Alan Watts: Überlieferung vs. Beobachtung dessen, was ist

gDer menschliche Organismus hat die gleiche eingeborene Intelligenz wie das Ökosystem der Natur, und die Weisheit der Nerven und Sinne muss man mit Geduld und Respekt beobachten. Aus diesem Grund haben die Taoisten, wie Joseph Needham zeigt, einen viel größeren Beitrag zur chinesischen Wissenschaft geleistet als die Konfuzianer, denn während die letzteren ihre Nase in die Bücher steckten und lediglich Regeln befolgten, so waren die ersteren Beobachter der Natur. Die taoistische Literatur ist voll von Bemerkungen über das Verhalten von Tieren, Insekten, Reptilien, Pflanzen, des Windes, des Wassers und der Himmelskörper, während die konfuzianische Literatur sich fast ausschließlich mit politischen und sozialen Beziehungen beschäftigt.

Needham zeigt weiters und zieht dabei Parallelen zum Westen, dass Mystik und Empirismus im Gegensatz zur Scholastik stehen – dass beide auf der nicht-linearen Welt der Erfahrung beruhen und nicht auf der linearen des Buchstabens. Für die Mystiker ist nicht der Glaube an die rechte Lehre entscheidend, sondern die wirkliche Erfahrung, während die scholastischen Theologen nicht durch Galileis Teleskop schauen wollten, weil sie der Meinung waren, dass sie die Himmelsordnung bereits aus der heiligen Schrift kannten. Beide, der Wissenschaftler und der Mystiker, machen Experimente, in denen schriftliche Überlieferung immer weniger gilt als die Beobachtung dessen, was ist.

aus: Alan Watts, „Der Lauf des Wassers“

f  Mystiker und Wissenschaftler vs. Scholastiker? Entweder – oder?

Buddha: Glaubt mir kein einziges Wort von dem was ich sage, nur weil ich Buddha, eine Autorität für Euch bin. Zweifelt es ruhig an, aber haltet es einfach für möglich, probiert es dann aus und seht, erfahrt alles selbst!

Wo wären wir, wenn wir immer wieder vollständig bei Null anfangen müssten? Wo wären wir, wenn wir nicht auf den Erfahrungen unserer Vorfahren aufbauen könnten? Es kann also nicht darum gehen, etwa wie die „IS-Kämpfer“ ganze Bibliotheken zu verbrennen. Die einen sammeln eifrig angeblich heiliges Wissen, die anderen verbrennen es wieder. Beide Seiten sind von der Wahrheit ihrer Glaubensinhalte überzeugt und wollen alles verbieten bzw. zerstören, was ihrem Glauben widerspricht. Wir brauchen nur an die unheilige Inquisition denken oder an die Bücherverbrennungen im dritten Reich.

Buddha sagte: „Glaubt mir kein einziges Wort von dem, was ich sage.“ Er sagte nicht: „Hört mir einfach nicht zu!“ Und nachdem er schon seit Ewigkeiten nicht mehr zu hören ist, kann man ihn natürlich nur noch lesen, ihn und diesen und jenen und auch den oder die. Was wäre mit mir passiert, wenn mir in jungen Jahren nicht Meister Eckhart und Lao-tse und Bertrand Russells „Warum ich kein Christ bin“ und der „Ich bin ein Nazi“-Studienrat und der alte Schrebergärtner und Heinz Butz begegnet wären? Nein, ich musste nicht bei Null anfangen. Aber da gab’s auch nichts zu glauben. Da sprang einfach ein Funke rüber und ich fing an zu zweifeln und musste zusehen, wie meine ganzen noch nicht hinterfragten Glaubensinhalte zerbröselten.

Ich bin nicht als edler Wilder aufgewachsen, sondern als total zivilisiertes Wesen mit einem Haufen Scheiße im Kopf. Ich hatte mal ein Atelier in einem Künstlerhaus und konnte sehen, wohin das führt, wenn der Brahma- und Vishnu-Aspekt überwiegt und der Shiva-Aspekt dabei auf der Strecke bleibt. Und so steckte ich meine Energie fast zwanghaft ins Hinterfragen, während die anderen an ihrer Karriere herumbastelten. Ich wollte zuallererst diese ganze Scheiße in meinem Kopf loswerden. Das ist ein hartes Brot, wenn man immer wieder nur auf Lügen trifft. „Dich muss man erst an die Wand klatschen, bevor du Ruhe gibst.“ sagte mal ein völlig entnervter Freund zu mir.

Ich finde es absolut wunderbar, dass es Leute gab, die mir in Wort und Schrift oder einfach durch ihr So-Sein einen Impuls geben konnten. Und ich kann deshalb nur sagen, dass es nie um ein Entweder-Oder gehen kann.

Alan Watts sagt: „Für die Mystiker ist nicht der Glaube an die rechte Lehre entscheidend, sondern die wirkliche Erfahrung, während die scholastischen Theologen nicht durch Galileis Teleskop schauen wollten, weil sie der Meinung waren, dass sie die Himmelsordnung bereits aus der heiligen Schrift kannten.“ Warum nicht irgendeine heilige Schrift lesen UND durchs Teleskop schauen? pu

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