Michael Barnett: er verschob einfach seinen Schwerpunkt


B
Ich habe einmal die Geschichte eines alten Mannes erzählt, der fast sein ganzes Leben lang der übellaunigste, unfreundlichste und unkooperativste Mensch in seiner Stadt war. Und eines Tages änderte sich das völlig. Er war liebevoll, freundlich, fürsorglich, lachend und voller Freude. Jeder fragte ihn: „Was ist geschehen?“ und er antwortete: „Ich habe plötzlich gemerkt, dass die Art und Weise, in der ich mein Leben verbracht habe, nicht funktioniert hat. Deshalb habe ich beschlossen, es anders zu machen. Ich habe beschlossen, dass, dass Unglücklichsein, Unfreundlichkeit und Verdrießlichkeit zu nichts führen. Heute Morgen bin ich aufgewacht und sagte: ‚Schluss damit! Von jetzt an bin ich fröhlich, liebevoll und glücklich.'“ Wenn er es geschafft hat, so weiterzumachen, dann hat er genau das getan: Er hatte erkannt, von wo er herkam und entschied sich, es zu verändern. Er merkte, dass er das konnte und er verschob einfach seinen Schwerpunkt. Er tauchte in völlig neuer Weise wieder auf. …

Dieser Schwerpunkt ist fast so etwas wie ein Platz in deinem Inneren. Du kannst ihn anschauen. Nicht in seinen Manifestationen – den Gedanken, den Handlungen, den Gefühlen – das sind nur Projektionen auf dem Bildschirm – sondern als den Puls, der die Schwingungen hervorruft, die das Bild erzeugen. Du kannst ihn ansehen und sagen: „Das ist jetzt gerade Chatanya“ – oder Bodhi oder Jnani – „Das macht meine Realität aus. Tatsache ist, dass ich aus dieser Realität nur die Dinge auswähle, die mich an dieser Stelle festhalten.“ Wir behalten unseren Platz bei, indem wir – soweit wir das in der Hand haben – nur das zulassen, was uns dort bleiben lässt und alles fernhalten, was diesen Ort gefährden könnte. Wir tun das, indem wir Energien einbringen, die ihn erhält und Energie vermeiden, die seine Wirklichkeit in Frage stellen könnten.

Aber du musst ein bisschen Abstand von dieser Identität bekommen. Du musst mutig sein. Du musst die Chance ergreifen, nichts Spezielles zu sein. Niemand Bestimmtes. Eine sehr wichtige Frage, die man sich stellen sollte, ist: „Wer wäre ich, wenn ich nichts Bestimmtes wäre; wie würde ich dann aussehen?“ – Dann gehörst du zum heiligen Rat der Narren. Nichts bestimmtes sein. Die Leute werden dich einen Verrückten nennen, denn sie können dich nicht fassen.

aus: Michael Barnett, „Handbuch für die Kunst des Springens“

Kein Text vermutlich für die edlen Advaitins. „Du musst, du musst, du musst, …“ Vielleicht hilft es ja, sich zu vergegenwärtigen: „Advaita“ ist auch nur ein Konzept. Auf diese Weise kann vielleicht so etwas wie unvoreingenommene Offenheit entstehen, die möglicherweise nicht gleich mit vorgefertigten Antworten reagiert. Ja, das Ganze klingt nach so etwas wie „Positivem Denken“. Na und? Ein Kind fasst auf die heiße Herdplatte und – wird es nie wieder tun. Ein Lernprozess hat stattgefunden. Man könnte glatt eine Lernmethode daraus machen: Man führt die Kinder in die Schulküche. Dort müssen sie der Reihe nach ihre Hand auf eine heiße Herdplatte legen. Hinterher müssen sie einen Aufsatz darüber schreiben, warum es nicht empfehlenswert ist, seine Hand auf eine heiße Herdplatte zu legen. Dem alten Mann ist es nicht anders gegangen. „Ich habe plötzlich gemerkt, dass die Art und Weise, in der ich mein Leben verbracht habe, nicht funktioniert hat.“ Das hat zwar fast sein ganzes Leben gedauert, bis der Groschen fiel, aber irgendwann ist er halt dann doch gefallen.

Für die edlen Advaitins gibt es niemanden, der etwas lernen könnte. Es gibt nur ein unpersönliches Geschehen. Die Erscheinung eines alten Mannes scheint einfach einen Lernprozess erfahren zu haben. Das ist das eine Konzept. Für die dualistischen Normalbürger gibt es jemanden, der lernen kann, wenn er nur will. Und es gibt Methoden, die ihn beim Lernen unterstützen können. Und je nach Veranlagung und Willen, hat er entweder Erfolg oder Misserfolg. Das ist ein anderes Konzept.

Zum hunderttausensten Mal Seng-ts’san: „Suche nicht nach dem Wahren, enthalte dich nur deiner Meinungen (Konzepte)!“ Beide Konzepte sind Bullshit so wie jedes andere Konzept.

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14 Antworten zu Michael Barnett: er verschob einfach seinen Schwerpunkt

  1. Nitya schreibt:

    Seeadler
    Guten Morgen! Hast du gut geschlafen?

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  2. Georg Alois schreibt:

    ” Vielleicht hilft es ja, sich zu vergegenwärtigen: “Advaita” ist auch nur ein Konzept.
    ’schuldigung….. einen dicken Knutsch von mir!!! und danke, dass Sie sich täglich die Mühe machen mich zu erfreuen! Einen schönen Tag wünsche ich Ihnen…..allen

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  3. Eno schreibt:

    Also ich halte mich nicht für etwas Bestimmtes, glaube ich.
    Ich war lange auf der Suche danach etwas Bestimmtes zu sein, aber dieses seltsame Leben hat es mir wieder und wieder entrissen, so dass es nie lange genug anhielt, dass ich mich daran gewöhnen konnte nun endlich was Bestimmtes zu sein: (Ehe)Partner, Vater, Arbeitnehmer, Chef, Freund, Sohn, Bruder und als was man sich sonst noch so bezeichnen könnte. Ich kenne das, was da beschrieben wird, dass etwas wegfällt, was nicht funktioniert und plötzlich etwas anderes erscheint, manchmal ist die Zeit bis dahin voller Anstrengungen, Schmerz und Leiden und dann plopp ist man durch. Sowas passiert. Ich bin also nichts Bestimmtes und sehe aus wie immer, im unaufhaltsamen Verfall begriffen, jedenfalls der als Körper erscheinende Aspekt. Gehöre ich jetzt zu den Narren, gar zum heiligen Rat der Narren? Schön wärs, könnte ich dieser Möhre noch glauben schenken… Die Leute nennen mich alles Mögliche und ich nenne sie alles Mögliche. Alle Konzepte sind Bullshit? Ja, ich glaube das stimmt, sie poppen auf, flattern ne zeitlang durch die Gegend und zerplatzen dann wie Seifenblasen… Schöne Spielzeuge, lassen mich stets (ent)leer(t) zurück, diese Wahrnehmungsfähigkeit/Gewahrsein/Istheit in der der Tanz erscheint, dieses pralle, deftige Sein!

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  4. Nitya schreibt:

    Fischadler

    auf der Durchreise oder heimgekehrt?

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  5. Nitya schreibt:

    Also für Nachwuchs wird jedenfalls eifrig gesorgt.

    F

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  6. fredo0 schreibt:

    hmmm … ich sollte mir ein beispiel dran nehmen … son alter hagestolz ist ja nicht gerade ne zierde fürs horst-geschäft …😦

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