Alan Watts: Was ist das, was immer zurückweicht?


AW
Menschen, die in der Aura christlicher und hebräischer Entelechie aufgewachsen sind, finden dieses Prinzip [Polaritäts-Prinzip] beklemmend, weil es scheinbar jede Möglichkeit des Fortschritts verneint, ein Ideal, das von ihrer linearen (im Unterschied zur zyklischen) Auffassung von Zeit und Geschichte herrührt. In der Tat ist die westliche Technologie ganz darauf abgestellt, „die Welt zu verbessern“, Freude zu haben ohne Leid, Reichtum ohne Armut und Gesundheit ohne Krankheit.

Doch wie jetzt zutage tritt, haben unsere gewaltsamen Anstrengungen, dieses Ziel mit Mitteln wie DDT, Penizillin, Kernenergie, Autotransport, Computer, industrieller Landwirtschaft und Kraftwerken zu erreichen und jeden gesetzlich zu zwingen, oberflächlich „brav und gesund“ zu sein, mehr Probleme geschaffen, als sie lösen. Wir haben ein komplexes System von Beziehungen gestört, das wir nicht verstehen, und je mehr wir zu seinen Details vordringen, desto mehr entzieht es sich uns, indem es immer mehr Details enthüllt. Während wir versuchen, die Welt zu begreifen und zu dirigieren, läuft sie uns davon. Anstatt sich darüber zu ereifern, würde ein Taoist fragen, was diese Situation bedeutet. Was ist das, was immer zurückweicht, wenn man es verfolgt? Antwort: du selbst. Idealisten (im moralischen Sinn des Wortes) betrachten das Universum als etwas vom Selbst Getrenntes und Unterschiedliches – das heißt als ein System äußerer Objekte, die man sich unterwerfen muss. Taoisten betrachten die Welt als identisch mit oder untrennbar von ihrem Selbst, sodass Lao-tzu sagen konnte: „Ohne aus dem Haus zu treten, erkenne ich die ganze Welt.“

aus: Alan Watts, „Der Lauf des Wassers“

„Freude zu haben ohne Leid, Reichtum ohne Armut und Gesundheit ohne Krankheit.“ Hmm, ob die ollen Taoisten wirklich solche Extremisten waren, wie sie uns die Geschichte von Chuang-tzu über den Ziehbrunnen zeigt: Dsi-Gung: „Mit wenig Mühe wird viel erreicht. Möchtet Ihr die nicht anwenden?“ Der alte Mann: „Wenn einer Maschinen benützt, so betreibt er all seine Geschäfte maschinenmäßig; wer seine Geschäfte maschinenmäßig betreibt, der bekommt ein Maschinenherz.“ Und dabei ging es nur um einen ganz einfachen Ziehbrunnen! Wollte ein Taoist wirklich keine „Freude ohne Leid, Reichtum ohne Armut und Gesundheit ohne Krankheit“? Im Moment hab ich es wieder mit meinen Zähnen zu tun. Ich weiß, dass sie in absehbarer Zeit alle dahin, dahin sind. Und doch versuche ich jeden einzelnen Zahn zu behalten und das, bitteschön, möglichst schmerzfrei. In der Tat, wenn ich meine Zähne als Teil der Welt betrachte, versuche ich, ein Weltverbesserer zu sein, indem ich meine paar Zähne vor dem endgültigen Aus zu bewahren versuche. Ist das jetzt eine lineare (im Unterschied zur zyklischen) Auffassung von Zeit und Geschichte?

Also ehrlich gesagt, ist mir das alles allzu sehr im Entweder-Oder-Bereich angesiedelt. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die alten Taoisten kein Werkzeug benützten, um damit beispielsweise ihre Kleidung und Schuhe herzustellen oder ihr Gemüse klein zu schneiden. Aus Angst, sonst ein Maschinenherz zu bekommen? Die waren doch nicht blöd. Ich denke, das waren sehr praktische Leute. Wenn sie mir jetzt zugehört hätten, hätten sie mir wahrscheinlich und mit Recht einen Vogel gemacht. Die Ziehbrunnen-Geschichte Chuang-Tzus halte ich nicht für eine Empfehlung, alle seine Werkzeuge in den Müll zu schmeißen, sondern für einen Versuch, auf die Gefahr hinzuweisen, die ein Maschinenherz für den Geist bedeutet. Maschinenherzen bekommt man nicht durch den Gebrauch etwa eines Computers, sondern, wenn man nur noch im Sinne der alten psychischen Programme reagiert. Taoisten kennen keine Ge- oder Verbote, sie versuchen etwas vom taoistischen Geist zu transportieren, etwas, das sich am besten durch Gleichnisse und Geschichten transportieren lässt. Der Ziehbrunnen ist so eine Geschichte. Nur eine Geschichte, aber eine, die es in sich hat.

Z

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3 Antworten zu Alan Watts: Was ist das, was immer zurückweicht?

  1. Jens Gantzel schreibt:

    Hat dies auf Wünschen. Wollen. Tun. rebloggt und kommentierte:
    „(…) Maschinenherzen bekommt man nicht durch den Gebrauch etwa eines Computers, sondern, wenn man nur noch im Sinne der alten psychischen Programme reagiert.(…)“

    Für mich ist das die Kernaussage aus diesem nachdenklichen Artikel. Lesenswert!

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  2. Eno Silla schreibt:

    von allem begreifen
    unbefriedigt
    von allem gefundenen
    enttäuscht
    und doch wieder und wieder
    begeistert
    bin ich ewig nur
    ganz
    nicht zerbrochen
    unversehrt
    hier
    jetzt
    dieses
    süßbittere
    bittersüße
    nichts

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