Meister Eckhart: Der Gang der Freien

Meister_Eckhart
Vom Werk nicht lassen,
Doch lassen von des Werkes Wirkung.
Um Wirkung unbekümmert werken,
Das ist das hohe Lassen!
Der Gang der Freien.

Eckhart von Hochheim

„Das ist das hohe Lassen!“ sagt Meister Eckhart. Eine Formulierung, die keine Aufforderung beinhaltet. Ich vermute, Eckhart war sich der Schwierigkeit bewusst, die dieses Lassen bedeutet. Wenn mein Kunstdozent Heinz Butz sagte: „Wir arbeiten hier für den Papierkorb“, meinte er vermutlich dasselbe. Und er sagte es wahrscheinlich deshalb, weil manche der Studenten sich am liebsten jeden Pups hätten einrahmen und vergolden lassen, um ihn anschließend meistbietend verhökern zu können. Heinz Butz hatte manchmal etwas von jenem Jesus, der die Krämerseelen aus seines Vaters Haus vertrieben hat. Nun ist ja vielleicht noch zu verkraften, wenn etwa ein Blatt mit Aktzeichnungen im Papierkorb landet. Ja aber, ja aber … gibt es nicht auch Bücher mit Skizzen von Rembrandt, Leonardo da Vinci, Albrecht Dürer usw.? Könnte ich nicht auch irgendwann meine Skizzen verkaufen? Niemand kann dich daran hindern. Ja, aber, von irgendetwas muss ich doch leben! Und schon geht die Unterhaltung in eine Richtung, die völlig unfruchtbar ist. Auch von Heinz Butz gibt es Bücher. Eben habe ich das aus einem seiner Bücher herauskopiert.

Kunstharz auf Holz mit NagelKunstharz auf Holz mit Nagel

Warum hat er das nicht im Papierkorb entsorgt? Wollte er vielleicht doch eine Wirkung erzielen? Will etwa auch mein Zahnarzt eine Wirkung erzielen? Na, ich hoffe doch sehr. Aber vielleicht ist mit Wirkung ja etwas ganz anderes gemeint? Wir können ja gar nicht verhindern, dass etwas wirkt. Ein warmer Mantel im Winter kann bewirken, dass ich nicht erfriere. Ich spekuliere mal, was Eckhart wohl gemeint haben könnte.

Johannes Tauler hat einmal geschrieben: „Wer allein dahin käme, diesen Grund der Erkenntnis seines eigenen Nichtsseins zu erreichen, der hätte den nächsten, kürzesten, den geradesten, sichersten Weg zur höchsten und tiefsten Wahrheit gefunden, die man auf Erden erreichen kann.“ Wer zu dieser Erkenntnis gelangt ist, der schreibt Werk und Wirkung nicht mehr sich als einer getrennten Entität zu. Er wird zu einem Vorübergehenden, wie das Jesus einmal ausgedrückt hat. Heinz Butz wurde jedes Mal fuchsteufelswild, wenn es jemandem nur um seinen Egotrip ging, um seinen Ruhm und sein Ansehen in der Welt. Naja, damals war er noch jung.

Die Saat ist gesät,
Sonne und Regen tun das ihre wie immer.
Die Frage, ob die Saat aufgeht,
sollte mich weder mit Sorge noch Hoffnung erfüllen.

anonym

Ist das jetzt die Erlaubnis, verantwortungslos zu sein? Wer könnte diese Erlaubnis erteilen und wer verantwortungslos sein?

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2 Antworten zu Meister Eckhart: Der Gang der Freien

  1. fredo0 schreibt:

    Es ist oft gerade bei kreative arbeitenden Menschen bewusstgewordene „Wahrheit“ nicht der Schöpfer eines Werkes zu sein , sondern nur der Kanal , durch den dieser kreative Impuls hindurchgeht.
    Und je „glatter der Kanal dabei ist“ um so mehr verblüfft den Kreativen selbst das „“eigene““ Werk.
    Und diese Form von „“eigener““ Arbeit mag durchaus gern gezeigt und auch verkauft werden .
    Es ist jedoch bei fast allen Malern und auch Bildhauern zu erfahren, dass sie oft ein erstaunlich „schlichtes“ Werk nicht hergeben möchten , da es für sie einfach eine besonders intensive Erinnerung an dieses „Kanalereignis“ darstellt, und es dann wie eine Art Schlüssel zum Kanal geradezu gehütet wird.
    Denn die wirkliche Freude , ja man mag es Genuss nennen , ist nicht das Resultat , das Objekt , sondern es ist die Erfahrung bzw. Erinnerung des „glatten Kanals“ .
    Dieser Moment des „Durchdrungenwerdens“ , des „Benutztwerdens“ , hat manchmal geradezu orgastische Qualitäten , zumindest hoch euphorisiernd , oder schafft sogar eine Art sakrale Ergriffenheit . Ergriffenheit geradezu wortwörtlich zu verstehen.

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