Foyan Quinyuan: bleibe davon unberührt


Nicht-Sehen heißt nicht, mit geschlossenen Augen auf einer Bank zu sitzen. Du sollst Nicht-Sehen beim Sehen praktizieren.

Darum heißt es: „Lebe im Reich von Hören und Sehen, doch werde davon nicht erfasst. Lebe im Reich der Gedanken, doch bleibe davon unberührt.“

Foyan Quinyuan
ZAls ich diese Zeilen las, zuckte ich richtig zusammen. Ihr seht, ich jedenfalls blieb nicht unberührt. Und ich sage auch gleich: Ich werde den Teufel tun, ein Unberührbarer zu werden. Da brauche ich bloß an unsere Politiker denken. Man hat sie nicht ohne Grund schon als Reptiloiden bezeichnet. Ein gefühlvoller Mensch wird von diesen gerne als Schwächling und Versager betrachtet. Also haben sie hart daran gearbeitet, auch die letzten Gefühlsfitzelchen in ihrer Brust abzutöten.

SManche japanischen Zen-Heinis, allen voran die Samurais, kommen mir bisweilen auch so vor. Gelobt sei, was hart macht! Als Ersatz für das Fühlen findet bei den Politikern nur noch Affentheater statt, z.B. eine Schweigeminute für die auf dem Mittelmeer ertrunkenen afrikanischen Flüchtlinge. Symbole statt Fühlen und Handeln.
TSollte ich mich in diesem Foyan Quinyuan so getäuscht haben? Hat er das wirklich so gemeint? Die Frage taucht ganz von allein auf: Wen meint Foyan Quinyuan, wenn er auffordert: „Werde davon nicht erfasst, bleibe davon unberührt!“ Ich behaupte mal ganz frech: Es gibt nur eine einzige Instanz, die absolut unberührbar ist und die ist keine Person. Eine unberührbare Person gibt es gar nicht, nur eine sehr, sehr unbewusste Person.

Foyan sagt: „Lebe im Reich von Hören und Sehen. Lebe im Reich der Gedanken.“ Du lebst sowieso im Reich von Hören und Sehen und im Reich der Gedanken. – Warum erwähnt Foyan das also eigentlich? Scheint doch völlig überflüssig zu sein. Ist es aber nicht. Anscheinend gab es da irgendwelche verblödeten Lehrer, die ihren Schülern das Nicht-Hören, das Nicht-Sehen, das Nicht-Denken als spirituell besonders vorteilhaft verkauft haben. Also muss Foyan es ihnen erst wieder erlauben: „He, Leute, das Hören, Sehen und Denken ist völlig okay. Glaubt bloß diesen Schwachsinn nicht!“

Natürlich gibt es dann von Foyan noch ein kleines Sahnehäubchen auf der „Erlaubnis“: „Lebe im Reich von Hören und Sehen, doch werde davon nicht erfasst. Lebe im Reich der Gedanken, doch bleibe davon unberührt.“ Der erste Teil wendet sich an die scheinbaren Personen: „Ihr dürft.“ Der zweite Teil an das, was keinerlei Erlaubnis benötigt: Das ist etwas, das von allem unberührt bleibt. Erinnere dich daran. Es ist die Geschichte mit dem Zeugen. An anderer Stelle sagt Foyan: „Es geht nur darum, dass du dich von emotionalen Gedanken löst.“ Emotionale Gedanken sind da. Lass sie einfach in Ruhe und schau ihnen zu. Es ist völlig in Ordnung, verstrickt zu sein. Man könnte sagen: Verstricke dich nicht in die Verstrickung. Mir gefällt besser: Schau ihr einfach zu. Hass ist da. Schau ihm zu. Verliebtheit ist da. Erleuchtung ist da. Schau auch dieser Einbildung zu. Na ja, Fayong drückt es so aus: „Du sollst Nicht-Sehen beim Sehen praktizieren.“ Ich würde es nicht so ausdrücken, aber ich bin ja auch nicht Fayong. Hauptsache, wir wissen, was er sagen wollte. Tun wir doch. Oder?

B„Seid ihr alle da?“ Kinder: „Jaaa!“ – Würdet ihr auch lieber mit den beiden Kleinen hier herumspielen als mit denen da oben?“ Kinder: „Jaaaaaaaaaaaaaa!“

 

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10 Antworten zu Foyan Quinyuan: bleibe davon unberührt

  1. fredo0 schreibt:

    „“Lebe im Reich von Hören und Sehen, doch werde davon nicht erfasst. Lebe im Reich der Gedanken, doch bleibe davon unberührt.”“

    meint für mich
    „lebe in der Wirklichkeit der Sinne , doch vergesse nicht , dass es eine Als-Ob-Wirklichkeit ist“
    „lebe im Reich der Gedanken , doch vergesse nicht , dass es nicht deine Gedanken sind „…

    oder so ähnlich …
    😀

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  2. Marianne schreibt:

    Eine unberührbare Person gibt es gar nicht, nur eine sehr, sehr unbewusste Person.

    Der „Zeuge“ erkennt die „Person“ als Erscheinung, die emotional berührt wird … auch die Kinder und die spielenden Bären – alles!
    Die „Person“ ist mittendrin im Erlebensfluss … sie nimmt teil am Geschehen.

    Beides sind menschen-mögliche Perspektiven🙂

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  3. fredo0 schreibt:

    komisch … bei mir / für mich läuft das jetzt fast immer parallel … das persönliche wurde nie in tutto desavouiert … da ist (quasi im kopf) eine sich persönlich gebende welt + wirklichkeit … und da ist gleichzeitig eine „im bauch“ gespürte „nabelschnur zum eigentlichen“ … dieses unvergessbare auftauchen von leere ..
    dieses irgendwie ja „sowohl als auch“ empfinde ich als wohltuend lebbar … möchte nix davon missen … weder das persönliche noch die „nabelschnur“ …
    dem persönlichen wurde ja nur „ein zahn gezogen“ ( nämlich die alleinige wirklichkeit zu sein )… was aber bereits in meinen frühen jugendjahren lsd und mescalin vermochten , jedoch ohne dann damals diese „nabelschnur zum eigentlichen“ anbieten zu können … also lebte ich dann jahrelang im wissen um die fragwürdigkeit der „persönlichen wirklichkeit“ aber ohne eine (wissende) ahnung vom „eigentlichen“ … das war schon irgendwie ein zwischen den stühlen sitzen …
    diese „wissende“ ahnung ist aber nicht zu verwechseln mit einer fixierten vorstellung.
    es ist „wissend“ nur durch die unbezweifelbarkeit …
    es ist jedoch nur ahnung , da leere nicht verortbar (objektivierbar) ist und immer nur im ungefähren fließenden „umschmeichelden“ vokabularium im inneren dialog und äußeren dialog zu benennen ist …

    dieses heutige sowohl als auch , ist aber kein „zwischen den stühlen sitzen“ sondern eher ein über alle stühle gleiten.

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    • Nitya schreibt:

      Wieso komisch. So soll es sein, genau so. Prima.

      Den Ikkyû gibt’s aber trotzdem morgen. Einfach weil er mein Herzensbobbel ist – vielleicht auch weil er so’n Pfaffenschreck ist? Was weiß ich. Weil halt.🙂

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