Sawaki: es muss in der besten Weise so sein, wie es ist


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Uchiyama Rôshi: Ein Lehrer besuchte mich vor einigen Tagen und sagte mir: „Wir sollen den Schülern jetzt Noten für ihr moralisches Verhalten und Verantwortungsgefühl geben. Was halten Sie davon?“ Da ich nicht viel vom Erziehungswesen verstehe, war ich zunächst sehr überrascht. Dass man in den Naturwissenschaften alles mit Zahlen ausdrücken kann, ist mir klar, aber kann man auf die gleiche Weise den Wert eines Menschen beurteilen? Eher als den Schülern möchte ich dem Kultusminister Noten für seine Moralvorstellungen und Verantwortungsgefühl geben – und das wären keine so guten Noten. Jedenfalls riet ich dem Lehrer, dem nichts anderes übrig blieb, als sich an die Richtlinien des Kultusministeriums zu halten: „Ich würde einfach jedem der Schüler ‚90%′ geben, denn im Zen-Buddhismus heißt es, das neunzig besser als hundert Prozent sind. Aber wichtiger als das ist, dass Sie ihren Schülern dafür auch beibringen, was Verantwortung wirklich bedeutet, und dass Sie gemeinsam mit ihren Schülern die ganze Verantwortung für ihr Leben und ihr moralisches Verhalten übernehmen.“

Sawaki Rôshi: Es muss so sein, doch es kann so sein wie es will. Nichts muss auf irgendeine bestimmte Weise sein, doch es muss in der höchsten und besten Weise so sein, wie es ist.

aus: Kodo Sawaki, „Die Welt von Kôdô dem Landstreicher“

Da erzählt also der Uchiyama seinem Kumpel Kodo von der Frage eines Lehrers, was er davon hielte, dass man jetzt den Schülern Noten geben solle für ihr moralisches Verhalten und Verantwortungsgefühl. Uchiyama war als Roshi ja wohl so etwas wie eine moralische Autorität. Der Lehrer war offensichtlich verunsichert. Auf der einen Seite das Kultusministerium, auf der anderen Seite die moralische Autorität. Der Lehrer wollte anscheinend keine Verantwortung übernehmen und fragt den Roshi, wie er sich verhalten solle. Und was macht dieser Roshi? Er erzählt seinem Kumpel die Geschichte. Warum? Ich habe den Eindruck, er wollte von Kodo eine Bestätigung dafür, dass sein Rat an den Lehrer richtig war. Wollte auch er die Verantwortung nicht alleine tragen? Wenn das so sein sollte: Was für ein Witz! Da schwadronieren zwei Autoritäten über Moral und Verantwortung und wollen nicht erkennen, dass sie sich beide vor genau dieser Verantwortung drücken. Der Kultusminister hat Verantwortung übernommen, indem er eine neue Bestimmung herausgegeben hat. In einem Nebensatz stellt Uchiyama fest, dass dem Lehrer nichts anderes übrig bliebe, als sich an die Richtlinien des Kultusministeriums zu halten. Hallo? Quatschen da über Verantwortung und geben sie gleich zu Beginn an irgendeinen Minister ab. Anstatt als dem Minister schlechte Noten für seine Moral- und Verantwortung-Vorstellungen zu geben, sollte der Herr Uchiyama lieber sich selbst schlechte Noten geben.

Zuletzt meint Uchiyama, man solle den Schülern beibringen, was Verantwortung wirklich bedeutet, und dass die Lehrer gemeinsam mit ihren Schülern die ganze Verantwortung für ihr Leben und ihr moralisches Verhalten übernehmen sollten. Ha, gut gebrüllt, Löwe! Dann fang doch mal selbst damit an, anstatt anderen fromme Predigten zu halten.

Und was sagt Kodo jetzt dazu? Zuerst bestätigt er die Selbstverständlichkeit, von der Uchiyama da redet: „Es muss so sein.“ Aber dann kommt er auf das Wesentliche und widerspricht sich dabei selbst: „Doch es kann so sein wie es will. Nichts muss auf irgendeine bestimmte Weise sein, doch es muss in der höchsten und besten Weise so sein, wie es ist.“

Das ist genial. Nichts muss auf eine bestimmte Weise sein. Es kann so sein oder ganz anders. Das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist: Wie immer es ist, es muss in der höchsten und besten Weise so sein, wie es ist. Dafür kriegt der Kodo jetzt von mir eine Eins mit Lorberkranz.

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4 Antworten zu Sawaki: es muss in der besten Weise so sein, wie es ist

  1. Jens Gantzel schreibt:

    Hat dies auf Wünschen. Wollen. Tun. rebloggt und kommentierte:
    Ohne zu Schmunzeln hat die ganze Woche keinen Sinn gehabt.😉
    Und Zen-Geschichten sind für mich oft eine Gelegenheit zu schmunzeln und etwas mitzunehmen für den Alltag.
    Die augenzwinkernden Kommentare vom Blogger Nitya ebenfalls. 😉

    Schönen Donnerstag!

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  2. Eno Silla schreibt:

    “Doch es kann so sein wie es will. Nichts muss auf irgendeine bestimmte Weise sein, doch es muss in der höchsten und besten Weise so sein, wie es ist.”

    „Das ist genial“, lieber Nitya, da kann ich dir nur zustimmen!!! Da öffnet sich alles, da ist Freiheit und Raum, da versiegen mir die Worte oder hacken sich weiter in die Tastatur…
    Vollkommen, sprachlos, genießend:
    Eno

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  3. Brigitte schreibt:

    „Es ist alles das Spiel des unbegrenzten Einen“

    Mooji I love You🙂

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