Seng-ts’an: Sein ist gleich Nicht-Sein

21Es gibt weder Sein noch Nicht-Sein,
Nur die Unendlichkeit vor unseren Augen.
Das winzige Kleine ist dasselbe wie das Große,
Denn Abgrenzungen sind nicht auszumachen.

Sein ist gleich Nicht-Sein,
Nicht-Sein ist gleich Sein,
Was nicht die Soheit ist,
Das braucht man nicht festzuhalten.

Eins ist Alles,
Alles ist eins;
Habt ihr es also begriffen,
Müsst ihr euch nicht um Unvollkommenheit sorgen.

aus: Seng-ts’an, „Hsin Hsin Ming“

Sein oder Nichtsein; das ist hier die Frage:
Obs edler im Gemüt, die Pfeil und Schleudern
Des wütenden Geschicks erdulden oder,
Sich waffnend gegen eine See von Plagen,
Durch Widerstand sie enden? Sterben – schlafen –
Nichts weiter!

aus: William Shakespeare, „Hamlet“

Erdulden, widerstehen oder sterben, weil weder das Erdulden noch das Widerstehen zu ertragen sind. Einfach sterben, schlafen, die Bettdecke über den Kopf ziehen und nicht mehr da sein. Sein ist der blanke Wahnsinn, Nicht-Sein scheint die einzige Rettung zu sein.

Ramesh würde vielleicht dazu sagen: Die Alternative „Sein oder Nicht-Sein basiert auf der falschen Voraussetzung, dass XYZ [in diesem Fall Hamlet] glaubt, eine autonome Wesenheit mit eigenem Willen zu sein und eine Wahl zu haben. Diese Voraussetzung ist falsch und damit alle Fragen, die darauf beruhen. Wenn dies klar intuitiv erfahren wird, führt das Erfassen selbst zum EINFACH-NUR-SEIN.“ Und Seng-ts’an würde vielleicht ergänzen: „Sein ist gleich Nicht-Sein, Nicht-Sein ist gleich Sein, was nicht die Soheit ist, das braucht man nicht festzuhalten.“ – kann gar nicht festgehalten werden.

Was für ein Drama wird da scheinbar u.a. durch die „Person Hamlet“ entfesselt. Hätte er den Ausgang gekannt, wäre er möglicherweise zu einer anderen Entscheidung gelangt. Was nützt uns also der ganze freie Wille, so es ihn denn gäbe, wenn wir beim besten Willen nicht wissen können, was unsere Entscheidungen für Konsequenzen haben werden. Dann wären unsere Entscheidungen nichts als ein Lottospiel.

Wäre es denn nicht zu dem ganzen Drama gekommen, wenn Hamlet den Seng-ts’an gelesen und verstanden hätte?

H

Blöde Frage.
Woher soll ich denn das wissen?

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2 Antworten zu Seng-ts’an: Sein ist gleich Nicht-Sein

  1. Elwood schreibt:

    Hab mal gehört, dass William von klein auf sich nicht als Person gefühlt hat. So hatte er vieleicht seine Freude an seinem Drama, ist wohl auch ein bissl fad so ganz ohne Dramen und einfach zu erstaunlich diese Perspektivenvielfalt. Aber ich glaube keiner weiß genau wer, was oder wie dieser Beobachter Willam wirklich war…….
    ….jetzt ziehe ich mir ganz schnell wieder die Decke übern Kop….
    …oder gehe in die Spielhalle….

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