Jean Paul: aber leider sieht er fast aus wie ich


JP
In der Fremde ist man gegen Fremde (ja gegen Einheimische) weniger fremd als zu Hause; ich fragte geradezu Hrn. v. Nieß, wie der Dichter aussehe. ‚Wie stellen Sie sich ihn denn vor?‘ fragt‘ er. – ‚Wie die edleren Geschöpfe dieses Schöpfers selber‘, versetzt‘ ich. ‚Er soll und wird aussehen wie ein nicht zu junger Ritter der alten Zeit – vorragend auch unter Männern – Er muß Augen voll Dichter- und Kriegerfeuer haben und doch dabei solche Herzens-Lieblichkeit, daß er sein Pferd ebensogut streichelt als spornt und ein gefallnes Kindchen aufhebt und abküßt, eh er’s der Mutter reicht – Auf seiner Stirn müssen ohnehin alle Welten stehen , die er geschaffen, samt den künftigen Weltteilen – Köstlich muß er aussehen – Der Bergrücken seiner Nase … (Hier, Bona, dacht‘ ich an deinen Rat) – Nun, Sie haben ja die Nase selber gesehen, und ich gedenke, das auch zu tun.‘

Hierauf versetzte Hr. v. Nieß: ‚Vielleicht sollt‘ er, Demoiselle, diese Gestalt nach Maler-Ideal haben; aber leider sieht er fast aus wie ich.‘

aus: Jean Paul, „Dr. Katzenbergers Badereise“, 1808

Ach ja, mein Gott, vielleicht sollt‘ er diese Gestalt nach Maler-Ideal haben. Hat er aber nun mal nicht. Der Herr Jean Paul entspricht auf dem Portrait oben wohl auch nicht so recht der Beschreibung der Demoiselle Theoda. Das kommt davon, wenn man sich nicht an die zehn Gebote und hier im Besonderen daran hält: „Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht!“ Nun, Demoiselle Theoda, hat sich ein überaus verklärendes Bild von ihrem Dichterfürsten Theudobach gemacht. Und der Hr. v. Nieß machte sich offensichtlich einen diebischen Spaß daraus, auf diesem schmeichelhaften Bild herum zu trampeln: „Leider sieht er fast aus wie ich.“ Er spielt die Rolle des Spielverderbers, der die holde Träumerin wieder auf den Teppich der sog. Realität herunter zu bringen versucht, und übernimmt damit die Aufgabe, die ansonsten das Leben gerne selbst übernimmt, indem es den phantasiebegabten Menschen eine Ent-Täuschung nach der anderen beschert.

Eigentlich hätten die zehn Gebote genau aus diesem Grund das Bilderverbot nicht in besonderer Weise betonen müssen. Da es hier jedoch in erster Linie ganz besonders um Gott geht, dachte sich der Autor der zehn Gebote vermutlich, dass es hier um einen Sonderfall ginge. Die gute Demoiselle Theoda wird ihren heilsamen Realitätsschock spätestens dann erhalten, wenn sie ihrem verehrten Dichterling Aug in Auge gegenübersteht. Gott hat leider die unangenehme Eigenschaft, sich jedem Augenschein zu entziehen. So ist er geradezu prädestiniert dafür, jede Überprüfung seines Soseins zu verunmöglichen. „Nicht sehen und doch glauben“ ist also die Devise. Demoiselle Theoda wird ihre Freude daran haben. Oder auch nicht. Denn, wenn sich ihre Vorstellung nicht mit der Vorstellung eines anderen deckt, kann es Ärger geben, wie man unschwer am Beispiel der Mohammed-Karikatur erkennen kann.

GSowohl das Bilderverbot von Mose wie die dringende Empfehlung Seng-ts’ans, nicht nach dem Wahren zu suchen, sondern sich lediglich seiner Vorstellungen zu enthalten, dürften jedoch als Handlungsanweisungen ins Leere gehen. Beide scheitern an der Art des menschlichen Verstandes. Ich persönlich habe an der Fähigkeit des menschlichen Vorstellungsvermögens nicht das Geringste zu beanstanden. Empfehlenswert wäre für mich der kleine Hinweis, Vorstellungen einfach als Vorstellungen zu erkennen, mit denen man gerne lustvoll herumspielen kann, sie aber nicht als letztgültige Wahrheit festzuschreiben.

 

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5 Antworten zu Jean Paul: aber leider sieht er fast aus wie ich

  1. Nitya schreibt:

    Und hier die Aufklärung, wie der Fleck auf die Kamera von den Seeadlern gekommen ist:

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  2. chantaltalia schreibt:

    Lieber Nitya,
    was ich aus deinem langen Posting oben herauslese,: „Mache dir keine Vorstellungen von Nitya himself. Er ist eh nicht zu fassen. Das ist sein Markenzeichen.“ Aber gerade darum lese ich jeden Tag hier weiter. http://www.gifs.ch/Blumen/blumen/images/07.gif

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