Wei Wu Wei: Das Ablegen von allem, was zu „uns“ gehört

1Wir sind wie fleißige Bienen, die hier und da Honig aufsammeln und in den Bienenstock tragen, doch wir verschwenden unsere Zeit, damit diese Fassade einer Persönlichkeit aufzubauen, deren illusorische Existenz zwischen unserer äußeren Erscheinung und dem steht, was wir in Wirklichkeit sind und dem unser Sehnen gilt. Das Ablegen von allem, was zu „uns“ gehört, wurde stets von den Meistern gefordert, doch wir ziehen es vor, es zu ignorieren. Der Grund dafür ist, dass genau diese Vorstellung eines „Selbst“, das Zentrum dessen, was wir ablegen müssen, die Oberhand behalten will. Das gelingt ihm in aller Regel, und damit führt von Beginn an jede Hoffnung auf Erfüllung unseres Strebens zu Frustration. Ist es also ein Wunder, dass wir nur selten ein Stück weiter kommen?

Interessanterweise gibt es unter kürzlich aufgefundenen Aussprüchen von Jesus einen, in dem er seine Jünger förmlich beschwört, sich ihrer „Kleidung“ zu entledigen. Wir verstehen, dass eine solche Aussage von späteren Bearbeitern der Bibel weggelassen wurde, konnten sie doch diese Forderung nicht einordnen. Für uns jedoch sollte sie etwas Alltägliches sein. Bereits bei Chuang-tse finden wir die Anekdote von einem alten Mönch, der aufbrach, um Lao-tse zu begegnen, da er vor seinem Tod unbedingt erleuchtet werden wollte. Als er dort eintraf, kam Lao-tse heraus, ihn zu begrüßen und willkommen zu heißen, danach jedoch wies er ihn an, seine Begleiter und sein Gepäck vor dem Tor des Tempels zu lassen, sonst würde er nicht weiter vorgelassen. Der alte Mann hatte weder Begleiter noch Gepäck, doch er verstand, ging hinein und fand die Erfüllung.

aus: Wei Wu Wei, „Ask the Awakened“

Seine Schüler sprachen: „Wann wirst du uns offenbar werden, und wann werden wir dich sehen?“ Jesus sprach: „Wenn ihr euch nackt auszieht ohne Scham und eure Kleider nehmt und sie unter eure Füße legt wie kleine Kinder und darauf herumtrampelt, werdet ihr den Sohn des Lebendigen sehen und ihr werdet keine Furcht mehr haben. (Thomas 37)

Kleider sind Konventionen, und wie U.G. kürzlich sagte: „Du kannst dich von dieser Kultur nicht lossagen.“ Ganz gleich, ob du bis zum Hals in Klamotten steckst oder Mitglied in einem FKK-Verein bist, nackt herum zu springen ist für uns irgendwie nichts Natürliches mehr. Jesus war vermutlich kein FKK-ler und er meinte mit seinem Hinweis auch keinen geheimen, gnostischen Ritus. Es geht um das Nacktsein im Sinne des Freiseins von Konventionen oder, wie Wei Wu Wei das nannte, um das Ablegen von allem, was zu „uns“ gehört. Vielleicht hätte man auch lieber sagen sollen, um das Abfallen von allem, was angeblich zu „uns“ gehört, denn Ablegen kann das wohl niemand, dazu müsste es schließlich erst einmal ein „jemand“ geben. Es fällt einfach ab, wenn erkannt wird, dass es da je weder ein „Gehören“ noch ein „uns“ gegeben hat – oder es fällt eben nicht ab.

Da es keinen Jemand gibt, ist es im Prinzip völlig wurscht, ob da „etwas“ abgefallen ist oder nicht. Das eine ist so gut wie das andere. Von Enos Vögeln muss überhaupt nichts abfallen, einfach weil’s da gar nichts zum Abfallen gibt. Ich weiß gar nicht, wieso alle so’n Gewese um diese Abfallerei machen. Im besten Fall erreichen sie damit das, was die Vögel nie erreichen mussten, weil sie sich nie so’n Mist angezogen haben wie die dämlichen Menschen. Na ja, aber dafür haben wir Menschen Atombomben gebastelt. Gell, ihr lieben Vögelein, da guckt ihr jetzt dumm aus der Wäsche, die ihr nicht einmal habt.

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4 Antworten zu Wei Wu Wei: Das Ablegen von allem, was zu „uns“ gehört

  1. fredo0 schreibt:

    genaugenommen … ( ich mag ja manchmal diese „erbsenzähler“-sprach-versuche ) …
    also … genaugenommen ist da noch nicht mal ein abfallen …
    dann müsste ja etwas sein , von dem etwas abfällt …

    ich hab es mal so versucht zu umschreiben …
    es ist eher ein aufgesaugt werden ins substanzlose ….. (anfangs , wo noch das „etwas“ imaginiert wird)
    um dann zu bemerken ( ohne einen bemerker ), dass da nur das substanzlose beliebt , in/mit sich selbst ein als-ob-aufsaug-spielchen zu veranstalten …

    ( bis zum nächsten versuch …😀 )

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    • Nitya schreibt:

      hmm, hmmm, hmmmmm …

      Ist eine Vorstellung ein Etwas?

      Wenn ja, dann kann sie abfallen; wenn nein, kann ich dir nur rückhaltlos beipflichten.

      hmm, hmmm, hmmmmm …

      War jetzt mein Beipflichten ein Etwas?

      Wenn ja, dann kann es abfallen; wenn nein, tja, was könmnte dann abfallen?

      Gefällt mir

  2. fredo0 schreibt:

    „“ist eine Vorstellung ein Etwas““

    hmmm. eine gute Frage …. hmmm …
    also …. wenn , was ja häufig ist , ein intelektuelles Zustimmen zum Begriff Vorstellung erfolgt , aber damit halt auch eine Vorstellung ( weiter ) besteht , diese Vorstellung zu „haben“ ( und eventuell abfallen zu lassen ) dann , ja dann ist da immer noch eine Etwas-Vorstellung …

    nun ja … allein dieser Text ist bereits auch wieder eine Vorstellung von einer Vorstellung von „etwas“ … is halt recht tricky … das …
    so ist das wohl mit dem Tanz der Worte …. stellt sich vor … stellt sich nach …
    seitschritt rechts …. wiegeschritt ….

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