Foyan Quinyuan: buddhistische Gebote lebenslang halten

1Einst lebte ein Mönch, der in den buddhistischen Geboten sehr bewandert war und sie sein Leben lang hielt. Einmal war er in der Nacht unterwegs und trat auf etwas Weiches, das unter seinem Fuß zerplatzte. Gleich dachte er, er sei auf einen eiertragenden Frosch getreten. Angesichts des Gebotes, kein Leben zu nehmen, war er zutiefst bestürzt und beunruhigt, und als er in jener Nacht endlich doch schlafen konnte, träumte er von Hunderten von Fröschen, die sein Leben forderten.

Ganz verstört wachte er am Morgen auf, doch dann sah er, worauf er getreten war: Eine überreife Eierfrucht. Da war die ganze selbstquälerische Ungewissheit wie abgeschnitten, und zum ersten Mal wurde klar, was gemeint ist mit dem Wort, dass es keine gegenständliche Welt gibt. Da wusste er endlich, wie man Zen übt.

aus: T. Cleary, „Der Mond scheint auf alle Türen“

Kennt ihr ja alle. Herrlicher Sonnenschein, du liegst auf der Wiese und guckst dir die Woken am Himmel an. Irgendwann geht das Spiel los. „Ui, das sieht aus wie ein Nilpferd!“ … „Und jetzt wie mein Freund Harald.“ … „Und jetzt wie die dicke Elfriede.“ … Es ist ein lustiges Spiel. Und solange das bewusst ist, macht es eine Menge Spaß. Der Spaß hört meistens sehr schnell auf, wenn die Bilder in ihrem Fluss aufgehalten werden.

WandelGenau das ist dem Mönch passiert, von dem Foyan Quinyuan hier erzählt. Der Mönch tritt auf irgendetwas Undefiniertes und gibt ihm eine Bedeutung. Leider hat er sich eine Bedeutung gewählt, die ihm einige Schwierigkeiten bereiten wird. Sein Leben lang wird er von der Angst getrieben, er könnte irgendeine heilige Regel verletzen und so die Erleuchtung aus eigener Schuld verpassen. Logo, dass er an fast nichts anderes mehr denken kann als daran, einen Fehler zu machen und alles zu verlieren. Und den Fehler hat er nun gemacht. Nicht nur, dass er ein Lebewesen getötet hat, er fürchtet auch die Rache der Frösche. An dieser Vorstellung haftet er nun.

REr könnte auch an einer Vorstellung haften, die durch das Betrachten eines Rorschach-Testbildes entstanden ist, oder an einer ärztlichen Diagnose „Krebs“ zum Beispiel oder an Lob oder Tadel des spirituellen Meisters. Es geht nicht darum, keine Vorstellungen mehr zu entwickeln, keine Meinungen, keine Urteile und dergleichen. Es geht um ein Kernstück der buddhistischen Lehre, um das Nicht-Anhaften. Und wer nun Angst bekommt vor diesem schrecklichen Anhaften, der kann auch mit dem Anhaften spielen und das Nicht-Anhaften am Nicht-Anhaften zelebrieren.

Über die Letzten Zeilen des Herrn Foyan Quinyuan kann man natürlich wieder wild herumstreiten: „… zum ersten Mal wurde klar, was gemeint ist mit dem Wort, dass es keine gegenständliche Welt gibt. Da wusste er endlich, wie man Zen übt.“ Gibt es keine gegenständliche Welt? Ist das wahr? Ist da wirklich wahr? Es gibt sie, es gibt sie nicht, es gibt sie und zugleich nicht, weder gibt es sie, noch gibt es sie nicht. Schon wieder eine feine Gelegenheit, an einer Position festzukleben. Na ja, „Da wusste er endlich, wie man Zen übt.“ Also ich weiß es nicht und bin auch gar nicht neugierig zu erfahren, wie man es richtig macht.


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4 Antworten zu Foyan Quinyuan: buddhistische Gebote lebenslang halten

  1. Georg Alois schreibt:

    „ Solange die ‚Esoteriker‘ noch pennen, lass uns schnell die Ameisen im Haus vergiften.“ sagte der ‚ach so heilige‘ Ramana Maharshi zu seinem Lieblingsschüler, der dann das Buch über ihn schrieb.
    Als ich meinem Sohn mal etwas über Advaita erzählen wollt, sagte er zu mir: „Papa! Bitte! Lass es mich doch so genießen wie ich bin!“ Jo, Baby! Man geht ja auch nur zum Arzt wenn man leidet, oder? Deswegen finde ich Byron Katie ja so empfehlenswert: „Wenn euch die Religion oder sonst ein Glaube gut tut, wo ist das Problem? Wenn ihr aber leidet, dann könnt ihr herausfinden, dass es eure Vorstellungen sind, die euch leiden lassen.“

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    • Nitya schreibt:

      Ich habe alle Anstrengungen aufgegeben, mich zu bessern,
      ich habe alle Hoffnung auf die Zukunft aufgegeben.
      Und mit dem Aufgeben der Hoffnung ist es still geworden.
      Ohne jede Hoffnung – wie kann da noch Verwirrung in deinem Leben sein?

      Osho

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      • Georg Alois schreibt:

        Wenn der Taifun
        seinen Kokon sprengt,
        dann umarmt ein Schmetterling
        die Sonne.

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      • Georg Alois schreibt:

        Ist das nicht herrlich, obwohl in Wahrheit nichts geschieht, darf ich das alles erleben?
        Maya, die genialste Erfindung schlechthin! Da kann doch nur Lobgesang aufkommen, oder?
        Eine Unzahl von Arschlöchern, über die ich mich ärgern darf, Situationen wo ich hoffen darf und nahezu zu viel Schönheit über die ich mich freuen darf! Was für eine tolle Erfindung. Das wäre ja eine Beleidigung der Existenz gegenüber, da macht sie sich so viel Mühe und ich will nicht das komplette Programm!?

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