Ganz Deutschland?

3Die Siegesfeiern, Kranzniederlegungen, Schuldbekenntnisse, Verpflichtungsgelöbnisse usw. sind mal wieder vorbei und ganz Deutschland darf zur Tagesordnung übergehen. Ganz Deutschland freut sich, trauert, hat Stuhlverstopfung oder Dünnschiss. Ich krieg jedes Mal die Krise, wenn sie wieder diesen Mist verzapfen. Deswegen lieb ich Asterix so: „Ganz Gallien? Nein! Ein von unbeugsamen Galliern bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten.“ Das hat doch was. Aber wirklich das ganze Dorf?

Prof. Dr. Heinrich August Winkler zitierte am 8. Mai vor dem Bundestag die Worte des deutschen Philosophen Ernst Cassirer: „Sie mahnen uns, zu jeder Zeit die eigentliche Lehre der deutschen Geschichte der Jahre 1933 bis 1945 zu beherzigen: Die Verpflichtung, unter allen Umständen die Unantastbarkeit der Würde jedes einzelnen Menschen zu achten.“ Hier bei 7:58 – 8:37 zu hören und zu sehen)  Ich habe niemanden im Bundestag entdeckt, der nicht geklatscht hätte. Ganz Deutschland klatscht. Dabei wird schon mit dem Ausdruck „Ganz Deutschland“ die Würde jedes einzelnen Menschen mit Füßen getreten.

Ach ja, das waren noch Zeiten, wo es das noch gab: „Ein Volk, ein Reich, ein Führer.“ Jedenfalls scheinen das die „Ganz Deutschland-Beschwörer“ irgendwie noch im Hinterkopf zu haben. Um es ganz klar zu sagen: Das hat es noch nie gegeben. Das war immer nur der Wunschtraum der Herrschenden und ihrer Vasallen und Mitläufer. Ich gehöre jedenfalls nicht zu diesem „Volk“ und ich weiß mich mit dieser Aussage Gott sei Dank auch nicht völlig allein; ich denke da etwa an den Apell „Wieder Krieg in Europa? Nicht in unserem Namen!“ Mir ist ja schon das „unser“ in diesem Aufruf zu viel, aber immerhin gab es da noch eine Entscheidung des Einzelnen, den Apell zu unterzeichnen oder es bleiben zu lassen. Bei „Ganz Deutschland“ wurde ich nie gefragt.

Für mich ist der 8. Mai nicht der Tag, den „Ganz Deutschland“ feiert. Es ist der Tag, an dem die Alliierten aufhörten, Bomben auf einen Dreijährigen zu werfen und die Stadt zu zerstören, in der er aufwuchs.

KTag der Befreiung? Wie hätte ein Dreijähriger diesen Tag so empfinden können? Es war der Tag der Besatzung. Diejenigen, die eben noch Tod und Verderben bedeuteten, hatten jetzt das Sagen und verbreiteten ab diesem Tag Angst und Schrecken. Von wegen Befreiung! In den Schalltrichter unseres Grammophons mussten wir Jungs immer ein Handtuch stopfen, wenn wir uns das hier anhören wollten:

Was wusste ich Dreikäsehoch schon von Politik? Na ja, ich erinnere mich an eine Zeichnung von mir als Sechsjähriger: Adolf in einem Kübelwagen und dazu die Worte geschrieben: „Der Führer spricht pfundig“. Was wusste ich davon, was diesem Krieg und seinem Ende vorausgegangen war? In der Schule lernte ich, dass wir furchtbare Schuld auf uns geladen hatten und den Siegermächten dankbar zu sein hatten nicht nur für die Care-Pakete und die Schulspeisung, sondern auch für die Freiheit, die uns durch sie angeblich geschenkt worden war. Wer vor dem Hintergrund des Vortrags von George Friedman  heute noch von „Befreiung“ sprechen möchte, kann aus meiner völlig unmaßgeblichen Sicht irgendwie sowieso nicht mehr ganz bei Trost sein. Ich konnte also, ehrlich gestanden, nie etwas mit diesem ganzen Schwulst anfangen. Worte, Worte, Worte, … so wie die hehren Worte im Bundestag, zu denen Merkel, Gauck usw. so innig applaudierten. Die Würde des Menschen? Dass ich nicht lache! Wissen die überhaupt, was das ist? Mein Kater Gregor wusste, was die Würde eines Katers ist. Bei den meisten Menschen kann ich fast nur würdelose Prostitution sehen. Wir hetzen zum Krieg, versuchen den Hartz 4-Empängern die letzte Würde zu nehmen und nicht nur ihnen, faseln dann hochtrabend von Würde und begehen irgendwelche Feiertage. Und ganz Deutschland …

Also ich guck lieber den Eichhörnchen zu und lese vielleicht, wie Seng-ts’an, Linji, Ikkyû oder sonst einer von diesen Verrückten ihren Quatsch veranstaltet haben. Die hatten es weiß Gott auch nicht besser getroffen in diesem Irrenhaus. Jedenfalls erinnern mich diese Halunken immer wieder daran, dass das ganze Spektakel nur ein Traum ist. Hätte ich doch glatt schon wieder fast vergessen.
Pzzz

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17 Antworten zu Ganz Deutschland?

  1. Sucher schreibt:

    Lieber Nitya
    So wunderbar Dein Blog über spirituelle Suche ist, so perplex bin ich immer über Deine politischen Ansichten. Du schimpfst auf die westl-amerik. geprägte Lebensart und Politik, verteidigst dabei aber sehr suspekte Leute die ich mir nicht als Alternative vorstellen kann. Wenn man kritisiert muß man eine bessere Lösung anbieten und keine Schlechtere. Bei allem Mist was wir Westler auch fabrizieren ist es doch für mich die einzig annehmbare Alternative. Oder willst Du im Deutschland der 30er Leben, oder willst Du in China oder in Russland leben? Oder in den Afrikanischen Diktaturen? Vielleicht gibt es einmal eine Gesellschaft wie sie Erich Mühsam oder Kroptokin oder Landauer beschworen(von denen Du hier nie schreibst, die wären wirklich eine Alternative) aber jetzt ist von allem schlechten, die westl. Welt noch die am wenigsten schreckliche, auch wenn Du jetzt lachen musst. Aber Putin verteidigen, Popp zitieren, teilweise Verschwörungstheorien nachhängen und immer auf den Ami schimpfen , das ist zu wenig. Tut mir leid wenn ich Dir am Muttertag ein wenig Kritik senden muß, aber es fällt mir eben auf dass Du Symapathie für Leute aufbringst die es absolut nicht verdienen. Trotzdem bitte so weitermachen mit Deinen spirituellen Ansichten

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    • Nitya schreibt:

      „Wenn man kritisiert muß man eine bessere Lösung anbieten und keine Schlechtere.“

      Lieber Sucher,

      ich kann dieser deiner Aussage nicht zustimmen. Ich kritisiere George Friedmans Aussagen einfach deshalb weil ich sie für absolut beschissen halte. Ich will deswegen auch nicht irgendwo anders leben: „Geh doch rüber in die DDR, wenn es dir hier nicht passt!“ hab ich ja noch gut in den Ohren. Facebook ist voll mit Leuten, die genau wissen, wie die besseren Lösungen auszusehen haben. Auch die Anarchisten, die ich hin und wieder durchaus erwähnt und dabei keinen Hehl aus meiner Sympathie für sie gemacht habe, sind keine Lösung. Sie haben Visonen, aber keine Lösungen. Dir ist vielleicht aufgefallen, dass ich das sog. Spirituelle und das Politische nicht von einander zu trennen versucht habe. Nein, ich bedauere, ich habe keine Lösung anzubieten. Oder anders gesagt: „Keine Lösung“ ist die Lösung. Hitler hatte Lösungen, Stalin hatte Lösungen, Franco, Mussolini, … George Friedman hatten bzw, haben Lösungen. Ich habe keine.

      Ich habe mal Paul Goodman mit den Worten zitiert; „Freie Aktion bedeutet, in der bestehenden Gesellschaft so zu leben, als sei sie eine natürliche.“ https://satyamnitya.wordpress.com/2014/12/05/paul-goodman-als-ob/ – Fällt dir was Besseres ein?

      Dass du andere politische Sichtweisen hast als ich, ist völlig in Ordnung, und dass du aus deiner Sicht heraus meine Sicht kritisierst auch. Ich finde es wichtig mit Putin und nicht über ihn zu reden und dann noch in dieser absolut einseitigen Hetze. Würde man das heute mit den Amis machen, würde ich genau dasselbe sagen. Und ansonsten:Ich lebe gern da, wo ich lebe. Und in meinem Fall ist das Deutschland. Auch wenn ich feststelle: „Es ist was faul im Staate … Deutschland.“

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    • Nitya schreibt:

      Noch ein Nachtrag:

      Ich werde nicht nur weiterhin meine sog. spirituellen Ansichten absondern, sondern auch Sympathien für Leute aufbringen, die es deiner Meinung nach absolut nicht verdient haben. Schließlich VERDIENE ich auch absolut keine Sympathien.

      Was übrigens Erich Mühsam, Landauer oder Kropotkin betrifft: Als Sucher hättest du mal die Suchfunktion betätigen sollen. dann hättest du sehen können, dass hier mit Ausnahme von Kropotkin über die beiden Genannten und andere Anarchisten sehr wohl etwas zu finden gewesen wäre.

      Bei dir hätte ich bei deiner scheinbaren Sympathie für „den Ami“ gerne ein freundliches Wort zu dem Video mit George Friedman gelesen. Ein bisschen Unterstützung für ihn von deiner Seite hätte ihm sicher gut getan.

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      • Sucher schreibt:

        Ein Abendgruß
        Ich wollte Dich mit meinem Schreiben nicht in Aufruhr versetzen. Im Spirituellen sind wir vollkommen übereinstimmend und ich freue mich auf jeden Beitrag von Dir nächsten Tag. Doch sobald ich politische und gesellschaftliche Beiträge von Dir lese scheint ein Hang zu Menschen zu bestehen die wahrlich keine Unterstützung bedürfen. Das verwundert mich. Du fühlst Dich der wahren Anarchie verbunden, das lese ich heraus, umso mehr wundert mich dann wieder der Schwenk zu Menschen die absolut das Gegenteil verkörpern, nämlich Einengung(persönlich und gesellschaftlich), Ausschließen anderer, Gewalt, die unter glänzender Fassade „braunen Verputz“ trägt. Das schon einmal in Deinen Beiträgen Anarchisten zitiert wurden weiß ich, allerdings haben Gesell, Landauer etc mehr zu bieten als einige Sätze in ein paar Jahren. Denn bei Ihnen ist sehr wohl ein Lebens und Gesellschaftsentwurf entstanden, der als Alternative zu unseren Gesellschaftsformen dienen kann. Im kleinen menschlichen Dasein ist der obige Satz „Keine Lösung “ ist die Lösung sicher nicht gültig. Im relativen wird es immer eine Lösung geben müssen. Politik ist ein mächtiges Werkzeug, das Gesellschaften formt. Politik könnte alles erreichen zum Wohle der Menschen – wenn sie will. Doch solange die Entscheidungsträger korrumbierbar und verbandelt mit dem Kapital ist wird dies sicher nicht gelingen. Solange heißt es das geringste Übel wählen

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      • Nitya schreibt:

        Du hast mich nicht in Aufruhr versetzt. Jedenfalls ist der Aufruhr nicht über ein leises Kopfschütteln hinausgegangen. Das Kopfschütteln galt z.B. deinem Namen „Sucher“. Ich kann diesen Sucher bei dir nicht erkennen, nur einen angeblich Wissenden. Über George Friedman immer noch kein Wort – oder hast du ihn dir noch gar nicht angehört? https://www.youtube.com/watch?v=7zB8-KBV6Sw&feature=youtu.be

        Wer so agiert wie dieser Friedman – und er spricht ja nicht nur für sich -, muss sich nicht wundern, wenn diejenigen, die das Ziel dieser Aggressionen sind, sich zur Wehr setzen. Ich vermute Friedman wundert sich auch nicht. Du scheinst dich zu wundern. Mir hat die militärische Show Moskaus kein bisschen gefallen, aber verstehen kann ich sie ganz bestimmt. Ich kann nicht die eine Seite beurteilen, ohne zumindest die andere Seite miteinbezogen zu haben. Ich würde Putin nicht unbedingt einen lupenreinen Demokraten oder gar einen Anarchisten nennen, aber was sollte auch ein Anarchist an der Spitze eines Staates?

        Es wäre nett, wenn du nicht nur Behauptungen und Beurteilungen in die Welt setzen würdest, sondern zumindest eine Begründung mitliefern würdest. Was hast du beispielsweise gegen Andreas Popp vorzubringen, dem ich für dich in unverständlicher Weise Sympathien entgegenbringe? Und was ist gegen Verschwörungstheorien einzuwenden, solange es sich um Theorien handelt?

        Aber ich glaube, wir belassen es besser dabei, dass wir eine völlig unterschiedliche politische Sicht haben. Ist ja völlig in Ordnung.

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  2. Georg Alois schreibt:

    „Es herrscht Klassenkrieg, richtig, aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg führt, und wir gewinnen.“
    2006, Warren Buffet, einer der reichsten Männer der Welt.
    ( http://aristoblog.de/2014/02/der-krieg-der-reichen-gegen-die-armen/ )
    Und genau wie „damals“!!!!! halten sich die Deutschen Augen und Ohren zu…. und hoffen, nicht nur insgeheim, zu den Gewinnern zu gehören.
    Mir fällt es von Jahr zu Jahr immer schwerer, diese Deutsche-Lande zu betreten. Bin halt über viele Jahre zum Außenstehenden geworden. Und ob ihr mir glaubt oder nicht, es gibt Unterschiede in der Mentalität der einzelnen Nationen. „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen!“, das vereinte Europa, davor habe ich Angst. Heidinei, da wird’s verdammt schwer, Beobachter zu bleiben.

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    • Nitya schreibt:

      Ob am Deutschen Wesen oder am amerikanischen …

      Wer will schon am Wesen eines anderen genesen?

      Aber das ist der Traum aller Egos: Dass die anderen an seinem Wesen genesen mögen. Warren Buffet spricht nur aus, wovon jedes Ego träumt.

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  3. Ingeborg schreibt:

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  4. fredo0 schreibt:

    „„Es herrscht Klassenkrieg, richtig, aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg führt, und wir gewinnen.““

    da wir heute wohl mal hier wieder „politiken“ folgendes zu diesem satz , und damit auch zu allen , die da an ein „kleiners übel“ glauben , und damit nur dem besonders raffinierten trick derer auf den leim gegangen sind , die da stets versuchen müssen (!!!) zu „gewinnen“ …

    diese „gewinner“ sind die dümmsten und verzweifelsten aller „hinterherlaufer“ … sie laufen nämlich rund um die uhr „hinterher“ … führen sogar raffinierte kriege , nur um etwas zu bekommen , was letztlich nicht den geringsten wert hat … ausser dass sie es mit dem label „gewinn“ für kurze augenblicke stempeln dürfen …
    es sind die ärmsten schweine aller junkees dieser erde …

    es geht gar nicht um geld ( bzw. nur vordergründig )
    und es geht auch gar nicht um macht ( bzw. nur sehr kurzfristig )
    beides bietet nur dieses kurzen orgasmuskick … und dann … as empty as ever …
    worum es da geht , und was nach meiner beobachtung letztlich auch die antriebsfeder jeder suche nach reichtum oder politischer macht ist , ist diese oft schon psychotische sucht nach „mehr“ . immer mehr „mehr“ .

    es hat zumindest einen gewissen reiz von ehrlichkeit , wenn sich diese sucht ganz offen befriedigt.
    und es hat etwas besonders heimtückisches , wenn sie sich als „kleineres übel“ tarnt.

    die „sucht“ ist immer die gleiche , ob als großes oder kleines übel …

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    • Nitya schreibt:

      Ja, letztlich ist der Inhalt des „Mehr“ völlig austauschbar. Und ja, es ist psychotisches Suchtverhalten. Als kleineres Übel kann ich das auch ganz sicher nicht sehen, es ist völlig zerstörerisch, auch völlig selbstzerstörerisch. Und immer, wenn nach Lösungen für dieses Dilemma gesucht wird, fallen mir keine ein. Es fühlt sich an wie eine Naturkatastrophe.

      Ich würde nicht sagen, dass es letztlich ein Klassenkrieg wäre oder ein Krieg der Reichen gegen die Armen, es sei denn, man bezeichnet das Ego als eigene Klasse: Das Ego, das Krieg führt gegen den Rest der Welt. Mit dem Finger auf „die da“ zu zeigen, greift einfach zu kurz. „Hier die Guten – da die Bösen“ bringt es ganz sicher nicht.

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