Ryōkan: allein lebend folge ich dem besseren Weg


R
Es ist ja nicht so,
dass ich nicht wünsche,
mit Menschen zusammen zu sein.
Aber allein lebend
folge ich dem besseren Weg.

aus: Ryōkan, „Alle Dinge sind im Herzen“

 Ich leg mal den Ryōkan auf die Coach und frage ihn, warum er wohl glaubt, dass er allein lebend dem besseren Weg folge. Er sagte doch, dass er sich eigentlich wünsche, mit den Menschen zusammen zu sein. Warum erfüllt sich dann Ryōkan diesen Wunsch nicht einfach? Ryōkan grunzt nur einfach unwillig vor sich hin. „Darum halt.“ knurrt er irgendwann – und: „Blöde Frage.“ Danach versinken wir beide in tiefem Schweigen. Ich denke an die Bäume und die ersten Frühlingsblümelein und an die Amsel dort, die gerade irgendetwas Fressbares zwischen den Gräsern entdeckt zu haben scheint, ich schau in den wolkenverhangenen Himmel, spüre den kalten Wind im Gesicht, … was für eine Ruhe. Alles ist einfach so ganz für sich. Und dann … die Leute.

Ach ja, „weißt du schon das Neueste?“ und „das siehst du ganz falsch!“ und „Guru XY hat aber gesagt: …“ und „meine Alte ist so eine miese Ratte – jetzt hat sie sich einen anderen angelacht!“ und „wie ist denn das letzte Spiel vom HSV ausgegangen?“ und „es wird Zeit, dass sich mal wieder jemand um das Kriegerdenkmal kümmert.“ Und und und … wer soll denn das aushalten? Die ganze Missioniererei und Besserwisserei und das Lechzen nach Aufmerksamkeit … Das ist alles so anstrengend. „Das macht dein Zorn, daß wir so vergehen, und dein Grimm, daß wir so plötzlich dahinmüssen. Denn unsere Missetaten stellst du vor dich, unsre unerkannte Sünde ins Licht vor deinem Angesicht. Darum fahren alle unsere Tage dahin durch deinen Zorn; wir bringen unsre Jahre zu wie ein Geschwätz.“ (Psalm 90. 7-9) Sogar für ihr Geschwätz haben sie einen Sündenbock: Der zornige Alte im Himmel ist schuld an der ganzen Misere.

„Allein lebend folge ich dem besseren Weg.“ Manche nennen das ja reine Arroganz. „Der glaubt wohl, er sei was Besseres!“ Ja, ja, klar. Ein kleines Mäuslein kommt um die Ecke. Ryōkan und ich werfen uns einen kurzen Blick zu. Wozu reden? Menschen sind einfach anstrengend.

 

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5 Antworten zu Ryōkan: allein lebend folge ich dem besseren Weg

  1. Hansi schreibt:

    Meine Mitmenschen zeigen mir wie es um mich steht. Sie sind mein Spiegel. Die Vielfalt des Geistes ist nicht sinn-los erschaffen. Es geschah aus Liebe zu DIR.

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  2. fredo0 schreibt:

    sorry Hansi … aber es ist nun mal recht evident , von welcher Basis aus , du hier schreibst …
    nix falsch daran … aber halt auch ( ungewollt dieses „Basis“ ) entlarvend ….
    es reicht letztlich ein einziger Satz ..
    zum Beispiel der letzte … „“es geschah aus Liebe zu DIR“
    wenn du DIR =absolut meintest , ( so benutze ich zumindest Worte in Versalien ) , dann sollte klar sein , dass es ein DIR ( also den Gegenüber ) in „Absolut“ nicht geben kann.
    wenn du DIR nur zur Betonung in Versalien geschrieben hast , zeigt dies eine … sorry …. „anbiedernde“ Bedeutsamkeitserschleichung indem das DU betont wird , dadurch das ein „eigener“ Dienst ( „deine“ Liebe ) an / für ihn betont bzw. behauptet wird .
    Generell behauptest du ( letztlich wie immer ) , dass etwas von Dir ausginge … hier die Vielfalt des ( du behauptest deines ) Geistes … und das dieses Vielfalt aus sich heraus sinnvoll wäre .
    Sinnvoll kann hier nur heißen , sinnvoll für den „Besitzer / Benutzer“ dieses Geistes.
    Ein Geist , der einfach nur eingebettet ist in das Schöpfungskonglomerat ( und niemandem „gehört“ ) bedarf keines „Sinnes“ ( also einer Besonderung ) . Er ist , was er ist .
    Letztlich eine Idee von etwas , was „Geist“ genannt wird , von „jemanden“ , der sich für dessen „Besitzer / Nutzer“ hält.
    Das gleiche lässt sich übrigens auch zu der „Liebe“ sagen , die sich nach deiner Behauptung von Dir ausgehend dem Du/Dir zuwendet … auch nur eine Idee einer Idee …

    so schwelgst du , wie so häufig in Ideen der Besonderung …
    nix falsch daran …
    nur typisches Anzeichen dafür , dass da noch im Body-Mind-Organismus, der sich hier Hansi nennt , eine Idee von „eigener“ Bedeutsamkeit dominiert.
    wie gesagt … nix falsch daran …. genau so wurdest du ja ( und fast alle anderen ) „gebacken“ von Mutter Natur . Gebacken dafür , so etwas wie eine „eigene Bedeutsamkeit“ für wahr zu halten
    da dies wohl dem erfolgreicheren Überleben in einer feindlichen Umgebung zuträglich ist . Und „Natur“ hat nur ein Interesse … besagtes Überleben . Ob da so etwas wie „Wahrheit“ ist , oder halt Täuschung geht dieser Natur so richtig am Arsch vorbei …

    Das diese „Bedeutsamkeit“ gar nicht vorhanden ist , dass sie letztlich einer Schimäre aus einer Nebenwirkung der beschränkten Wahrnehmungsfähigkeit des menschlichen Körpers entstammt , lässt sich argumentativ nun mal nicht transportieren , da diese Haltung ja üblicherweise autohypnotisch aus jahrzentelanger Gewohnheit im HomoSapiens fixiert ist .
    Die einzige Chance dieser Autohypnose zu „entkommen“ , ihr mal „unter den Rock zu schauen“ , besteht darin , das diese halt manchmal bei mancheinem plötzlich und unvorhergesehen ihren „Kleber“ verlieren kann …
    warum auch immer …

    🙂

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    • Nitya schreibt:

      Wollte auch gerade antworten, aber besser hätte ich es auch nicht auf den Punkt bringen können.

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    • Elwood schreibt:

      „Bedeutsamkeit“ kann nur in der Messung (Vergleich)-Vorstellung existieren.
      Dafür brauche ich einen Standpunkt(Fixpunkt), damit Vergleichen erst möglich ist.
      Erkenne „ICH“ die Beliebigkeit des Standorts, verliert sich die Bedeutsamkeit.
      Die Beliebigkeit des Ich-Standortes benötigt keinen Götzen mehr.
      Die Begrenztheit verliert ihren Richter.
      Pups!

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  3. fredo0 schreibt:

    zum ryokan-text und nityas kommentar …

    …. irgendwie waren in meinem leben stets viele menschen … 3 ehefrauen … 2 kinder …. 6 beutekinder …. zur zeit bereits 9 enkel … ehemals große firma … dutzende mitarbeiter … jetzt noch immer eine handvoll …
    hmmmm …. schon o.k. …. aber auch … viele viele menschen … irgendwie mitlerweile manchmal fast zu viele … denn jetzt lebe ich mich persönlich eher als alternder hagestolz … mir selbst oft sogar überflüssig … und spüre , dass sich immer mehr eine one-man-show anbietet fürs tägliche geld verdienen …
    und das dies leben , trotz all seiner weiter bestehenden originalität des augenblicks , aber auch immer mehr eine gewisse „sattheit“ bei mir verursacht …

    das was mich in kontakt hält … ist die mit in dies leben erworbene eigenart von recht großer geschwatzigkeit … und selbst das ist mehr zu einer mich selbst erstaunenden marotte geworden als zu einer mir „wichtigen“ attitüde.
    auch meine noch immer heißgeliebte tanzerei entwickelt sich immer mehr weg vom hormonerzeugenden lust-balzspiel , zum sich selbst genügendem ritual der lebendigkeit … was jedoch nicht das geringste an meiner freude daran ändert …

    ich vermag nicht zu sagen , ob dies alles so „besser“ ist … oder aber verlust ?
    ich kann nur konstatieren , dass dies … mitlerweile … so ist …

    ob das nun den fast 63 jahren erdenleben oder dieser zufälligerweise vor einigen jahren „durchschauten“ persona zuschreiben ist ? … keine ahnung … womöglich beides … oder auch nix davon …

    zu erwähnen bleibt , dass ja halt stets das , was ist , „so halt !“ ist …
    und jedes es anders bedenken oder gar wollen , zweifellos überflüssig wurde für mich …

    … so halt …

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