Jesus: Ein Kamel kann durch ein Nadelöhr gehen, …


J
Ich kritisiere nur jemanden, den ich liebe, sonst halte ich ihn nicht für wert, kritisiert zu werden. In dem Film [über Jesus] waren ein paar Stellen … An einer Stelle kam ein reicher Mann zu Jesus, ein junger Mann, der gerade ein halbes Reich geerbt hatte, und fragte ihn: „Ich würde so gerne mit dir gehen, aber was sind die Bedingungen?“ Jesus antwortete: „Als erstes geh und verteile alles, was du besitzt, an die Armen.“ – „Alles?“ fragte der Mann. „Ja“, antewortete Jesus. „Gib alles weg und komm zu mir.“ Der Mann stand da, zögerte, und ein Kichern ging durch die Menge. Und als der reiche Mann in der Menge verschwand, um sich vor den Blicken der anderen zu verbergen, sprach Jesus den berühmten, wenn auch angeblich falsch übersetzten Satz: „Ein Kamel kann durch ein Nadelöhr gehen, aber ein reicher Mann kann nicht durch die Tore Gottes gehen.“

Auf die Art hat man die Armut verherrlicht. Und indem man die Armut verherrlicht, zerstört man die Kunst, Reichtum zu schaffen, die Kunst, das Leben komfortabler zu gestalten, und man tröstet den Armen in seinem Elend, in seiner Armut. Und dieser Mann, der junge Mann, der gekommen ist – du hast zu viel von ihm verlangt, und zu früh! Ein Meister sollte es nicht so eilig haben. Er hat gerade ein Reich geerbt und schon soll er alles verteilen …! Und er hatte gefragt: „Alles? Meinst du wirklich alles?“ Wenn Jesus zu ihm gesagt hätte: „Verteile etwas davon!, und wenn er ihm dann näher gekommen wäre: „Verteile noch etwas mehr“, und je mehr er an Nähe und Einsicht gewachsen wäre, so wäre das ganze Reich verteilt worden. Jesus selbst ist es, der ihn daran hindert. Er kommt und ist bereit, aber zu viel zu verlangen, wenn die Zeit noch nicht reif ist, das zeugt von Übereile. Ich hätte gar nichts verlangt. Wenn er gekommen wäre, hätte ich ihn willkommen geheißen, und so ganz allmählich hättet ihr ihm dann geholfen, sein Reich aufzulösen.

Wirklich, ehe ein Mensch nicht wach und bewusst geworden ist, sollte man so etwas Unmögliches nicht von ihm verlangen. Aber alle Religionen haben seit jeher unmögliche, unnatürliche Dinge verlangt. Dieser Mann muss mit einem Schuldgefühl, mit dem Gefühl der Minderwertigkeit, weggegangen sein, weil er nicht mutig gewesen war. Jetzt hast du ihm eine Wunde beigebracht. Wer sollte ihn jetzt heilen?

aus: Osho, „Das Zen-Manifest“

ONa denn, dann kritisiere ich auch mal wieder jemanden, den ich liebe. Als ich diesen Satz las – „Ich hätte gar nichts verlangt. Wenn er gekommen wäre, hätte ich ihn willkommen geheißen, und so ganz allmählich hättet ihr ihm dann geholfen, sein Reich aufzulösen. „, musste ich unwillkürlich an meine Internatszeit denken. Wenn ich von meiner Mutter mal wieder einen Wäschekorb mit frisch gewaschener Wäsche zugeschickt bekam, lag da auch immer eine Tafel Schokolade dabei. Die Jungs aus dem Internat halfen mir dann auch immer sofort dabei, „mein Reich aufzulösen“ und zwar ziemlich vollständig. Ich bezweifle, dass das aus mir einen besseren Menschen gemacht hat. Und der erste von Oshos Vorschlägen, die Forderungen an den reichen Jüngling allmählich zu steigern, anstatt alles auf einmal zu verlangen, erinnern mich irgendwie an die Vorgehensweise eines Heiratsschwindlers. Osho, Osho, was hat dich denn da bloß geritten? Na ja, irgendwie halte ich ihm zugute, dass ich ihn möglicherweise völlig falsch interpretiert habe. Aber Scheiße, es klingt für mich wirklich erst einmal nach einer (verdammt schäbigen) Absicht.

Vielleicht kennt jemand von euch Jean Liedloffs Buch „Auf der Suche nach dem verlorenen Glück“. Darin beschreibt sie sehr berührend, wie der „reiche Jüngling“ ganz von sich aus wieder mit seinen ehemaligen Freunden mitspielen will, die er einst verlassen hatte, um das große Geld zu machen. Wie er als Gescheiterter wieder zurückkommt und voller Verachtung für seine dummen ehemaligen Freunde ist, wie er seine Einsamkeit erkennt und unter ihr leidet und wie er voller Freude wieder von seinen Freunden aufgenommen wird in ihrem Kreis, als er zu ihnen zurückkehrt. Keiner hat ihn gedrängt, keiner hat ihm dumme Fragen gestellt, keiner ihm Vorwürfe gemacht – sie waren einfach alle froh, dass er wieder bei ihnen war. Da gab es keinerlei Absicht, nur Freiwilligkeit und offene Arme und Herzen. Aber das waren ja auch einfache indigene Südseeinsulaner, die nicht nach Erleuchtung oder dem Himmelreich strebten.

G

 

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4 Antworten zu Jesus: Ein Kamel kann durch ein Nadelöhr gehen, …

  1. zaungast schreibt:

    Ich glaube, Osho wollte sich an dieser Stelle nur mal über Jesus stellen, in dem Sinn: „Glaube keinem Meister (auch mir nicht). Sei Dir selbst ein Licht.“
    Wer weiß…

    Liedloffs Buch ist z.T. von ihren persönlichen Idealen vom „edlen Wilden“ durchzogen. Das permanente Tragen von Kindern als „Allheilmittel“ ist ein wenig einseitig gedacht. Liedloff wollte halt was „Gutes“ für die „unheile“ Welt tun.
    Nach einigen Untersuchungen hat sich gezeigt, dass Kinder der westlichen Gesellschaft unterschiedlich reagieren. Es gibt Kinder, die durch permanentes Tragen noch „quängeliger“ als sonst sind. Als wären sie schon von Geburt an prädisponiert. Die westliche „Unruhe“ liegt wohl schon in den Genen😉
    Da „helfen“ vermutlich doch nur Erleuchtung und Himmelreich anstatt zurück zur Wildnis :-)… aber vielleicht liegt ja beides gar nicht so weit auseinander (?)

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    • Paulynette schreibt:

      was für eine Freude, dich hier zu lesen!!!

      Zu deinem Text – mein Enkel ist so ein Westkind, der an manchen Tagen wie verrückt zappelt, wenn man ihn noch nimmt. Dann will er lieber rennen, toben, klettern. Da seine Oma weiß, dass er bereits erleuchtet ist (schmunzel) lernt sie von ihm und klettert, tobt und rennt mit. Seit ich ihm folge ist „meine“ Welt heiler geworden😀

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      • Paulynette schreibt:

        hoch (!) nimmt, sollte es heißen, wenngleich noch (!) nehmen sein Naturell sehr gut widerspiegelt, mit seinen zwei Jahren will er immer alles alleine machen, also lieber gehen als getragen werden!

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  2. Nitya schreibt:

    Ooch, die edlen Wilden gibt bzw. eher gab es durchaus, bis wir ihnen den Garaus gemacht haben. Die Übertragung von Verhaltensweisen indigener Völer auf den Westen muss dagegen zwangsläufig schief gehen, wobei Ausnahmen die Regel bestätigen mögen.

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