Achaan Chaa: Das Glas ist bereits zerbrochen

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Eine Frage an Achaan Chaa: Wovon sprechen Sie eigentlich, wenn Sie von der Beseitigung des ‚Verlangens‘ reden?

Chaa sah zu Boden und lächelte zaghaft. Er nahm das Wasserglas zu seiner Linken in die Hand, hielt es hoch und sagte in dem vergnügt klingenden laotischen Dialekt, der seine Muttersprache war:

Seht ihr dieses Glas? Für mich ist dieses Glas bereits zerbrochen. Ich erfreue mich daran; ich trinke daraus. Es ist ein vortreffliches Gefäß für mein Wasser, manchmal spiegelt es sogar die Sonnenstrahlen in wunderschönen Mustern wider. Wenn ich daran klopfen würde, hätte es einen lieblichen Klang. Wenn ich dieses Glas jedoch auf ein Brett stelle und der Wind es herunter bläst, oder wenn ich es mit dem Ellenbogen vom Tisch fege, es auf den Boden fällt und zerbricht, dann sage ich: „Natürlich“. Aber wenn ich weiß, dass dieses Glas bereits zerbrochen ist, dann ist jeder Augenblick mit ihm wertvoll. …

Dieses Selbst, das ihr für so wirklich haltet, ist bereits zerbrochen.

aus: Achaan Chaa in Markus Epstein, „Gedanken ohne Denker“

gEs gibt da so schlaue Sprüche, etwa „Wie gewonnen, so zerronnen.“, die einen diskret darauf aufmerksam machen wollen, dass nichts von Dauer ist. „Glück und Glas, wie leicht bricht das!“ usw. usw. Da nickt man dann weise und glaubt, dass das, wenn überhaupt, nur für die anderen gilt.

Achaan Chaa sagt: „Das Glas ist bereits zerbrochen.“ Na ja, wir haben’s ja verstanden, aber von diesen Typen mit ihrem ewigen „memento mori!“ lass ich mir doch nicht den ganzen Tag versauen. Heute ist das ja Gott sein Dank etwas aus der Mode gekommen. Mag ja sein, dass da noch ein paar Messie-Logenbrüder in dunklen Tempelecken ihr Unwesen damit treiben, aber wir sind ja alle aufgeklärt und lassen uns von dem ganzen Hokuspokus nicht mehr Bange machen.

MMDabei ist es eigentlich ganz einfach: Wenn nichts ohne seinen Gegenpol existieren kann, dann ist ein heiles Glas ein zerbrochenes Glas, ein Baby ein Sterbender, … oder, um noch einmal Heraklit zu bemühen, Tag ist Nacht, Winter ist Sommer, Krieg ist Frieden, Hunger ist Sättigung, Überfluss ist Mangel. Das Problem ist, niemand kann das sehen. Gestern war ein strahlender Sonnentag – wer kann da schon einen heftigen Schneesturm sehen? Die Maler haben gerne die Person „Vanitas“ abgebildet, eine holde Maid, die sich eitel im Spiegel begafft und ganz hingerissen ist von ihrer Schönheit und dabei nicht sehen will, dass ihr Gevatter Tod längst über die Schulter schaut.

2Es ist ja noch verhältnismäßig leicht zu sehen, dass hier 2 Figuren ausfindig zu machen sind; beide Figuren gleichzeitig zu sehen, fällt den meisten Menschen schon schwer. Aber wie ist es mit Winter und Sommer oder dem Glas des Achaan Chaa? Oder wie ist es mit dem Selbst, von dem Achaan Chaa sagt: „Dieses Selbst, das ihr für so wirklich haltet, ist bereits zerbrochen.“ Jetzt schon zerbrochen. Es existiert wie es nicht existiert. Jetzt schon. Kann das gesehen werden?

„Memento mori“ wurde oft verbunden mit „carpe diem“. Anstatt also Trübsal zu blasen über die eigene Sterblichkeit, kann ein „Ich bin ja schon gestorben“ richtig befreiend sein. Alles darf, nichts muss sein. Wer dem Tod schon ein paar Mal von der Schippe gesprungen ist, hat damit vermutlich keine allzu großen Probleme mehr.

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Eine Antwort zu Achaan Chaa: Das Glas ist bereits zerbrochen

  1. Marianne schreibt:

    Sobald wir geboren werden, sind wir tot. Unsere Geburt und unser Tod sind ein und dasselbe. Wie bei einem Baum: Wenn es Wurzeln gibt, dann müssen auch Äste da sein; gibt es Äste, dann muss eine Wurzel da sein. Man kann nicht das eine ohne das andere haben. Es ist etwas belustigend, wenn man sieht, wie zerstreut und untröstlich die Leute bei einem Todesfall sind und wie glücklich und erfreut bei einer Geburt. Es ist eine Täuschung, niemand hat sich dies je klar angeschaut. Ich denke, wenn man wirklich weinen möchte, dann ist es besser, das bei einer Geburt zu tun. Geburt ist Tod, Tod ist Geburt; der Ast ist die Wurzel, die Wurzel der Ast. Wenn man unbedingt weinen muss, dann weine an der Wurzel, weine bei der Geburt. Schau genau hin: Gäbe es keine Geburt, dann gäbe es auch keinen Tod. Kannst Du das verstehen?

    Ajahn Chah: http://ajahnchah.org/deutsch/unser_wirkliches_heim.php

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