburt war, kann ich nicht sagen, weil ich mich nicht an eine Zeit vor meiner Geburt erinnere. Aber ich vermute sowieso, dass es hier gar nicht so sehr um Geburt und Tod des Körpers geht als vielmehr um Geburt und Tod der Ich-Vorstellung.

NDann ist da ein Zustand, in dem Phänomene erscheinen und sehr bald taucht auch die Frage auf, wem das erscheint und – haste nicht gesehen – lässt sich auch schon die Person blicken, die sich „Ich“ nennt und glaubt, das alles zu sehen, „was sie sieht“. Nehmen wir mal an, ich hätte bei dem kürzlich stattgefundenen Germanwings-Absturz zugeschaut, hat dieser nun wirklich stattgefunden oder hätte ich den Absturz nur geträumt? Wenn ich so frage, gerate ich vermutlich auf arge Abwege. Sowohl der Absturz wie die Person, die glaubt, ihn gesehen zu haben, sind Phänomene die wie aus dem Nichts aufgetaucht sind. Erst die Spaltung in scheinbares Subjekt und scheinbares Objekt löst die ganze Verwirrung aus und möglicherweise das, was Fredo so gern „curiosity“ nennt. Deswegen bleibe ich übrigens lieber bei dem Begriff des Zeugen, weil dieser kein bisschen neugierig ist. Er ist so wenig neugierig, wie ein Spiegel neugierig ist. So wie im Spiegel Erscheinungen auftauchen, so taucht im Zeugen die ganze Vielfalt des Lebens auf. Ramana sagt in seinen vierzig Versen: „Wozu nützt die Diskussion, ob die Welt wirklich oder lediglich eine unwirkliche Erscheinung ist, ob ihr Bewusstsein eigen ist oder nicht, ob sie Glück oder Leid bedeutet? Der egolose Zustand, der diese dualistischen und nicht-dualistischen Überzeugungen überschreitet, in dem man die Welt lässt und sich selbst durch Ergründung erkennt, ist allen lieb und teuer.“ Das ist natürlich keine Antwort auf die entsprechenden Fragen. Es ist nur ein Hinweis darauf, wie müßig „curiosity“ im Hinblick auf das Wirkliche ist. Um einem möglichen Missverständnis zuvorzukommen, möchte ich nur anmerken, dass ich neugierig wie Sau bin – ich, die Person Nitya. Der Zeuge bleibt von allem unberührt. Nisargatta nennt diese Welt und alles, was sich darin ereignet, eine Traumwelt und er fügt hinzu, dass sie bezeugt wird. Das ist alles.
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7 Antworten zu Nisargadatta: Die Traumwelt der Phänomene wird bezeugt

  1. Georg Alois schreibt:

    „Für mich kann ich sagen, dass es einen Zustand vor einem Bewusstsein von Anwesenheit gibt. Völlig unpersönlich, ohne jede Identität und ohne jedes Objekt, ohne Zeit und ohne Raum.“
    Und dann sagen Sie noch, dass es „stinklangweilig“ sei, aus der Sicht einer Person. Mit den Worten: „aus der Sicht einer Person“ ziehen Sie sich natürlich „geschickt“ aus der Affäre………..
    Der totale „Hammer“ ist doch die Zeitlosigkeit!!! oder?
    Natürlich sind die Worte ganz miese Vehikel um so etwas zu beschreiben, aber ist bei Ihnen denn nicht auch ein unfassbares, unendliches „boooooo“ aus dem Erfahrenen „geblieben“???
    Für mich ist das das reinste Gegenteil von „stinklangweilig“…………

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  2. Hallo,
    dieses Thema besitzt eine unendliche Tiefe. Es ist eines der tiefgreifendsten Themen über unsere Existenz und deren Realität. Ist unser Leben eine reale Wirklichkeit oder nur ein Traum, eine Illusion? Und was würde sich für uns ändern, wenn wir die Antwort kennen?
    Es gibt zumindest ein zweifelsfreies wirkliches Fakt: Irgendetwas – in welcher Form auch immer – muss zwangsläufig existieren um etwas wahrzunehmen! Wenn alles nur ein Traum ist, dann muss etwas da sein was diesen Traum träumt!
    Da ein Traum sehr real sein kann, könnte unser Leben theoretisch auch einer sein. Die sogenannten „Erwachten“ Menschen behaupten das zumindest und erkennen das Leben als einer Art Film und sich selbst als den „Betrachter“, als die Wahrnehmung selbst.
    Nun stellt sich daraus die Frage, sind wir nun tatsächlich dieses wahrnehmende Etwas oder sind wir das, was von diesem Etwas realisiert (materialisiert) und dadurch wahrgenommen wird?
    Ich persönlich bin der Meinung, wir sind letztlich das, wofür wir uns entscheiden!

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  3. fredo0 schreibt:

    „““Nun stellt sich daraus die Frage, sind wir nun tatsächlich dieses wahrnehmende Etwas oder sind wir das, was von diesem Etwas realisiert (materialisiert) und dadurch wahrgenommen wird?“““

    es ist keine entweder/oder-antwort , sondern eine sowohl/als-auch-antwort.

    das, was da „wahrnimmt“ ist halt kein „etwas“ was wahrnimmt … (also subjekt-objekt) sondern wahrnehmung selbst …
    und hier die sprache „in absolutum“ zu verstehen … da ist nur (selbst)wahrnehmung (des) selbst ..

    das so oft beschworene „selbst“ ist nix anderes als wahrnehmung … das berühmte bild des auge gottes

    natürlich ist dies nicht zu be-greifen … denn hier weist die sprache auf etwas eindimensional/absolutes hin und nicht auf etwas vieldimensional objekthaftes …

    es ist auf „erlebnis-ebene“ auch genau deshalb so unvorstellbar … weil da halt kein „etwas“-objekt , das davor-gestellt werden könnte …

    und wenn es sich selbst offenbart hat , ändert sich auch nix an dieser „unvorstellbarkeit“ … es bedarf dann nur keiner vor-stellung mehr , da ES sich als unmittelbar erwiesen hat .

    dazu … wie sagte der vortreffliche ram tzu : „ist die antwort gefunden , verliert die frage jegliche bedeutung“ ….
    soll heißen , mit der gewissheit dass DA (nur) wahrnehmung ist , verliert sich die frage nach einem „wahrnehmenden etwas“ oder einem durch wahrnehmung „materialisiertem etwas“ in die überflüssigkeit …

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