Balsekar: der Mensch in dem die Natur ihren Lauf nimmt


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Der Mensch des Verstehens ist wahrlich kein Mensch, der durch ein lebenslanges Studium und durch Praktiken eine große Anzahl von Tugenden und Verdiensten erworben hat, sondern der Mensch in dem die Natur ihren Lauf nimmt ohne Behinderung durch persönliche Anstrengung und Eitelkeit. Es ist wichtig zu erkennen, dass ein Suchender durch ein kontemplatives Leben der Meditation und des inneren Gewahrseins seiner selbst genauso sehr von seiner Selbstverbesserung besessen sein kann wie andere von einem Leben aktiver Anstrengung und Errungenschaften.

Wahrer Friede kann nur aus der tiefsten Überzeugung erwachsen, dass es keinen Eigen-Willen geben kann – dass nur Gottes-Wille immer und überall vorherrschen muss – und dass man somit nichts „tun“ kann, außer zu akzeptieren WAS-IST, ohne es verändern zu wollen, ohne werden zu wollen, was man nicht ist. Die Handlungen des Menschen des Verstehens sind nicht Untätigkeit, sondern – vom persönlichen Standpunkt betrachtet – Nicht-Tun. Das Verstehen selbst wird zu diesem Nicht-Tun, das den Unterschied von Tätigkeit und Untätigkeit transzendiert, den Unterschied zwischen Aktivität und Kontemplation oder Meditation. Anders ausgedrückt ist es das Verstehen selbst, das die Vereinigung mit dem unpersönlichen Bewusstsein oder der Totalität oder Gott erzeugt.

aus: Ramesh Balsekar, „Ripples“

Ramesh war Präsident der „Bank of India“, bevor er sich mit sechzig Jahren pensionieren ließ und sich ganz auf das einließ, was sein Lehrer Nisargadatta für ihn verkörperte. Was er hier beschreibt, ist ja nichts Neues. Seit Jahrtausenden ist dies der Kern der Lehre und man kann sich wirklich fragen, warum sich diese simple Wahrheit so schwer tut, einen „Normalbürger“ zu einem „Menschen des Verstehens“ werden zu lassen.

saGestern hat uns Ingeborg darauf aufmerksam gemacht, dass eine Nebelkrähe eines der beiden Eier aus dem Seeadlerhorst zerstört hat. Eben las ich: „Die Aaskrähen (Rabenkrähen/Nebelkrähen) sind dafür bekannt, dass sie alle Fremdlinge, wie z.B. den Seeadler, den Rotmilan oder den Turmfalken aus ihrem Revier vertreiben. Sobald sich Greifvögel in der Nähe ihres Reviers aufhalten oder brüten, versuchen sie diese mit allen Mitteln zu vertreiben.“ Ramesh sagt: „Der Mensch des Verstehens ist wahrlich kein Mensch, der durch ein ‚lebenslanges Studium und durch Praktiken eine große Anzahl von Tugenden und Verdiensten erworben hat‘, sondern der Mensch in dem die Natur ihren Lauf nimmt ohne Behinderung durch persönliche Anstrengung und Eitelkeit.“ Könnte man hier nicht sagen, dass sowohl die Seeadler wie die Nebelkrähen Tiere des Verstehens sind, in denen die Natur einfach ihren Lauf nimmt? Ob dies ohne jede Behinderung durch persönliche Anstrengung und Eitelkeit geschieht, wäre dann die nächste Frage. Mich beschleicht immer ein ungutes Gefühl, wenn das eine als natürlich und etwas anderes als unnatürlich bezeichnet wird.


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Gibt es denn etwas anderes als die Natur? Ich könnte auch anders fragen: Gibt es denn etwas anderes als Gott? Etwa den Satan? Oder den menschlichen Verstand? Heraklit sagt: „Weisheit besteht in nichts als diesem: Wahr reden, wahr handeln, Der Natur der Dinge folgen.“ Das muss ich weder einem Seeadler noch einer Nebelkrähe sagen. Aber muss ich es einem Menschen sagen, wenn alles der Natur der Dinge folgt – auch alle Versuche, nicht der Natur der Dinge zu folgen?

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9 Antworten zu Balsekar: der Mensch in dem die Natur ihren Lauf nimmt

  1. Chantal schreibt:

    Lieber Nitya,
    ich verfolge wie ein Habicht, „Hab ich-t“ jeden Tag deinen Blog und verschlinge ihn.:-)
    Du stellst jeden Tag eine neue Frage, im Gegensatz zum Seeadler, die handeln ohne zu fragen. Der Hunger zwingt sie dazu.
    Ich weiss bis heute nicht, was meine wahre Natur ist. Der Hunger ist einfach nicht so gross. Vielleicht wüsste ich es dann. Ich könnte mir sagen, meine wahre Natur ist das, was meine Bestimmung ist, was mich glücklich macht. Andere glücklich machen? Selbsthingabe? Selbstverwirklichung? Keine Fragen mehr stellen? Einfach sein.
    Es sein lassen? Mein Geist denkt dual. Das ist die Crux.
    Dir einen glücklichen Tag
    Chantal

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    • Nitya schreibt:

      Liebe „Hab ich-tin“,

      „Mein Geist denkt dual. Das ist die Crux.“
      Das ist keine Crux – das ist der Witz!😀
      Sonst gäb’s ja nix mehr zu lachen.

      Beispiele lieferst du ja gleich zuhauf:
      „Andere glücklich machen?
      Selbsthingabe?
      Selbstverwirklichung?
      Keine Fragen mehr stellen?“

      Lauter Objekte.
      Deine wahre Natur?
      Weder dies noch das?
      Kein Objekt und alle Objekte?

      Morgen ist Frühlingsanfang.
      Mach dich schon mal sprungbereit und
      „Feiere alles!“ (Osho)

      Herzlichst
      Nitya

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  2. Ingeborg schreibt:

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