meine beiden Wölfe

kFrüher bin ich immer mit einem Buch bewaffnet in ein Café gegangen, heute geh ich, ebenfalls mit einem Buch bewaffnet, fast genauso oft zum Zahnarzt. Gestern saß ich also wieder einmal auf dem Folterstuhl, wobei ich leider noch nicht so recht zum Lesen gekommen war. Als die Spritze nicht schnell genug wirkte und mein Zahnarzt sagte, das würde wohl noch zwei Minuten dauern, bat ich ihn, in der Zwischenzeit ein kurzes Märchen zu erzählen. Und so kam es, dass ich von ihm die Geschichte mit den zwei Wölfen hörte. Kennt ihr ja vermutlich alle, weil die Geschichte in sog. spirituellen Kreisen sehr beliebt ist. Hier eine Kurzfassung: „Zwei Wölfe kämpfen im Herzen eines jeden Menschen, der eine wird Liebe und der andere Hass genannt.“ – „Und welcher gewinnt ?“ – „Der, den du am meisten nährst!“

Danach steckten mir der Zahnarzt und eine Helferin wieder alle möglichen Hände und Gerätschaften ins Maul, sodass ich mich völlig gefesselt und geknebelt fühlte und außerstande war, auf die Wolfsgeschichte zu antworten. Und das mir! Das war fast schlimmer, als die 1½ Stunden auf dem heißen Stuhl. Nach etwa ½ Stunde, als mein Mund für kurze Zeit wieder hand- und gerätefrei war, nutzte ich meine Chance für eine spirituelle Belehrung. Sinngemäß sagte ich ungefähr: Also, diese Geschichte hat ein paar Schönheitsfehler. Erstens wird sie immer mit so einem moralischen Unterton erzählt. Die Existenz ist nicht moralisch. Und ich glaube, die Indianer, von denen die Geschichte stammen soll, waren es auch nicht. Das hört sich doch ziemlich christlich-buddhistisch an. Zweitens geht die Geschichte von einem dualistischen Weltbild aus. Als ob es da jemanden gäbe, der beschließen könnte, den guten Wolf zu nähren und den bösen verhungern zu lassen! Vielleicht ist gar kein entsprechender Wille da. Und das Wollen zu wollen, geht halt nicht. Und drittens … na ja, dann kam die Arie mit der Elektrizität: Nähre mal den Plus-Pol und lasse den Minus-Pol verhungern, dann geht schlicht das Licht aus. Beide Wölfe sind verhungert. Da haste dann dein‘ Dreck im Schächterle, wie ich als Kind bei den Datschiburgern gelernt habe. Leben ist Spannung oder es ist überhaupt nicht.

Ha, das hat meiner geschundenen Seele gut getan! Einen Hexenschuss hatte/ habe ich übrigens auch noch und damit hatte ich genügend Leidensenergie für meinen Redeschwall zur Verfügung. Bevor ich meine unfreiwilligen Zuhörer nun meinerseits weiterquälen konnte, steckten diese mir wieder ihre Hände und Gerätschaften in den Rachen und konnten mich so erfolgreich zum Schweigen bringen. Und damit ich das nicht vergesse, habe ich es gleich aufgeschrieben. Dann brauche ich mir keine Geschichte für morgen auszudenken, um euch bei Laune zu halten. Jetzt werfe ich mir noch mal eine Schmerztablette ein und gehe wieder ins Bett. Dann hab ich schon was für meinen Blog, falls ich morgen früh verschlafe.

Ach ja, keine Zeit für ein Wackelbild. Das da oben ist auch kein Wolf, sondern der griechische Kerberos, der niemanden in den Hades lassen soll und auch nicht heraus. Ist der nu gut oder böse? Ach, wurscht egal, Schluss mit der Sabbelei!

… und lasst bloß nicht euern „bösen Wolf“ verhungern!

ww

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15 Antworten zu meine beiden Wölfe

  1. SUCHER schreibt:

    Hallo Nitya
    In den letzten jahren merkte ich beim lesen dieses Blogs dass die Zähne dein wunder punkt sind. genauso wie bei mir. ich hatte panik beim Zahnarzt. heute gehe ich hin, sehe die modernen Instrumente und habe überhaupt keine angst auch wenn es einmal wehtun sollte. ich sitze da, die helfer stecken ihre finger in mein „maul“ und ich sage mir in welch wunderbarer zeit ich lebe.. meine Großeltern hätten überhaupt keine Chance gehabt ihr zahnleiden zu lindern, wir sitzen inmitten hochtechnisierter geräte wo fast jedes körperliche leiden beherrschbar wird. ist das nicht großartig? SEIN ersinnt die Technik um seine eigenen Schöpfungen zu „reparieren“. ZahnarztSEIN hilft PatientenSEIN mit TechnikSEIN zu sein? Ob das Gleichnis der 2 Wölfe in diesem Augenblick am Stuhl das Richtige war bezweifle ich. Gute Besserung nochmals.

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  2. Thorsten Schäffer schreibt:

    Vielen Dank! Ich liebe deinen Blog..,

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    • Nitya schreibt:

      Na Klasse! Hauptsache du liebst! Notfalls sogar meinen Blog.😉
      Aber ich bin sicher, wer sogar meinen Blpog liebt,
      hat ganz bestimmt noch genug Andere und Anderes zu lieben. ♥

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  3. fredo0 schreibt:

    Mitlerweile habe ich auch eine recht intensive Beziehung zu meiner Restbezahnung.
    Jeder einzelne ist mir lieb und wert und seine individuelle Zermahlungsleistung der ihm zugeführten Nahrung wird mit Hochachtung und tiefer Wertschätzung gewürdigt.

    Es ist wohl ein vordergründig widersprüchlicher Sinn im Altern enthalten, einerseits die immer intensiver werdende Irrelevanz der Welt der Erscheinungen in tuto , aber auch andererseits die immer stärkere Würdigung einzelner verbleibender Objekte der Erscheinungen ob ihrer jetzt intensiver bemerkten positiven Auswirkung in ein alltägliches Leben hinein.
    Restbezahnung , bequeme Sessel , funktionierende Transportmittel , nicht tickende Wecker , Autobahnferne Lage der Behausung , ein akzeptables Bio-Sortiment im Supermarkt , Knochen und Gelenke die noch bewegungswillig und fähig sind. All dies erhält im zunehmenden Maße seine Würdigung .
    Hat ja auch was ….

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    • Nitya schreibt:

      Restbezahnung: Als ich noch in deinem jugendlichen Alter war, sagte der EAV-Papst von Hamburg zu mir: Alle wurzelbehandelten Zähne sind Störfelder. Also müssen alle raus. Ich bin seinem Rat nicht gefolgt. Wie du hing ich an jedem einzenen Beißerchen. Lass los?

      Keinen Bock.

      Na ja, wer nicht hören will, muss leiden.

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  4. Chantal schreibt:

    Lieber Nitya,
    die Wolfgeschichte passt genau zu dir. Mal nährst du in deinem Blog den lieben Wolf, mal den bösen. Mal beklagst du das Ego, mal verteidigst du es. Wenn ich hier von meinen Ängsten schreibe, dann bist du hilfreich, wenn ich dir gefallen will, dann beisst du mich.
    🙂

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    • Nitya schreibt:

      Liebe Chantal,

      was mach ich denn nu heute mit dir – hilfreich sein oder beißen?
      Hmm. willst du mir heute nicht ein klein bisschen gefallen, damit ich dich beißen kann?
      Aber du brauchst keine Angst haben: Heut bin ich absolut beiß-impotent.😉

      Herzlichst
      Nitya

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      • Chantal schreibt:

        Eigentlich mag ich deine Bissigkeit, lieber Nitya.
        Das Rotkäppchen war lange Zeit auf meiner Visitenkarte.
        Gute Besserung für die Zähne und den restlichen „Wolfskörper“.

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      • Nitya schreibt:

        Liebe Chantal,

        ich umarm dich und beiß dir nur ganz zart mit dem einen Zahn, den mir der Elwood noch gegönnt hat, ins Ohrläppchen.

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  5. Elwood schreibt:

    Lieber Nitya,
    ich hoffe Dein Zahnarzt hat sich seine Aufmerksamkeit nicht zu sehr von seinen Besserwisser-Patienten ablenken lassen und getan, was getan werden musste und deine Beißerchen gerettet.
    Damit Deine Geschichten hier auch weiterhin genügend Biß haben.
    Hab mir erlaubt eine wackelige Momentaufnahme…..
    Herzlich, halt die Zähne(die letzten) steif!
    Elwood

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    • Nitya schreibt:

      Welche letzten Zähne, lieber Elwood, wo du mir doch nur einen einzigen Zahn übrig gelassen hast? Die anderen muss mir mein Zahnarzt wohl von mir unbemerkt aus Rache wegen meiner Besserwisserei rausgezogen haben.

      Jedenfalls sehe ich, dass dir dein Kunstwerk diebischen Spaß gemacht haben muss. Ich hab mich scheps gelacht. Hast du wirklich Klasse gemacht! Sogar deinen Freund Harvey hast du bei der Sprechstundenhelferin unterbringen können! Aber das ist schon bitter: Alle haben noch alle Zähne, sogar der feixende Wolf, nur ich muss mir dauernd den einen Zahn in den Unterkiefer hauen.

      Herzlichen Dank für dein Meisterwerk!

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