Der Frankfurter: zur Ordnung zwingen


DO

Und darum hat man in der Wahrheit zu nichts ein Recht. …

Auch wir sind in dieser geistlichen Armut und Demut verstanden und gefunden, dass alle Menschen auf sich selbst und zur Untugend und zur Bosheit geneigt und gekehrt sind und dass es darum nötig und nützlich ist, dass Ordnung und Weise, Gesetz und Gebot seien, dass die Blindheit und der Verstand der Menschen dadurch gelehrt werde und dass die Untugend und Bosheit unterdrückt und zur Ordnung gezwungen werde. Denn wäre das nicht, die Menschen würden viel böser und unordentlicher als die Hunde und das Vieh.

Es wird auch mancher Mensch durch diese Anweisung und Ordnung erzogen und gekehrt zur Wahrheit, was sonst nimmer geschähe. Es sind auch wenige Menschen zu der rechten Wahrheit gekommen, sie haben denn zuvor Weisung und Ordnung angefangen und haben sich darin geübt, solange sie nichts anderes noch Besseres wussten. Darum sind Gesetz und Gebot, Ordnung und Weisheit in demütigen Geistlichsein und geistlicher Armut nicht verschmäht und verspottet, noch auch die Menschen, die damit umgehen und sie handhaben, sondern da wird gesprochen in einem lichten Erbarmen und in einem klagenden Jammern: Allmächtiger, du ewige Wahrheit, dir sei geklagt und du klagst es auch selber, dass menschliche Blindheit, Gebrechen und Bosheit macht, dass das nötig ist und sein muss, dass in der Wahrheit nicht nötig ist noch sein sollte!

Denn die da vollkommen sind, die sind unter keinem Gesetz. Darum sind Ordnung, Gesetz, Gebot und desgleichen nur eine Unterweisung der Menschen, die nichts Besseres verstehen oder anderes wissen noch erkennen, warum alle Gesetze und Ordnung geschaffen sind.

aus: Theologia Deutsch, Kap. 26, (Autor: anonym, unbekannter Deutschordenspriester. 14. Jh. von Martin Luther erstmals veröffentlicht)

TGGerhard Wehr schrieb in seinem Vorwort zur Theologia Deutsch: „Jedenfalls darf die Theologia Deutsch neben den Schriften eines Meister Eckhart, eines Johannes Tauler, Heinrich Seuse oder eines Thomas von Kempen genannt werden als ein Dokument der Gottesfreundschaft, in der sich Frauen und Männer zu allen Zeiten verbunden fühlten.“

Eine gefährliche Botschaft, die dieser Deutschordenspriester da verkündet. Die Folgen können wir etwa hier in dem Video betrachten:


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Nun ja, irgendwie war der Frankfurter halt auch ein Kind seiner Zeit und von antiautoritärer Erziehung hatte er vermutlich noch nie etwas gehört. Und dass Ordnung, Weisheit, Gesetz und Gebot – wessen Ordnung, wessen Weisheit, wessen Gesetz und wessen Gebot? – nicht unbedingt dazu führen, menschliche Blindheit, Gebrechen, Bosheit und Unordnung schlimmer als bei Hunden und dem Vieh zu beseitigen, lehrt ein Blick in die Geschichte und Gegenwart der Menschheit.

Aber ich gestehe, ich befinde mich da auf wackeligem Boden. Wenn ich in der Nacht an eine rote Ampel gerate und weit und breit kein Verkehr zu sehen ist, fahre ich auch bei roter Ampel über die Kreuzung. Ich scheine mich also nicht unbedingt an die Gesetze zu halten. Andererseits würde ich nicht sagen, dass wir keine Gesetze brauchen. Es gibt ja doch genügend Leute, die sich an Gesetze halten, die sie vom Schlimmsten abhalten.

Der Frankfurter schreibt: „Denn die da vollkommen sind, die sind unter keinem Gesetz. Darum sind Ordnung, Gesetz, Gebot und desgleichen nur eine Unterweisung der Menschen, die nichts Besseres verstehen oder anderes wissen noch erkennen, warum alle Gesetze und Ordnung geschaffen sind.“ Glaubt das nicht jeder, dass ganz besonders er vollkommen ist und unter keinem Gesetz ist? Haben sich die Inquisitoren gleich welchen Glaubenssystems und die Wasser-Prediger und Wein-Säufer nicht seit jeher als ganz besonders vollkommen gefühlt?

Irgendwie will ich diesem Deutschordens-Priester ja zustimmen. Also, meine Eichhörnchen sind absolut vollkommen. Was brauchen die Gesetze?

EAber die, die sich für vollkommen halten, scheinen leider so ganz und gar nicht vollkommen zu sein. Ihnen das Recht auf ihre Willkür zuzugestehen, also da dreht sich mir echt der Magen um.

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