Foyan: geh mit den Dingen, sei vom Gefühl her geräumig


CHabe ich das Recht, lebendig zu sein? Alle dualistischen Systeme, die Religionen – einschließlich des Buddhismus -, werden Ihnen mit unterschiedlichen Argumenten antworten: Nein! Das Ch’an antwortet: Ja!, denn es ist ein nicht-dualistisches System. Was setzen wir also gegen Geist und Materie, Körper und Seele, Endliches und Unendliches, Realität und Illusion? Denken Sie an den großartigen Mazu. Bis zu ihm waren die meisten Buddhisten Verfechter der These der illusionären Natur aller Dinge, aber er riskierte es, ein Schisma zu erzeugen, indem er sagte: „Außerhalb der Realität gibt es nicht die geringste Spur eines Absoluten.“

Habe ich das Recht, lebendig zu sein? Das läuft auf die Frage hinaus: Habe ich das Recht, einen Körper zu haben? Zum Äußersten getrieben von einem Schüler, der ihn fragte, was er jemanden lehren würde, der den Weg verwirklicht habe, antwortete er: „Ich würde ihn lehren, den Großen Weg vermittels des Körpers zu leben.“

Zum Missfallen der Verfechter eines verwässerten und moralisierenden Buddhismus lautet die Antwort: Ja, ich habe das Recht, lebendig zu sein. Doch wenn ich lebendig bin, werde ich es mit Begehren, Leidenschaften, Trieben zu tun bekommen. Also sagen die Schwachbrüstigen: eben mit dem Leiden. Doch die Chan-Meister sagen: Stelle das Begehren, die Leidenschaften, die Triebe in den weiten Raum deiner absoluten Essenz, deiner Buddha-Essenz, und dann ist alles, was dir begegnet, reine Buddha-Natur. „Geh mit den Dingen und sei vom Gefühl her geräumig“, sagt Foyan.

aus: Daniel Odier, „Offene Weite“
FKomische Frage, ob ich das Recht habe, lebendig zu sein? Im Moment lebe ich. Die Frage nach einem Recht dazu, ist für mich völlig irrelevant. Aber der Satz von Mazu ist sehr wesentlich: „Außerhalb der Realität gibt es nicht die geringste Spur eines Absoluten.“ Was die Buddhisten betrifft, hat er damit möglicherweise eine Spaltung erzeugt; was den Inhalt des Satzes betrifft, hat er eine Spaltung als nicht-existent erklärt: Realität und Absolutes sind untrennbar eins. Deshalb konnte er auch den anderen hier zitierten Satz sagen: „Ich würde ihn lehren, den Großen Weg vermittels des Körpers zu leben.“

Daniel Odier weist nun darauf hin, dass „die Verfechter eines verwässerten und moralisierenden Buddhismus“ jetzt sagen würden, dass man es dann mit Begehren, Leidenschaften und Trieben zu tun bekommen würde und dass das Leiden bedeuten würde. Odier nennt diese Buddhisten Schwachbrüstige, ich vermute deshalb, weil er bei ihnen eine Tendenz zur Vermeidung von Leid sieht, eines Leides, das durch eine moralisierende Haltung erst erzeugt worden ist. Ich weiß nicht, ob ich das jetzt falsch interpretiere, aber ich vermute, er will damit sagen, dass auch Begehren, Leidenschaften und Triebe Ausdruck der Buddha-Natur seien und dass sie keineswegs Leid bedeuten würden, wenn sie als Ausdruck der Buddha-Essenz erkannt werden könnten. Das erinnert mich sehr an die Aussagen über die ollen Druiden im eigenen Land. Odier stützt seine Aussage mit einem Foyan-Zitat: „Geh mit den Dingen und sei vom Gefühl her geräumig.“ Sei vom Gefühl her geräumig, das gefällt mir. Sei nicht so engherzig. Hab nicht irgendwelche angeblich göttlichen oder irgendwelche weltlichen Reglementierungen im Kopf, an die du dich halten zu müssen glaubst. Hier wird wieder der chinesisch taoistisch-anarchistische Einfluss auf den Buddhismus sichtbar. In dem Moment, in dem klar wird, dass da niemand ist, der eine Wahl hätte, sind wir wie die oft erwähnten weißen Wolken, die am Himmel dahin ziehen. Vollkommen frei. Nur noch Hingabe an das, was gerade geschieht.

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4 Antworten zu Foyan: geh mit den Dingen, sei vom Gefühl her geräumig

  1. Georg Alois schreibt:

    Nur noch Hingabe an das, was gerade geschieht.

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  2. Marianne schreibt:

    “Ich würde ihn lehren, den Großen Weg vermittels des Körpers zu leben.”

    Wunderbare „Werbung“ fürs „Focusing“ …🙂

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  3. fredo0 schreibt:

    „“Außerhalb der Realität gibt es nicht die geringste Spur eines Absoluten.”“

    welch feiner Satz , den lass ich jetzt mal in meiner Realität so richtig … eindringen …

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