Chuang-tzu: Gelassenheit

 

TDie wahren Menschen der alten Zeit kannten weder die Liebe zum Leben noch den Hass auf den Tod. Der Eintritt ins Leben war für sie kein Anlass zur Freude; der Austritt aus ihm rief keinen Widerstand hervor. Sie kamen und gingen in Gelassenheit. Sie vergaßen nicht ihren Anfang, noch fragten sie nach ihrem Ende. Sie nahmen (ihr Leben) hin und freuten sich daran; sie vergaßen jegliche Furcht (vor dem Tod) und kehrten zurück (zu ihrem Zustand vor dem Leben). Es lag also fern von ihnen, dem Tao zu widerstreben und den geringsten Versuch zu machen, mit menschlichen Mitteln dem Göttlichen Widerstand zu leisten.

Chuang-tzu in „Der Lauf des Wassers“ von Alan Watts

Ein guter Schüler muss versuchen, seinen Lehrer in Frage zu stellen. Er muss sich an ihm und seinen Aussagen mächtig reiben. Ich versuche mal, ein guter Schüler zu sein.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Chuang-tzu keine Liebe zum Leben hatte. In einem der nächsten Sätze sagte er ja auch:Sie nahmen (ihr Leben) hin und freuten sich daran“. Ich vermute, dass die Übersetzung an einigen Stellen nicht so ganz trifft, was Chung-tzu ausdrücken wollte. Der zitierte Satz wäre für mich so stimmiger: Die wahren Menschen der alten Zeit kannten weder Lebensgier noch Angst vor dem Tod. Und weiter: Der Eintritt ins Leben war für sie kein Anlass zu irgendeiner Erwartung; der Austritt aus ihm rief keinen Widerstand hervor. Sie kamen und gingen in Gelassenheit. So macht das für mich Sinn und fühlt sich sehr frei und weit an. Auch der nächste Satz stimmt für mich einfach so. Jetzt aber zum letzten Satz:

„Es lag also fern von ihnen, dem Tao zu widerstreben und den geringsten Versuch zu machen, mit menschlichen Mitteln dem Göttlichen Widerstand zu leisten.“ Ich bekenne mich schuldig. Erst gestern war ich mal wieder beim Zahnarzt, der in meinem Auftrag mit menschlichen Mitteln den Göttlichen Widerstand geleistet hat. Zählt Essen und Trinken auch zu den menschlichen Mitteln Widerstand zu leisten gegen den göttlichen Plan menschlichen Verfalls?

Also wenn ich an meinen Herzinfarkt denke, dann habe ich mich hier wirklich ganz scheußlich gegen das Tao versündigt. Ich hab mir vier Bypässe legen lassen, um mein erbärmliches Leben noch ein bisschen zu verlängern. Pfui Spinne! Dabei hat’s mir doch mein Großvater vorgemacht, wie man richtig stirbt. Er hatte sich noch mal fein gemacht, um seine Freundin zu besuchen, schnürte seine Stiefel ordentlich zu, bekam dabei einen Schlaganfall, den er als Arzt mit dem letzten Atemzug noch selbst diagnostizierte und das war’s dann auch. Er war auf der Stelle tot, so wie es das Göttliche für ihn vorgesehen hatte.

WBHmm, was sag ich jetzt dazu? Alles Quatsch, sag ich. Auch der gute Chuang-tzu wird gegessen und getrunken haben, wird alles getan haben, um nicht zu erfrieren, wird seine Klamotten geflickt haben, wenn sie sich aufzulösen drohten usw. usw. – Dann, was soll eigentlich diese blödsinnige Trennung zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen? Ein Hamster legt sich beispielsweise ganz instinktiv einen Wintervorrat an. Wenn ein Mensch nach kurzem Nachdenken dasselbe macht, hat er dann etwa den göttlichen Pfad verlassen? Beides geschieht einfach, der Instinkt wie das Denken. Ich weiß ja nicht, ob der Chuang-tzu das so gemeint hat. Ich glaube es nicht. Entweder haben da die Übersetzer schlecht übersetzt oder Chuang-tzu war einfach ein Kind seiner Zeit. Sind wir ja alle. Wenn man dieses „Zurück zur Natur“ bei heute über 7 Milliarden Menschen auf der Erde praktizieren wollte, dann „Gute Nacht“. Nicht mal einen Ziehbrunnen wollte Chaung-tzu erlauben. Man bekäme davon ein Maschinenherz. Also werter Herr Chuang-tzu, das ist wirklich Quatsch. Aber wahrscheinlich hätte dieser hochintelligente Herr das heute gar nicht vorgeschlagen. Wenn man den Sinn von Chang-tzus Worten richtig erfasst, geht es schlicht und ergreifend einfach darum, jedwedes Geschehen als göttlich zu begreifen und mit der entsprechenden Gelassenheit zu betrachten. Das scheinbar eigene Denken, Planen, Entscheiden und Handeln ist dabei stets Teil des göttlichen Geschehens.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Chuang-tzu: Gelassenheit

  1. Ingeborg schreibt:

    Das ist aus dem Adlerei geworden.

    Gefällt mir

  2. Giri schreibt:

    Hier die Übersetzung von Mair/Schumacher (und die nachfolgenden Stellen):

    „Der Wahre Mensch des Altertums kannte weder die Liebe zum Leben noch die Angst vor dem Tod; er freute sich nicht hervorzutreten, noch widersetzte er sich der Rückkehr. Beiläufig ging er dahin, beiläufig, beiläufig kam er wieder. Er vergass nicht, was sein Ursprung war, und suchte nicht zu wissen, was sein Ende sein würde. Fröhlich nahm er an, und seiner selbst vergessend, kehrte er zurück. Das ist gemeint mit ‚dem WEG nicht mittels des Verstandes schmälern, dem Himmel nicht mittels des Menschlichen aufhelfen‘. Das ist es, was wir den Wahren Menschen nennen.
    Darum hielt sein Geist nichts fest, sein Antlitz war unbewegt, und seine Stirn war von strahlender Offenheit. Herb wie der Herbst, mild wie der Frühling, harmonierten seine Freude und sein Ärger mit den Jahreszeiten. Er wusste allen Dingen zu entsprechen, aber niemand kannte seine Grenzen. …
    Der Wahre Mensch des Altertums stand da wie ein Turm, doch brach niemals zusammen, schien Mangel zu leiden und nahm doch nichts an. Von unnahbarer Selbständigkeit, war er doch nicht eigensinnig, er war völlig leer, doch stellte dies nicht zur Schau. Stets guter Dinge, schien er glücklich zu sein, spröde war er, als fühlte er sich genötigt. Durchdrungen von gewinnendem Charme, ausgestattet mit beeindruckender Tugend; ernst, als sei ihm an der Welt gelegen, unverschämt, als sei er nicht zu bändigen. Zurückhaltend war er, als wollte er für sich bleiben, geistesabwesend, als hätte er das Reden vergessen. …
    Also waren seine Vorlieben auf das Eine reduziert und ebenso sein Abneigungen. Sein ‚Eines‘ war eins, und sein ‚Nicht-Eines‘ war ebenfalls eins. Im Einssein war er ein Gefährte des Himmels. Im Nichteinssein war er ein Gefährte der Menschen. Der, in dem das Himmlische und das Menschliche nicht übereinander triumphieren, den nennt man einen Wahren Menschen.“

    Auch da wird von „weder Liebe zum Leben noch die Angst vor dem Tod“ gesprochen. Sie folgten einfach dem natürlichen. Aber vom göttlichen ist da keine Rede. Nur vom himmlischen. Das meint das gesamte des Seins, der Natur. Hat aber nichts mit dem westlichen Konzept des göttlichen zu tun. Es ist zutiefst immanent, weltlich.

    Ich glaube, das auch in der Rede vom Maschinenherzen viel dran ist. „Wer seine Geschäfte maschinenmäßig betreibt, der bekommt ein Maschinenherz.“ Ein Freund, der Programmierer ist, meinte letztlich, wenn er zuviel mit Computern arbeitet, verliert er das menschliche.

    Gefällt mir

  3. fredo0 schreibt:

    eine kleine bemerkung … zum verständnis einer speziellen formulierung , die sich immer wieder in chinesischen texten findet …
    ich hab ja mal sinologie studiert ( jedoch recht jämmerlich im erfolg )

    „der wahre mensch des altertums“ bezeichnet eine art sprachliche übereinkunft des ideals .
    so wie alles geschehen einer gesellschaft in china immer an den „alten zeiten“ gemessen wird.
    gemeint ist die zeit des ersten kaisers ( ja , der mit der tönernen armee ) .
    dieser gründer des chinesischen reiches , und seine zeit wird zu einer art megaideal aufgeblasen , und damit dem alltag der gegenwart entrückt .
    es ist jedoch keine idealisierung der person ( allzumal er ein echter despot , ja geradezu menschenfressender tyrann war ) sondern es wird eine ferne zeit , ähnlich wie „der himmel“ zum orientierungspunkt .
    aber anders wie im europäischen idealismus , der ja dieses ideal auch im alltag zu erreichen suchte … und diesen alltag damit aufpeppen wollte … benutzt das chinesische denken dieses „altertum“ lediglich als eine art leuchturm , der dem normal vorhandenen alltag im sinne des taoistischen eine art „betrachtung“ erschließen soll .
    >>> es geht also nicht darum , den alltag selbst zu „idealisieren“ , also einen idealen alltag zu erleben , sondern die „ideale“ betrachtung des gewöhnlichen zu erschließen ! …
    selbst ein richard wilhelm konnte in seinen übersetzungen dieser europäischen „idealisierung“ nicht so ganz ausweichen , war er doch auch in vielem ein kind der europäischen romantik , und der dem idealismus zugeneigten 20erJahre . er erschuf dann sprachlich den „Edlen“ … ( dabei hätte er im sinne des chinesischen eine „gewöhnlichen“ definieren müssen , der halt das gewöhnlich mit ( idealer) betrachtung erfasst …

    ( nur dafür ne vokabel zu finden , ist schon ne echt schwierige aufgabe )

    Gefällt mir

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s