Whyte: Der Ursprung der Gedanken ist das Scheitern

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Der Ursprung der Gedanken ist das Scheitern. Wenn die Tat befriedigt, bleibt nichts zurück, was die Aufmerksamkeit noch festhält. Denken heißt, einen Mangel eingestehen, mit dem wir ins Reine kommen müssen. Erst wenn der menschliche Organismus die richtige Antwort auf seine Lage verfehlt, gibt es Stoff für Gedankenabläufe, und je größer das Versagen, desto tiefer schürfen sie …

Konfuzius ist das erste anschauliche Beispiel eines Menschen in dieser Lage. In seiner Sorge über den Zerfall der primitiven chinesischen Kultur suchte er die Ordnung wiederherzustellen, indem er sich auf die Kraft von Vorstellungen verließ, menschliches Verhalten zu organisieren. Er war sich darüber im Klaren, was ihm vorschwebte. Die Gesellschaft sollte dadurch ins Lot gebracht werden, dass alles beim rechten Namen genannt wurde, oder, wie er es ausdrückte, durch die „Berichtigung der Namen“.

Lancelot Whyte

Über den Zerfall der westlichen Kultur brauchen wir nicht streiten. Er ist evident. Und natürlich zerbrechen sich pausenlos zahllose Menschen den Kopf, wie sie „die alte Ordnung“ wiederherstellen können. „Die alte Ordnung“, das ist eine sehr verschwommene Vorstellung vom Leben unserer Altvorderen und irgendeinem goldenen Zeitalter. Symbolfiguren für den Zerfall dieser heiligen Ordnung gibt es zuhauf. Sepp Blatter ist gerade wieder in, Conchita Wurst brachte die russische Volksseele zum Kochen, mich überkommt ein heiliger Zorn, wenn ich diesem George Friedman zuhöre, die Missbrauchsfälle bei den Kirchen oder auch bei reformpädagogischen Anstalten, Monsanto & Co., Atomenergie für unseren Unersättlichen Energiehunger, usw. – das geht endlos so weiter. Poroschenko soll für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen worden sein. Ach ja, ich hör schon auf.

Konfuzius kommt da auf die glorreiche Idee, alles käme in Ordnung, wenn man die Dinge wieder beim rechten Namen nennen würde. Wie denn beim rechten Namen nennen? Vielleicht wie das George Orwell in 1984 beschrieben hat? Statt einer Abmahnung wegen permanenter kriegerischer Überfälle gibt’s eine Auszeichnung in Form des Friedensnobelpreises … etwas in der Art? Und was soll dadurch wieder in Ordnung kommen? Nein, die Taschenspielertricks des Herrn Konfuzius können immer nur noch tiefer in die Zerstörung jeglicher Ordnung führen. Die alte Ordnung wiederherstellen, wollten schon die Nazis oder heute irgendwelche eher rückwärtsgewandten Gruppen. Alles nur Vorstellungen, Vorstellungen, die mit mehr oder weniger Gewalt durchgesetzt werden müssten. Wo soll denn das hinführen? Ich scheine jede Menge keltisches Blut in den Adern zu haben. Na und? Vielleicht lese ich deshalb gern Asterix und Obelix. Das ist aber auch schon alles. Ich habe nicht vor zu Beltane im Wald Feuer zu machen und darum herum zu hüpfen oder den Kopf meiner Feinde zu pfählen und sie vor meine Hütte aufzupflanzen.

Noch mal und immer wieder Seng-ts’an: „Suche nicht nach dem Wahren, hör einfach auf, deinen Vorstellungen zu glauben.“ Der natürliche Wasserlauf hat seine eigene Intelligenz. Die menschliche Kanalisierung zerstört die natürliche Ordnung. Und die angebliche Bändigung der Atomenergie durch die Menschen gibt allem nur noch den letzten Rest. Unsere Vorstellungen sind es, die uns zugrunde gerichtet haben. Ja, haben. Es ist ja nicht fünf vor 12, sondern bereits alles zu spät. Und da spielen diese Vollidioten wie George Friedman auch noch mit dem Feuer. Der kann den Big Bang auch nicht mehr abwarten.

BJe größer das Versagen, desto tiefschürfender die Gedanken. Und das Einzige, was dabei herauskommt, ist ein noch größeres Versagen, bis – die Grenze zur Selbstzerstörung überschritten wurde. Die Kernenergie „scharrt schon mit den Hufen“.


Tja, was macht „ein Mensch des Tao“ in so einer Situation? Was meint Holger Strohm mit Aufwachen? Auf die Straße gehen? Ein guter Freund von mir hat sich einen kleinen zusammenlegbaren Hocker zugelegt, den er auf sein Fahrrad packt. Damit fährt er nun in die Natur, setzt sich auf seinen Hocker und guckt mit einem ebenfalls nagelneuen Fernglas den Kranichen zu oder was ihm sonst so da draußen begegnet. Was soll „ein Mensch des Tao“ auch sonst machen? Da ich ein fauler Hund bin und nicht mehr so recht fahrradtauglich, bleibe ich bei meinen Eichhörnchen und Dompfaffen und Elstern und Mäusen und Meisen und Eichelhähern und Amseln und was sich da sonst noch so direkt vor meinem Fenster herumtummelt und lass mich dabei von keinem Gedanken an einen Big Bang irritieren.

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18 Antworten zu Whyte: Der Ursprung der Gedanken ist das Scheitern

  1. fredo0 schreibt:

    ein interessanter und inspirierender satz „der ursprung des gedankens ist das scheitern“ …

    da ich ja das scheitern ohnehin für den „schlüssel“ der suche halte , rennt dieser satz bei mir offene türen ein …

    wobei ich ja den begriff „ursprung“ so nicht nutzen würde .
    das motiv des gedankens , oder der anlass des denkens erscheint mir da sinniger …

    mit ursprung würde ich immer eher eine art räumliche ursprünglichkeit sehen , die den gedanken quasi energetisch entstehen lässt , aber halt erstmal inhaltlich neutral , einfach so als impuls …
    wie er sich dann „formt“ , also benennt , oder be-wortet , scheint mir dann dem anlass geschuldet …

    (nur mal so ein wenig am mittag am „worte“ rumgedeutelt )

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  2. Elwood schreibt:

    Ich empfinde für diesen Ursprung(Motiv) mehr das Gefühl der Unvollkommenheit, dass durch die Ich-Illusion und den unterscheidenden Geist entsteht. „Meine“ Gedanken sind der Kompensation dieses Gefühls verpflichtet und sind somit anhaftender (haben-wollender) statischer Struktur. Da diese „Haben“ Struktur niemals zurück in die benennungslose, unterscheidungslose, gleichwertige dynamische Vollkommenheit zurück kann (ICH kann Sein nicht haben, es ist der Versuch ein Pudding an die Wand zu nageln), können diese Kompensationsversuche nur eine konstruierte, vorläufige Kompensation erreichen und werden immer wieder scheitern müssen. So nötigt sich der Gedanke selbst, immer neue Kompensationskonzepte zu erstellen, so wie dieses hier, was auch nur ein hilfloser Kompensationsversuch ist – mein konstruiertes Ich über den Tag zu retten….

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  3. Baboji schreibt:

    Da spricht ein wahrer Daoist🙂

    Konfuzius ist eigentlich eine Paradebeispiel der aktuellen Version „Mensch“: Kategorisieren, Benennen und ein stetiges Herumdoktorn an ALLEM. Da ist es nicht verwunderlich, dass die Daoisten schon seit jeher Seitenhiebe an die Konfuzius Anhänger austeilen. Denn nach Laotse kommen diese ganzen Dinge, über die sich die Konfuzius-Menschen Gedanken machen, immer erst nach einem Verfall des Dao´s bzw. einem Abweichen davon.

    Der „gesellschaftliche Verfall“ ist daher ein naturbedingtes Phänomen. Erst die Entfernung vom Dao schafft die ganzen Regeln und Verhaltensnormen, wobei diese „Grenzsteine“ auch gerade diejenigen erschaffen, die dagegen rebellieren. Aber wer will sich schon in das Dao einfügen, wenn es keine persönlichen Vorteile bringt? Doch gerade in diesem Akt des Überlassens wäre alles bestens geregelt, auch ohne persönlichen Vorteil, da es dann darauf überhaupt nicht mehr ankommt…Harmonie brauch keinen, der einen persönlichen Vorteil erzwingen will und gerade deswegen ist es Harmonie.

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    • fredo0 schreibt:

      gibt es so etwas wie „den“ daoisten ?
      wäre nicht diese kategorie bereits selber wieder ein gemachtes verhärten der unzulänglichkeit jeglicher begrifflichkeit ?
      in der historischen auseinandersetzung mit „den“ anhängern des gung wurde ja auch von denen , die sich eher herrn err li zugeneigt erlebten , nicht mit argumenten agiert , sondern eher mit „schmunzeln“ … nicht überheblich oder arrogant , sondern einfach duldend gelassen … im wissen um das auch-so-sein dieser konzepte …
      denn nix ist ja falsch an den konzepten des gung … sie haben ja auch immerhin das stabilste der bekannten gesellschaftssysteme auf diesem planeten (mit) bewirkt …
      es sind halt … (nur) … konzepte … und damit „fixierend“ …
      da wo es fixiert werden muss , nicht die schlechteste wahl ( unter vielen konzeptangeboten ) … da wo die kraft und das vertrauen ausreicht , für ein (er)tragen der unzulänglichkeiten des „chaos“ , sind diese konzepte nicht falsch , sondern schlicht überflüssig …

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      • Nitya schreibt:

        Hmm, wie machst’n das: „Schmunzel in einem Blog“?

        Das ist das Leid der Schreiberlinge: Sie müssen Begriffe benützen, Worte, die nie das sind, wofür sie stehen, die also kaum gelesen, schon wieder in Frage gestellt werden müssen. Geschieht das nicht, fühlen sich die Schreiberlinge zwangsläufig missverstanden.

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      • Baboji schreibt:

        Ja Fredo, es ist ja nicht alles so schwarz-weiß. „Den“ Daoisten gibt es natürlich in Reinform nicht. Auch sind die Seitenhiebe von denen ich sprach ja nicht böswillig oder geringschätzig. Das zeigt sich ja eben darin, dass es auch Menschen (etwa der Kommentator des DschuangDsi) gab, die beide Philosophien wunderbar in Einklang bringen konnten.

        Das „fixierend“ bezieht sich auf die Unzulänglichkeit der Konzepte. Darauf weist der Daoismus hin, dass sich das Dao eben nicht fixieren lässt, was aber nicht bedeutet, dass dies keinen Sinn machen würde. Denn jeder Daoist würde auch unterstreichen, dass diese Konzepte (des Konfuzianismus) eine Notwendigkeit darstellen, WENN bereits das Dao verloren ging…somit kann ich dich dann abschließend zitieren und dies auch vollkommen unterstreichen:

        „… da wo die kraft und das vertrauen ausreicht , für ein (er)tragen der unzulänglichkeiten des “chaos” , sind diese konzepte nicht falsch , sondern schlicht überflüssig …“

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  4. Eno Silla schreibt:

    ich wäre gerne
    ein mensch des tao
    aber da ist ein großes
    dilemma
    wenn nicht sogar ein
    tetralemma
    ein mensch des tao
    ja
    wie sehr
    wie sehr
    aber bin
    ich
    es
    kann
    ich
    es
    nicht
    sein

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  5. Nitya schreibt:

    Fredo himterfragt, ob es den Daoisten gibt.
    Eno sagt: Bin ich ein Mensch des Tao, kann ich es nicht sein.
    Linji sagt: Es gibt es keinen Buddha, kein fühlendes Wesen,…

    Komisch, dass alle drei es noch wagen, etwas zu sagen. Denn was immer sie sagen, gibt es nicht, gibt es,.gibt es und gibt es nicht, hat es alles nie gegeben. Aber wenn sie zum Bäcker gehen, sagen sie dann alle drei: „Ich hätte gern zwei Brezeln.“ (Können auch Semmeln sein oder Brötchen oder sonst irgendetwas)

    Eno sagt: „Der Mann ist Klasse.“ Gibt’s den Kerl denn etwa? Fredo schreibt: „es sind halt … (nur) … Konzepte … und damit ‚fixierend‘ …“ Gibt es überhaupt Konzepte? Und sind Konzepte fixierend?

    Passt auf, dass ihr nicht ins Stolpern kommt, wenn ihr zum Bäcker geht. Da scheint es tatsächlich Brezeln zu geben oder von mir aus Semmeln oder Brötchen. Scheint. Dass ihr noch nicht verhungert seid, ist ein echtes Wunder. Ihr? Gibt’s euch denn? Mit wem rede ich denn hier eigentlichßß – Ich?

    HILFE !

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  6. Nitya schreibt:

    Ihr dürft das alles mit den Worten nicht so ernst nehmen.

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  7. fredo0 schreibt:

    ich finde ja , worte können wie warmes wasser sein … sie wärmen beim (drin) duschen … und perlen dann einfach ab …

    ich muss jetzt mein brötchen mit lecker pflaumenmus bestreichen , und die jämmerliche nordhessische sontagsbrezen zumindest noch mit butter bestreichen , um sie halbwegs geniessbar zu machen …😀

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    • fredo0 schreibt:

      Ich habe mich das oft gefragt , warum sind die brezen im süden so viel besser ? ….es wird ja definitiv das gleiche mehl und die gleiche zubereitung benutzt ( nach befragen von bäckern ) … und trotzdem hab ich hier im norden stets so ein festes trockenes gewundenes etwas vor mir …

      ich vermute mitlerweile es liegt an folgendem : … ähnlich wie bei superleckeren eintopf aus der gulaschkanone macht es die menge … während im norden nur kleine mengen zusammen mit anderem im backofen zubereitet werden , füllt im süden durch die größere nachfrage die brezen den gesamten ofen …

      wenns nicht stimmt , wars immerhin ein leckeres nachgedenke über diese … brezen des südens …

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