Tony Parsons: das göttliche Spiel


Tony Parsons

Betrachtet doch mal die scheinbare Welt, in der wir heute leben!
Da geht es immer nur um „mich“ – es geht immer nur darum, ob „die Person“ erfolgreich oder ein Versager ist. Wir wachsen in dem Glauben auf, es gäbe da jemanden und dieser Jemand lebte ein Leben von so und so vielen Jahren Dauer, und diesen Glauben bekräftigen wir immer wieder. Wir befinden uns auf einer Reise namens „mein Leben“ und wir müssen uns darum kümmern – so wird uns gesagt –, dass dieses Leben funktioniert. Alles dient der Idee „Ich bin eine Person und ich muss mein Leben auf die Reihe kriegen.“

Euch werden Pflichten aufgetragen. Bei der ersten dreht es sich darum, ein gutes Kind zu sein, bei der nächsten, ein guter Schüler zu sein. Und auf die Pflichten des guten Arbeiters, folgen meistens die Pflichten des guten Ehemannes, der guten Ehefrau, des guten Partners. Einige Menschen versuchen, auf dem Weg über die Religion zu entdecken, was in ihrem Leben fehlt, und bekommen wieder eine Liste präsentiert, die ihnen sagt, welche Bedingungen sie erfüllen müssen, um würdig oder akzeptabel zu sein.

Es gibt so viele Vorstellungen über die Art und Weise, sein Leben auf die Reihe zu kriegen, wie es scheinbare Personen gibt. Und die persönlichen Errungenschaften sind vielschichtig und subtil – manche offensichtlich sogar negativ. Einige Menschen empfinden es als großen Erfolg, zum Opfer zu werden!

Wir müssen dieses Spiel spielen, weil wir uns wirklich für Personen halten; wir haben eine Maske namens „Ich bin eine Person“ aufgesetzt. Dann gibt man sich den Anschein, diese Person zu sein und weil man das so ernst nimmt, vergisst man, dass man nur so tut – der Anschein wird zur Hauptsache. Und viele Menschen leben ihr ganzes Leben auf diese Weise. Das ist prima, das ist göttlich, das ist das göttliche Spiel. Einige Menschen haben das Gefühl, obwohl sie all diese Plichten abgehakt haben, fehle immer noch etwas.

aus: Tony Parsons, „DAS IST ES“hNa, die Menschen, die ihr ganzes Leben auf „diese Weise“ leben, finden das vielleicht gar nicht prima, gar nicht göttlich. Das kann nur jemand vom Stapel lassen, der diesen Witz mit dem „Ich“ kapiert hat. Solange das nicht geschehen ist, kann er auch nicht über diesen Witz lachen. „Wieso soll das ein Witz sein?“ wird er fragen. „Ich habe alle meine Pflichten bestens erfüllt und mir geht’s immer noch beschissen.“ Irgendwas fehlt immer noch zum Glück.

Tony Parsons sagt: „Da geht es immer nur um ‚mich‘ – es geht immer nur darum, ob ‚die Person‘ erfolgreich oder ein Versager ist.“ Und wenn es dieses „Mich“ gar nicht gäbe, wem könnte dann noch etwas fehlen? Da geht es immer nur um mich – eben, das ist der Punkt. Das ist jetzt kein versteckter Aufruf, nicht so egoistisch, sondern altruistisch zu sein. Mit diesem Aufruf sind ja seit Jahrtausenden alle Religionen auf die Nase gefallen. Es geht nicht darum, das eine zu tun und das andere zu lassen, nicht darum, ein besserer Mensch zu werden. Wenn überhaupt geht es darum, sich sein zu lassen, dieses S-ich zu lassen. Aber auch sich nicht sein zu lassen, ist prima, ist göttlich.

„Wir müssen dieses Spiel spielen, weil wir uns wirklich für Personen halten; wir haben eine Maske namens „Ich bin eine Person“ aufgesetzt.Dann gibt man sich den Anschein, diese Person zu sein und weil man das so ernst nimmt, vergisst man, dass man nur so tut – der Anschein wird zur Hauptsache.“ Ja, das ist die Tragikomödie. Wir haben vergessen, dass wir nur spielen und haben aus dem Spiel Ernst werden lassen. Wenn die Kinder „Räuber und Gendarm“ spielen, ist das kein Problem. Wenn sie aber vergessen, dass sie „Räuber und Gendarm“ nur spielen, wird es sehr schnell zum Problem. Wenn ein Mädchen und ein Junge Braut und Bräutigam spielen, haben alle ihren Spaß daran. Wenn diebeiden dann älter geworden sind und tatsächlich heiraten, wird aus dem Spiel in aller Regel sehr schnell ein mehr oder weniger schreckliches Trauerspiel. Und wenn dann einer der beiden nach einer heißen Nacht mit dem Gschpusi nach Hause kommt und dem gehörnten Partner eröffnet, dass er keinerlei Grund hat, sauer zu sein, weil sie doch nur „Ehepaar“ spielen, dann … dann … na ja, kann sich ja jeder selbst ausmalen. Alles als Spiel zu erklären, kann ausgesprochen lebensgefährlich sein. Sag mal zu unserer hoch verehrten Frau Bundeskanzlerin „blöde Kuh“, dann wird dir kein Richter das abnehmen, dass das doch nur ein Spaß nur ein Spiel gewesen sei. Die nehmen das alles todernst. Von Amts wegen bist du nun mal eine Person und der Beweis ist das Personalausweis.

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7 Antworten zu Tony Parsons: das göttliche Spiel

  1. Chantal schreibt:

    Lieber Nitya,
    Zur Erinnerung, mal hast du geschrieben oder zitiert:
    „Sieh den, der sieht, und du tauchst ins Nichts.“
    Wenn ich mir , wie gestern Abend die Bilder der Nachrichten anschaue, – die abgestürtzte Airline, die restlichen Trümmer, da ist alles so dicht beieinander, Leben und Tod, vorher und nachher.
    Ein Witz? sicher kein menschlicher, aber ein göttlicher. Das ist nicht leicht zu verdauen.
    Doch ich gehe jetzt frühstücken.
    Und dir einen heiteren Tag.🙂

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  2. Elwood schreibt:


    Ich vermute das Täter – Opfer – Spiel hatte von Anfang an so seine Tücken….
    dieses lästige Schuldgefühl wird (scheinbar) gemildert….
    mit ihr auch die Verantwortung dafür…
    doch die An(b)hängigkeit wächst….
    die Suche zur Vollständigkeit…
    ist jetzt ein muss…
    und liegt nun im Aussen…
    bei meinen Götzen….
    jeder eigenen Meinung beraubt….
    bleibt der Spassfaktor ziemlich schnell auf der Strecke….
    meine Identifikation zum Opfer –
    macht mich zum Täter….
    meine Identifikation zum Täter –
    macht mich zum Opfer…
    der Witz…
    im Paket…
    gibt es die volle Verantwortung…
    ohne Scham…
    und die Freiheit…
    innerhalb der alltäglichen Begrenzungen…
    für die Trauer…
    und für das Lachen…

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  3. Hansi schreibt:

    hört euch die ersten 12 min an
    und ihr werdet anfangen den sinn des göttlichen spieles zu begreifen

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    • Nitya schreibt:

      Du scheinst ja sehr besorgt um unser geistiges Wachstum zu sein.🙂

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      • Hansi schreibt:

        Nein, Sorgen mach ich mir deswegen keine, aber das hast du ja auch so nicht wirklich gemeint. Ich habe deinen netten Wink schon verstanden.
        Letztendlich erfüllen die Texte, welche du hier besprichst, ja denselben Zweck. Du servierst diese aber mit weniger Nachdruck wie ich, das stimmt sicherlich.

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      • Nitya schreibt:

        Lieber Hansi,

        ich würde sagen, ich stelle eher Fragen, während du schon die fertigen Antworten anbietest. Es gibt aber soviele Antworten, wie es Menschen auf der Erde gibt.

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  4. Jens Gantzel schreibt:

    Sozusagen als Aufgalopp zum (s)ich-sein-zu-lassen oder (s)ich-nicht-sein-zu-lassen bietet sich auch das sich-optimieren-sein-lassen an:
    https://wuenschenwollentun.wordpress.com/2014/06/22/superman-superwoman-superchild/

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