In schā’a llāh


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Als der große Sufi-Mystiker Hassan im Sterben lag, fragte ihn jemand: „Hassan, wer war dein Meister?“ Er antwortete: „Ich hatte Tausende von Meistern. Wenn ich auch nur ihre Namen nennen wollte, würde es Monate dauern, und dazu bleibt mir keine Zeit mehr. Aber von dreien meiner Meister will ich euch gerne erzählen.

Einer von ihnen war ein Dieb. Einmal verirrte ich mich in der Wüste, und als ich schließlich ein Dorf erreichte, war es schon sehr spät, alle Türen waren schon versperrt. Aber schließlich fand ich doch einen Mann, der gerade versuchte, ein Loch in die Wand eines Hauses zu schlagen. Ich fragte ihn, wo ich übernachten könnte, und er sagte: „Zu dieser Nachtzeit wird das schwierig, aber du kannst bei mir bleiben – wenn du bei einem Dieb wohnen willst.“

Und der Mann war so wunderbar – ich blieb einen Monat lang bei ihm! Und jeden Abend sagte er zu mir: „Ich gehe jetzt zur Arbeit. Ruhe du dich nur aus, bete du nur.“ Wenn er zurückkam, fragte ich ihn: „Hast du etwas erreichen können?“ Er pflegte dann zu antworten: „Heute nicht, aber morgen werde ich es wieder versuchen,  in schā’a llāh …“ Er war nie ohne Hoffnung, er war immer vergnügt.

Als ich schon viele Jahre meditiert und meditiert hatte, und nichts geschah, und ich viele Male so verzweifelt war, so ohne Hoffnung, dass ich mich mit dem Gedanken trug, alles hinzuwerfen, da erinnerte ich mich plötzlich an jenen Dieb, der jeden Abend sagte: „In schā’a llāh, wird es mir morgen glücken. „

erzählt von Osho in „The Secret of Secrets“

In schā’a llāh – so Gott will, wurde ja vielfach als faule Ausrede diskreditiert aber auch als faule Ausrede missbraucht und dabei geht es doch nur um die Erkenntnis, dass einfach geschieht, was geschehen will. Ob ich mit dem Geschehenen einverstanden bin oder nicht, spielt nur für das fiktive Ich eine Rolle. Für dieses spielt es allerdings eine gewaltige Rolle. Geht etwas nicht nach seinem Willen, kann ihm das den ganzen Tag verderben und schlaflose Nächte bereiten, geht etwas „gut“, ist das für kurze Zeit ein Stimmungsaufheller aber eigentlich eine Selbstverständlichkeit.

Der Dieb in der Geschichte war nie ohne Hoffnung, erzählt Osho, aber geht es hier wirklich um Hoffnung? Oder um Vertrauen? Oder geht es ganz nüchtern um Einsicht? Um Einsicht in die eigene Ohnmacht? Kürzlich bin ich über diesen 11:20 Minuten Audio-Beitrag von Bazon Brock gestolpert: http://bazonbrock.de/mediathek/?id=6172&sPage=1&type=audio. Es gibt so viele Möglichkeiten, sich der eigenen Ohnmacht und damit der Illusion der Ich-Existenz und jeglicher Sicherheit bewusst zu werden. Nun könnten völlige Resignation und Depression geschehen oder auch grenzenlose Erleichterung, Freude und Kreativität. Aber natürlich gibt es auch hier keine wirkliche Wahl. Dem Dieb ist offensichtlich Letzteres geschehen. In schā’a llāh – es hätte auch Ersteres geschehen können. Es gibt keinerlei Sicherheit.

Der Sufi-Mystiker soll gesagt haben: „Ich hatte Tausende von Meistern.“ Ich hatte noch nie verstanden, warum viele Leute glauben, sich mit einem Meister begnügen zu müssen. Wie leicht kann das in Sektiererei abdriften. „Mein Meister ist der größte. Jedenfalls besser als deiner. – Mein Meister hat gesagt – und was mein Meister gesagt hat, gilt für mich.“ Sagen die IS-Leute auch und ermorden schließlich die sog. Ungläubigen. Was für eine Freude von allem und jedem zu lernen! Zum Beispiel von meinen Eichhörnchen oder den Mäusen oder den Meisen oder von dem Jiaogulan, den ich kürzlich eingepflanzt habe, oder sogar von einem Menschen oder von einem Buch oder gerade von den Seeadlern im Internet oder …

Aber warum ist das für die einen eine Freude und die anderen nicht? Was soll ich sagen? Ich weiß es nicht. In schā’a llāh.

 

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7 Antworten zu In schā’a llāh

  1. Chantal schreibt:

    Du bist auch ein Meister für mich, lieber Nitya , ein Blog-Meister 🙂
    Liebe Grüsse in den Frühling
    Chantal

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  2. Eno Silla schreibt:

    „Was für eine Freude von allem und jedem zu lernen! Zum Beispiel von meinen Eichhörnchen oder den Mäusen oder den Meisen oder von dem Jiaogulan, den ich kürzlich eingepflanzt habe, oder sogar von einem Menschen oder von einem Buch oder gerade von den Seeadlern im Internet oder …“

    Oder von diesen beiden Meistern:

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  3. Eno Silla schreibt:

    alles in allem
    in allem alles
    ist es
    jetzt
    wie auch immer
    unausweichlich
    unentrinnbar
    ausgeliefert
    kontrollos
    sein
    lebendigkeit
    elendigkeit
    der ganze scheiß
    all der geile scheiß
    unendlich tief
    unendlich hoch
    treffe ich
    wieder und wieder
    immer nur auf
    m
    i
    c
    h

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