Alan Watts: DE

 

deIm modernen Westen wie auch im kommunistischen China und im industriellen Japan würde der Daoist daher lästige Fragen über die Grundvoraussetzungen des sogenannten guten Lebens stellen. Ist es denn so gut, sein Leben zu verlängern? Würdest du lieber mit einem lange hingezogenen Wimmern aus dem Leben scheiden oder mit einem herrlichen Krach? Möchtest du wirklich eine Machtposition, z. B. als Präsident der Vereinigten Staaten oder eines großen Konzerns haben, wo du fast jeden Augenblick gewichtige Entscheidungen treffen musst und an das Telefon gekettet bist? Oder möchtest du so berühmt sein, dass man dich überall, wo du auch erscheinst, erkennt, und so reich, dass dich jeder ausrauben will? Und was ist der Vorzug eines Landes der organisierten Mittelmäßigkeit, in dem jeder auf die gleiche Weise essen, sich anziehen und wohnen muss, wenn doch jeder weiß, dass Abwechslung die Würze des Lebens ist. Der Begriff de ist also im Grunde eine Macht, die ohne Gewaltanwendung und ohne unnötige Eingriffe in die Ordnung der sie umgebenden Umstände geübt wird.

aus: Alan Watts, „Der Lauf des Wassers“

DAO DE JING – Alan Watts geht hier also um dieses unscheinbare DE. Ein Daoist wird in einem nicht-anarchistischen Gemeinwesen sehr schnell zu einem lästigen Störenfried. Dabei sagt er niemandem, wie er zu sein habe, sondern stellt nur seine unangenehmen Fragen. Er hinterfragt all die festen Glaubenssätze und Selbstverständlichkeiten der „Normalmenschen“, wie sie Kodo Sawaki getauft hat. Und diese wissen ganz genau, wenn sie versuchen würden, diese dusseligen Fragen zu beantworten, müssten sie eigentlich ihren gemütlichen Pups-Sessel verlassen und anfangen, ihr Leben zu ändern. Eigentlich ja nicht einmal ändern, aber damit rechnen müssen, dass ihr Leben von selbst anfängt sich zu verändern. Und wer will das schon?

Alan Watts sagt:Der Begriff de ist also im Grunde eine Macht, die ohne Gewaltanwendung und ohne unnötige Eingriffe in die Ordnung der sie umgebenden Umstände geübt wird.“ Ja, wer will das schon? Dann hätte man ja keine Kontrolle mehr (als ob es die je gegeben hätte)!

Alexis Sorbas: „Heh, Boss! Hast du jemals erlebt, dass etwas so bildschön zusammen kracht?“ Die meisten Menschen geben vermutlich einem langen hingezogenen, aber kontrollierten Wimmern den Vorzug vor dem angeblich bildschönen, aber völlig unkontrollierten Krach.

 

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