Chuang-tzu: genießen, wovon man nie getrennt ist


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Du hast es gewagt, als Mensch geboren zu werden, und bist voll Entzücken darüber. Doch dieser Körper ist Myriaden von endlosen Wandlungen unterworfen, und gibt dies nicht Anlass zu unsäglicher Freude? Daher genießt der Weise das, wovon er nie getrennt werden kann und was alle Dinge enthält. Er sieht sowohl einen frühen Tod als auch langes Leben, seinen Anfang und sein Ende als gut an, und darin folgen ihm andere Menschen. Um wieviel mehr werden sie dem (Tao) folgen, von dem alle Dinge abhängen und jede Wandlung entspringt?

Chuang-tzu

Ich glaube, es war Osho, der einmal gesagt hat, dass wir vier Möglichkeiten haben, um mit dieser Welt klar zu kommen. 1. Wir können verrückt werden. 2. Wir können kriminell werden. 3. Wir können verdrängen und innerlich alles Lebendige unterdrücken. Und 4. Wir können weise werden und genießen, wovon wir nie getrennt werden können und was alle Dinge enthält. Die Verrückten können sich immerhin noch weitgehend ihre Lebendigkeit bewahren. Leider kann sie die Gesellschaft nicht dulden und versucht alles zu tun, um ihre Lebendigkeit zu lähmen – vorzugsweise durch Wegsperren, notfalls indem sie fixiert oder in Zwangsjacken gesteckt werden oder indem sie medikamentös in ihrem Bewusstseinszustand beeinträchtigt werden. Die Kriminellen haben bereits eine Menge Bewusstsheit und Intelligenz eingebüßt. In der Verfolgung ihrer Ziele können sie jedoch ausgesprochen gerissen sein, was gepaart mit ihrer Skrupellosigkeit sehr erfolgreich sein kann. Selbstverständlich schaffen sie sich mit ihrem Verhalten nicht nur Freunde, was sie allerdings nicht sonderlich irritiert. Wenn man sie in ein Gefängnis steckt, mögen sie das in aller Regel nicht so besonders. Die große Mehrheit, also die, denen der Mut oder die Unverfrorenheit für die ersten beiden Möglichleiten fehlt, hat sich für die dritte Möglichkeit entschieden. Sie haben gelernt, alles Unangenehme zu verdrängen. Der Preis für die scheinbar dadurch gewonnene Sicherheit ist hoch: Es ist der Verlust von Lebensfreude und Kreativität und ein geradezu roboterhaftes Dasein.

UDie vierte Möglichkeit ist die offensichtlich erfreulichste. Komisch, dass sie kaum jemand für sich in Anspruch nehmen will. Chuang-tzu sagt: Der Weise genießt das, wovon er nie getrennt werden kann und was alle Dinge enthält. Er sieht sowohl einen frühen Tod als auch langes Leben, seinen Anfang und sein Ende als gut an. Er folgt dem Tao, von dem alle Dinge abhängen und jede Wandlung entspringt. Nichts leichter als das, will man meinen. Nur, wieso in aller Welt will sich kaum jemand darauf einlassen? Wieso, wieso, wieso,… in schā’a llāh. Es geschieht halt nicht.

Nur eine Hypothese: Wir wurden schon in frühester Jugend auf Objekte fixiert und damit auf den grundlegenden Dualismus. Hier ich, da das Objekt, das ich haben oder nicht haben will. Solchermaßen programmiert übersehen wir völlig das, wovon Tschuang-tzu spricht: „Der Weise genießt das, wovon er nie getrennt werden kann und was alle Dinge enthält.“ Er übersieht es, weil es kein Objekt ist. Wir können dem einen Namen geben, z.B. Shiva und entsprechend seine Shakti, aber das formt der Verstand sofort wieder zu göttlichen Personen (Objekten, Erscheinungen) um und damit ist alles verfehlt. Wieder fallen wir auf trügerische Erscheinungen herein.


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„Siehst Vater, du den Erlkönig nicht! Den Erlenkönig mit Kron‘ und Schweif?“ -„Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif.“ Wer hat nun recht? Beide und keiner. Beide sehen nur Erscheinungen. Der eine den Erlenkönig, der andere einen Nebelstreif. Wichtig im Sinne Tschung-tzus ist allein das Sehen. Nicht ein Seher und nicht das Gesehene. Oder, um es wieder einmal musikalisch auszudrücken: Wichtig ist der ewige Grundton und nicht die Melodie. Der Weise sieht sowohl einen frühen Tod als auch langes Leben, seinen Anfang und sein Ende als gut an. Dies ist nur möglich, weil er fest in dem verankert ist, wovon er nie getrennt sein kann. Wird die Melodie ohne Verankerung im Grundton wahrgenommen, kann man leicht da landen, wo der Knabe in Goethes Erlkönig gelandet ist.


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Wenn Jesus sagt, dass sein Reich nicht von dieser Welt sei, meint er genau dasselbe. Wer nur der Welt verhaftet ist, landet leicht in der Psychose oder in der Kriminalität oder im Wahnsinn der sog. Normalität.

Der Weise genießt das, wovon er nie getrennt werden kann. Die Verrückten sind von den beiden anderen Zeitgenossen Gott am nächsten. Deshalb soll Meher Baba durch die Klapsmühlen Indiens gereist sein und die Verrückten befreit haben. Und das völlig wortlos! Seine letzten Worte vor seinem Schweigegelübde 1925 sollen gewesen sein: Don’t worry, be happy!

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2 Antworten zu Chuang-tzu: genießen, wovon man nie getrennt ist

  1. Xeniana schreibt:

    Wunderbare Gestaltung!

    Gefällt mir

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