Alan Watts: lineare vs. zyklische Auffassung

 xDas chinesische Denken und Fühlen wurzelt in dem Prinzip der Polarität, das nicht zu verwechseln ist mit dem Begriff des Gegensatzes oder Konflikts. In den Sinnbildern anderer Kulturen kämpft das Licht mit der Finsternis, das Leben mit dem Tod, das Gute mit dem Bösen, und so konnte sich in weiten Teilen der Welt die Vorstellung verbreiten, dass das eine zu bejahen, das andere zu verneinen sei. Dem traditionellen chinesischen Denken wäre das so unverständlich wie ein elektrischer Strom ohne den positiven und den negativen Pol, denn die Polarität ist das Prinzip, dass + und -, Nord und Süd, verschiedene Aspekte ein und desselben Systems sind und dass das Verschwinden des einen das Verschwinden des anderen Systems bedeuten würde.


 

Menschen, die in der Aura christlicher und hebräischer Entelechie aufgewachsen sind, finden dieses Prinzip beklemmend, weil es scheinbar jede Möglichkeit des Fortschritts verneint, ein Ideal, das von ihrer linearen (im Unterschied zur zyklischen) Auffassung von Zeit und Geschichte herrührt. In der Tat ist die westliche Technologie ganz darauf abgestellt, „die Welt zu verbessern“, Freude zu haben ohne Leid, Reichtum ohne Armut und Gesundheit ohne Krankheit. Doch wie jetzt zutage tritt, haben unsere gewaltigen Anstrengungen, dieses Ziel mit Mitteln wie DDT, Penizillin, Kernenergie, Autotransport, Computer, industrieller Landwirtschaft und Kraftwerken zu erreichen und jeden gesetzlich zu zwingen, oberflächlich „brav und gesund“ zu sein, mehr Probleme geschaffen, als sie zu lösen. Wir haben ein komplexes System von Beziehungen gestört, das wir nicht verstehen, und je mehr wir zu seinen Details vordringen, desto mehr entzieht es sich uns, indem es immer mehr Details enthüllt.

aus: Alan Watts, „Der Lauf des Wassers“

Alan Watts„In der Tat ist die westliche Technologie ganz darauf abgestellt, ‚die Welt zu verbessern‘, Freude zu haben ohne Leid, Reichtum ohne Armut und Gesundheit ohne Krankheit.“ Nun mal langsam mit den jungen Pferden! Wer wünscht sich das nicht? Der Wunsch nach Vermeidung von Leid, Armut, Krankheit und dergleichen ist doch wohl allem Lebendigen gemein und nicht nur den westlichen Technologen. Die Mittel, die verwendet werden, um all diese Widrigkeiten zu verhindern, sind es vorrangig, die die ursprünglich östliche und die ursprünglich westliche Haltung kennzeichnen. Victor Schauberger, der gestern zu Wort kam, repräsentiert für mich der Natur gegenüber eine Haltung, die eher der östlichen Haltung entspricht. Er kämpfte nicht gegen die Natur, er arbeitete auf sehr intelligente Weise mit ihr. Genau das tun auch die von uns so gering geschätzten Mitgeschöpfe. Ich denke, dass er nie auf die Idee gekommen wäre, die Grundlagen für unser aller Leben anzutasten und etwa DDT oder Kernenergie zu befürworten.

Was Alan Watts hier beschreibt, ist nicht nur ein interessantes philosophisches Gedankenspiel, sondern berührt ganz unmittelbar die Existenz allen Lebens. Wenn Alan Watts hier sagt, dass das Verschwinden eines Pols das Verschwinden des ganzen Systems bedeutet, so ist das tatsächlich wörtlich zu nehmen, wie an einem einfachen Stromkreismodell gut zu veranschaulichen ist:

stromkreis
Der ganze westliche Ansatz ist von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Kaum etwas kann das besser verdeutlichen, als der Aufruf des Vertreters des „Guten“, George W. Bush, die „Achse des Bösen“ zu bekämpfen. Das destruktive Chaos, das er, seine Vorgänger und Nachfolger angerichtet haben, kriegen wir alle zu spüren. Wer „das Böse“ im Außen zu bekämpfen versucht, ignoriert „das Böse“ in sich selbst. Dafür gibt es natürlich Beispiele so zahlreich wie der Sand am Meer. Der Daoismus ist nicht irgendeine von vielen philosophischen Spielarten. Er beschreibt mit geradezu wissenschaftlicher Präzision, wie die Existenz tickt. Er glaubt an gar nichts wie der gläubige Westen. Er hat einfach die Augen offen und vertraut. Insofern lautet seine Botschaft nicht: „Tod den Ungläubigen!“, sondern: „Der Tod wartet auf die suizidalen Gläubigen.“ Denn glauben heißt, die Augen verschließen und seinen Projektionen folgen. Und das kann nur tödlich enden. Daoisten sind die Quelle der Aufklärung.

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8 Antworten zu Alan Watts: lineare vs. zyklische Auffassung

  1. Georg Alois schreibt:

    In den Archiven des Vatikans liegen ja alle Korrespondenzen die jemals mit ihm geführt wurden. Unter anderem auch der Schriftverkehr der ersten Missionare die in Nordamerika eingefallen sind. Ich habe das im Wortlaut nicht mehr vorliegen, aber dort heißt es: „Wir werden es sehr schwer haben mit der Missionierung dieses Volkes, weil hier die Eltern ihre Kinder nicht schlagen…. die leben quasi im Paradies!“
    Fortschritt ???

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  2. Strandläufer schreibt:

    „glauben heißt, die Augen verschließen und seinen Projektionen folgen“

    Einfach nur gut, danke!

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  3. fredo0 schreibt:

    die gedanken des dao haben es noch nicht mal zu einer ordentlichen religion geschafft . kein pabst , kein ayatolla , kein heiliges buch .
    nur so ein paar gehäufte schlausätze und im volk restverwertung von aberglauben und kampfkunst .
    und das soll die quelle der aufklärung sein ?
    oder etwa …… gerade deswegen ? …😉

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    • Nitya schreibt:

      DEN Daoismus gibt es natürlich gar nicht. Gott sein Dank!

      Es gab und gibt ein paar helle Geister, die ein paar Klasse „Schlausätze“ verloren haben, die ich als Quelle der Aufklärung bezeichnen möchte. Mehr is nicht. Reicht doch, find ich so.🙂

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