Osho: Konfuzianer wollen lernen, Taoisten verlernen


O
Weißt du, wer du bist? Weißt du, was Liebe heißt? Weißt du, was Leben heißt? Aber der Mensch tut andauernd so, als wisse er alles. Denn zu wissen, dass du nichts weißt, tut sehr weh; zu wissen, dass du nichts weißt, zerschmettert dein Ego. Das Ego ist ein Betrüger, das Ego ist der größte Hochstapler, den es gibt. Es behaupte, es sagt: „Ja, ich weiß.“ Die einen Bescheidwisser sagen, dass es keinen Gott gibt, und die anderen Bescheidwisser sagen, dass es einen Gott gibt; aber beide sind nur Bescheidwisser. Was ihr Wissen angeht, unterscheidet sich der Theist keinen Deut vom Atheisten. Wenn ihr diese Frage den Leuten in Indien stellt – egal wem -, werden sie sagen: „Ja, es gibt einen Gott.“ Wenn ihr das irgendwen in der Sowjetunion fragt, werden alle sagen, dass es natürlich keinen Gott gibt. Nur eines ist gewiss: Beide „wissen Bescheid“ – und genau da liegt das Problem. Der Theist, der also an Gott glaubt, und der Atheist, der nicht an Gott glaubt, sind nicht entgegengesetzt. Sie sind nicht Gegner, sondern Partner in ein und demselben Spiel – weil alle beide vorgeben Bescheid zu wissen. Ein Mensch von wirklicher Einsicht wird nicht vorgeben etwas zu wissen, und dann besteht auch die Möglichkeit, dass er eines Tages erkennt. Fang als Unwissender an, dann hast du vielleicht eines Tages das Glück, zu erkennen. Fang als Wissender an und du kannst dich darauf verlassen, dass du niemals erkennen wirst.

Der Konfuzianer will immer lernen.
Der Taoist will immerzu verlernen.

aus: Osho, „Tao, The Pathless Path“
SGestern hat Fredo vom Ende der Suche geschrieben und das bedeutet für mich, dass er keinen Bock mehr hat, hinter irgendeiner Karotte herzurennen. Er schrieb: „… wie könnte eine vollumfassende Ent-täuschung (nix anderes ist dieses ‚dazwischen‘) jemals mit noch mehr Ent-Täuschung getoppt werden? Gibt es eine noch klarere Klarheit über das was IST? Wenn doch, ja, war dies ‚dazwischen‘ jedenfalls keinesfalls umfassend .“ Ein Konfuzianer könnte das weder verstehen noch dulden. Um das zu können, müsste er erst einmal sich selbst in Frage stellen können. Das aber ist ihm nicht möglich, weil er ja zu den Bescheid-Wissern gehört, die ihr Wissen stetig mehren, jedoch niemals in Frage stellen wollen. Letzteres würde ja vielleicht dazu führen, dass er sein Wissen revidieren müsste, was für ihn gleichbedeutend mit Wissens-Minderung wäre.

Was das betrifft, hatte ich ziemliches Glück. Ich hatte einen Vater, der der totale Bescheidwisser war. Einen meiner Onkel lernte ich einmal für einen Nachmittag kennen, der stellte sogar noch meinen Vater mit links in den Schatten. Das konnte mich zwar alles für kurze Zeit beeindrucken, aber förderte bei mir eher die Haltung des absoluten Bildungsboykotts. Alles, was mich wirklich interessierte, war für die anderen obsolet, alles was mich interessieren sollte, war für mich obsolet. Als ich dann anfing, in den Ferien auf dem Bau oder in einer Schlosserei oder bei der Post oder der Bahn oder beim Gartenbauamt oder im Obstgroßhandel … zu arbeiten, fühlte ich mich bei ihnen ungleich wohler als bei den feinen Pinkeln, wie meine Mutter sie nannte. Aufgepfropftes Wissen ist die reinste Vergewaltigung.

Was hab ich nun davon, dass ich immer noch die ersten Zeilen der Odyssee runterleiern kann: Ἄνδρα μοι ἔννεπε, Μοῦσα, πολύτροπον, ὃς μάλα πολλὰ πλάγχθη, ἐπεὶ Τροίης ἱερὸν πτολίεθρον ἔπερσε … Das konnte ich schon in der Volksschule, weil meine Brüder das ständig paukten und mein Vater wässrige Augen kriegte und die Verse dann wie ein Schauspieler auf einer Provinzbühne feierlich deklamierte. Dann waren da die Pfarrer, die mich mit ihren Glaubensbekenntnissen quälten, … eigentlich ging es immer nur um Wissen, mit dem ich mir die Birne zudröhnen sollte. Kein Wunder, dass ich gegen Karotten aller Art ziemlich resistent wurde. Und wenn ich fragte, was hinter der Unendlichkeit des Alls ist, kriegte ich keine Antwort, höchstens einen Verweis wegen Unterrichtssabotage. Ach ja, das Verlernen der Taoisten, ich sag’s euch: Das hört sich so leicht an, dabei ist es harte Arbeit. Seht ihr ja, die Odyssee kann ich immer noch runterleiern – zumindest den Anfang. Aber wenn ich dann den Eichhörnchen zuschaue, ist alles weg. Willkommen in dem, was gerade ist! Was für eine Erholung! Was für eine Freude!A

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7 Antworten zu Osho: Konfuzianer wollen lernen, Taoisten verlernen

  1. Muriel schreibt:

    Ein Mensch von wirklicher Einsicht wird nicht vorgeben etwas zu wissen

    … wie zum Beispiel, dass Theisten und Atheisten letzten Endes das gleiche sind und beide gleich daneben liegen, weil ja alle nichts wissen können?

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    • Nitya schreibt:

      Hi Muriel, Und woher glaubst du, wissen zu können, dass das nicht zutrifft? Gibst du jetzt nicht vor, etwas zu wissen, was du möglicherweise nicht wissen kannst. Bist du am Ende ein Mensch ohne wirkliche Einsicht?🙂

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    • Nitya schreibt:

      Ich vermute, dass du dich, der du dich als antitheistisch und antireligiös bezeichnest, auch dagen wehren würdest, wenn dich jemand gerade wegen dieser Bezeichnungen als theistisch und religiös bezeichnen würde, verleihst du doch mit deinem „anti“ den von dir abgelehnten Bereichen Existenz. Ich muss nicht gegen etwas sein, wenn es nicht existiert. Ja, könntest du jetzt sagen, es existiert ja nicht für mich, sondern nur für die Blödriane in aller Welt. Dann würde ich sagen: Lass den Jungen mal in seinem Glauben! Gläubige soll man nicht in ihrem Glauben stören. Das ist wie bei einem gesunden Schulschlaf. Den sollte man möglichst auch nicht stören.

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  2. fredo0 schreibt:

    es sei vermerkt , da mich dieser link auch sehr fasziniert hat , mich aber auch irgendetwas an der verwendeten vokabel gestört hat , dass es sich wohl eigentlich nicht um stufen handeln kann , im sinne eines stufenartig veränderten (zu)standes ( so erscheint es lediglich der „ersten stufe“ ) .
    sondern dass man es , womöglich ein bischen weniger missverständlich , eher mit einer unterschiedlich tiefen wahrnehmung der unterliegenden basis , des an sich immer gleichen (zu)standes bezeichnen müsste .
    so als ob man unterschiedlich tief ins erdreich zu blicken vermöchte …

    der an sich gleiche zu-stand wird einmal als ein identifizierter „ich-stehe-hier-zustand“ wahrgenommen / registriert.
    und ein andermal als ein … „hier steht mein körper und ich beobachte ihn“ …
    und dann ….. ( jetzt weiter entsprechend dem tenor des links )

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  3. Strandläufer schreibt:

    Wie kann ich wissen, dass nicht jemand anderes etwas wissen kann? Ich weiß nur, dass ichs nicht kann. Der Widerspruch reicht mir schon.😉

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