Rich Linchitz: mit wem spricht er da?


R
Worte können immer nur die Wahrheit wachrufen, die du schon weißt.

Manche ‚Lehrer‘ versuchen, Worte auf präzise Weise zu nutzen, um auf die Wahrheit hinzudeuten. Ihre Konzepte sind verhältnismäßig klar und konsistent (aber nie vollkommen, weil wir schließlich Nichts beschreiben).
Andere, wie Rumi, sind trunken vor Liebe zu Dem. Seine Poesie ist bedeutungsvoll, aber ihre einzelnen Bestandteile können nicht wirklich effektiv analysiert werden. Wenn wir sie zu analysieren versuchen, klingt alles schief (oder zumindest die Übersetzungen klingen schief, wir lesen ja nicht das Original).

Wenn er zum Beispiel sagt: „Sei hilflos, völlig aufgeschmissen, ohne Ja oder Nein“ – mit wem spricht er da? In Wirklichkeit ist da niemand, der wählen könnte, hilflos zu sein oder nicht. Und wenn es niemanden gibt, der eine Wahl treffen kann – wann kommt dann der ‚Gnadenstrahl‘? Er ist wirklich immer da, obwohl wir ihn nicht immer klar sehen.

Doch wenn ich Rumi lese, kann ich die Trunkenheit spüren … die Liebe zu Dem scheint verstärkt zu werden und ich könnte vor Freude laut singen (na gut, ich erspare dir das lieber).

Du brauchst nur zu leben

aus: Rick Linchitz,Jeder Augenblick ist Gnade“

Tja, mit wem spricht er da? Gute Frage. Mir fehlt allerdings noch die Frage: Und wer ist es, der spricht? Die letzte Frage wurde von Rumi schon mal mit der Gegenfrage beantwortet: „Wer spricht denn da mit meinem Munde?“ Vielleicht ist der Sprecher ja nicht verschieden vom Hörenden. Rick sagt: „In Wirklichkeit ist da niemand, der wählen könnte, hilflos zu sein oder nicht.“ Gibt es denn jemanden der wählen könnte zu sagen: „Sei hilflos, völlig aufgeschmissen, ohne Ja oder Nein!“ Hatte Rumi irgendeine Wahl?

JHatte der Prophet Jona aus dem Alten Testament eine Wahl? Jona bekam den Auftrag, den Bewohnern der Stadt Ninive zu verkünden, dass ihre Stadt mit allen Menschen und Tieren innerhalb von 40 Tagen dem Untergang geweiht sei, wenn die Bewohner nicht sofort ihr sündhaftes Leben beenden würden. Jona weigerte sich, diese Botschaft zu überbringen, weil er eigentlich wollte, dass die Bewohner ihre gerechte Strafe bekämen. Er wollte mit einem Schiff seinem Auftrag entkommen, doch Gott sorgte dafür, dass er auf der Fahrt ins Meer geworfen und von einem großen Fisch verschlungen wurde, der ihn dahin brachte, wo er nicht hinwollte. Jona warnte die Stadt Ninive, die Bewohner waren einsichtig und besserten sich und die Stadt wurde verschont. Jona aber wäre am liebsten gestorben, weil das Strafgericht ausgeblieben war. Na ja, ein Prophet muss ja nicht unbedingt ein Menschenfreund sein. Man könnte sich natürlich fragen: Was soll das ganze Drama, wenn es niemanden gibt, der eine Wahl treffen kann?

Kürzlich schrieb Fredo: „Und wenn man die Texte der Ollen vom Ch’an liest, lässt sich da auch so die ein oder andere ‚Etwas‘-Versuchung erahnen …
der olle Herr Hotei ist da dieser Versuchung mit seinem Dauergelache wohl am konsequentesten entgangen … nett der.“ Na ja, auch da haben die Ollen vom Ch’an natürlich keine Wahl. Vielleicht ist der eine oder andere ja doch bisweilen der Versuchung erlegen, irgendeinem eifrigen Sucher die Flötentöne beizubringen. Und Hotei hat mal wieder sein tiefgründigstes Grinsen im Gesicht.

H

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