Alan Watts: nichts wird erreicht durch Zwang


4
Man könnte es so ausdrücken, dass te natürliche Tugend ist, die auf dem Befolgen von Vorschriften beruht. Aber erzeugt dies nicht wieder eine künstliche Unterscheidung zwischen dem, was natürlich, und dem, was künstlich ist? Vielleicht gibt es sie im Grunde nicht, da „das Tao jenes ist, von dem nichts abweichen kann“. Doch die Menschen, die das nicht verstehen, wollen sich selbst mit dem Tao in Einklang bringen, indem sie die Grundsätze der Natur in Worte zu fassen suchen und diese dann befolgen, als wären es Gesetze. Daher fährt Lao-tzu in seinem Kapitel über te fort:

(Sogar) der beste Wille der Welt (jen) erreicht nichts,
wenn er gezwungen wird.
Die größte Rechtschaffenheit erreicht nichts,
wenn sie erzwungen wird.
Die schönste Wohlgestalt erreicht nichts,
wenn sie erzwungen ist,
Und so werden stets nur „Ellbogen“ gebraucht,
um Gesetze zu erzwingen.

aus: Alan Watts, „Der Lauf des Wassers“
UAmerika, der angebliche Leuchtturm der Freiheit und der Demokratie für den schäbigen Rest der Welt, überfällt andere Staaten, schmeißt Atombomben, zwingt ihren „Verbündeten“ die Rolle von Vasallenstaaten auf, fällt Todesurteile über die eigenen Mitbürger, foltert auf Teufel komm raus, verhängt Sanktionen über den Iran, Russland, Kuba und und und …, versucht mit TIPP außergerichtlich anderen Staaten ihren „American Way of Life“ aufzuwingen, usw. usw. Die USA kennen nur „Ellbogen“ und handeln dabei völlig systemkonform. Aber systemkonform handeln natürlich nicht nur die USA, sondern jeder Schrebergartenverein. Man könnte so weit gehen und sagen: Jedes Ego handelt systemkonform. Wir alle haben eigentlich keinerlei Grund mit dem Finger auf den bösen, bösen IS zu zeigen.

Lao-tzu sagt: Wer nur Ellbogen gebraucht, wer nur andere zu was auch immer zwingen will, erreicht nichts. Kann ich aus eigener Erfahrung nur bestätigen. Wenn mich jemand zu was auch immer zwingen will, hat er schlechte Karten. Nicht weil ich so ein besonderer Trotzkopf wäre, sondern weil, ja … weil halt. Und das geht ja nicht nur mir so, sondern allen Lebewesen. Versuch mal, einer Katze ein Glöckchen umzuhängen, damit die lieben Vögelein vor diesem mordgierigen Untier gewarnt werden, wenn es sich anschleicht. Ist ja nun schon eine ganze Weile her, dass diese Erkenntnis gewonnen wurde, scheint jedoch keine besonders beliebte Erkenntnis zu sein.

Alan Watts wirft die Frage auf, ob es eine Unterscheidung gibt zwischen dem, was natürlich, und dem, was künstlich ist? Vielleicht gibt es sie im Grunde nicht, da „das Tao jenes ist, von dem nichts abweichen kann“. Das ist eine wirklich spannende Frage. Ich erinnere mich noch an anthroposophisches Spielzeug, das selbstverständlich aus echtem Holz sein musste. Nicht diese künstliche Plastikscheiße. Ich wollte mal vor vielen Jahren eine freie Schule aufbauen. In einer CSU dominierten Gegend eine ziemlich abenteuerliche Vorstellung. Ich brauchte Verbündete. Also fragte ich den regionalen Anthroposophie-Papst, ob er sich an so etwas beteiligen würde. Ja, sagte er, wenn es eine anthroposophische Schule werden solle. Wilhelm Reich? Alexander S. Neill? Niemals! Drei Kreuze. Aber den einen Zwang gegen einen anderen austauschen? Da hab ich nun drei Kreuze gemacht. Und so wurde nichts aus meiner schönen Idee.

„Das Tao ist jenes, von dem nichts abweichen kann.“ Was soll also der Quatsch, sich mit dem Tao in Einklang bringen zu wollen. Gott, wenn ich an die unzähligen Seminare und Workshops denke, in denen genau das versucht wird. Und doch … auch hier kann nur gesagt werden: Nichts kann vom Tao abweichen. Und wenn es noch so gaga ist, das werden zu wollen, was man schon längst ist. Also, nichts verkehrt – auch nicht an solchen absurden Seminaren und Workshops.

G
und willst du nicht
mein Bruder sein

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Alan Watts: nichts wird erreicht durch Zwang

  1. fredo0 schreibt:

    „“Man könnte es so ausdrücken, dass te natürliche Tugend ist, die auf dem Befolgen von Vorschriften beruht.““

    hmmm … ich denke das te zwar tugend meint … aber nicht die tugend des westlichen abendlandes …
    diese versteht ja tugend unter der prämisse der moralischen oder ethischen entscheidung eines individuums ..
    das „te“ des taoismus meint für mich eine natürlichkeit , die sich durch „leben“ äußert ( „te“ wird auch bei manchen übersetzern mit leben statt mit tugend übersetzt ). da war der gute richard wilhelm doch mal wieder kind seiner zeit …
    und etwas „tugendhaftes“ oder ein „wohlgetan“ kommt erst in wahrnehmung des inhärenten „te“ zustande . indem der mensch zum reinen resorbierer dieses „lebens“ wird .

    dao fa ziran …. = ~ tao zeigt sich durch die eigenart der dinge …

    und dieses „ziran“ ist nichts anderes wie die matrix des „te“ = lebens …

    also …. um vorschriften geht es da wahrlich nicht … noch nichtmal um ein akzeptieren … denn auch das ist nur einem „ziran“ geschuldett … ist da oder nicht …

    es ist einfach ein bemerken , was die freude bewirkt , in diesem tanz der schöpfung zu tanzen … als „was“ auch immer ….

    Gefällt mir

  2. fredo0 schreibt:

    och … ich bin doch wieder mal zu faul … noch mehr als den ersten satz zu lesen … ich hols nachher noch nach … versprochen …😀

    Gefällt mir

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s