Chuang-tzu: Freiheit von Bindungen

 

fDer Meister kam, weil es Zeit war. Er ging, weil er dem Lauf der Natur folgte. Begnüge dich mit dem Augenblick und folge willig dem Fluss der Dinge; dann wird für Schmerz oder Freude Kein Raum sein. In alter Zeit nannte man dies Freiheit von Bindungen. Das Holz wird verzehrt, aber das Feuer brennt weiter, und wir wissen nicht, wann es vergehen wird.

Chuan-tzu über den Tod des Lao-tzu

oGestern hatte Ma Anand Avinash das Thema der Sterbehilfe hier eingebracht. Da fiel mir wieder dieser kleine Text von Chuang-tzu ein. Ist das nun ein Widerspruch? Es scheint alles so klar zu sein, was Chuang-tsu da sagt. Es gibt eine Zeit zu kommen und eine Zeit zu gehen. Unser Kommen können wir nicht beeinflussen. Unser Gehen auch nicht? Oder ist ein vorzeitiges Gehen eine Sünde, für die man früher nicht in der geweihten Erde des Friedhofs begraben werden durfte? Ist das eine Sünde gegen die Gebote Gottes oder gegen „den Lauf der Natur“, wie Chuang-tsu das nannte?

Ich erinnere mich an diese Geschichte mit dem Bergsteiger, der so unglücklich in eine Felsspalte gerutscht war, dass er seine Hand nicht mehr befreien konnte. Da gab es eine Wahl: Elendiglich in der Spalte verrecken oder sich mit einem Taschenmesser die Hand abtrennen. Der Bergsteiger tat Letzteres. Hoffentlich habe ich die Geschichte korrekt wiedergegeben. Was tut ein Fuchs, der mit einer Pfote in eine Falle geraten ist? Er beißt sich die Pfote ab. So kann er überleben. Ist das jetzt „der Lauf der Natur“ oder nicht? Weder der Bergsteiger noch der Fuchs akzeptieren ihr Schicksal – oder doch? Ich sage doch, sie akzeptieren ihr Schicksal, beide akzeptieren, dass sie in einer bösen Falle sitzen, aus der sie nur entkommen können, indem sie sich von einer Pfote trennen.

Ja aber, da geht es doch darum, Leben zu retten, nicht, es zu zerstören! Ich höre schon den lieben Punito heftig einatmen. Vergiss nicht, wieder auszuatmen! – Was ist denn „der Lauf der Natur“? Nun, das, was geschieht. Ich werde, wenn meine Schmerzen zu doll sein werden oder ich nicht mehr bis drei zählen kann oder aus was weiß ich für einen Grund, möglicherweise feige die Mücke machen. Du, lieber Punito, wirst möglicherweise tapfer ausharren bis ans Ende deiner Tage. Was immer geschehen wird – genau das ist der Lauf der Natur. Kein richtig, kein falsch.PN

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10 Antworten zu Chuang-tzu: Freiheit von Bindungen

  1. Brigitte schreibt:

    endlich mal erwischt…



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  2. Chantal schreibt:

    Lieber Nitya,
    meine Frage an dich: Wenn du deinen Blog hier nicht mehr im Griff hast, wäre das der Zeitpunkt für dich?
    Für mich wäre der Zeitpunkt, wenn ich für meinen Partner nicht mehr kochen könnte, wenn mir der Haushalt entgleiten würde, und ich zu einem Problem werde.
    Aber die Angst, dass dieser Fall mal eintritt, hat sich seit der Reise auf La Palma aufgelöst. Ich stand vor so vielen Felsabgründen, die Insel besteht ja fast nur aus steilen Felswänden. Ich schaute runter in die Krater des grossen Vuklans, den Roque de los Muchachos, fütterte dort die fast zahmen Kolkraben, die sich dort oben zu Hause fühlen. Und Eins sein mit dem Fels und mit dem weiten Nebelmeer, das nur wenige Bergspitzen freigab.
    Jeden Abend beim Einschlafen den Absprung in den Tod üben. Dann wird der endgültige Absprung auch kein Alptraum in der Vorstellung werden.
    Sterben sollen immer die anderen. Wie z.B. die Bootsflüchtlinge vor den Toren Europas, die man nicht reinlassen will. Warum nicht wir selbst, wenn wir zur Last für uns selbst und für die andern werden?
    Womit das heikle Thema wieder mal angerührt ist.
    Guten Appetit.

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    • Nitya schreibt:

      Liebe Chantal,

      ich habe keine Ahnung, was der richtige Zeitpunkt wäre. Du schreibst: „Für mich wäre der Zeitpunkt, wenn ich für meinen Partner nicht mehr kochen könnte, wenn mir der Haushalt entgleiten würde, und ich zu einem Problem werde. Aber die Angst, dass dieser Fall mal eintritt, hat sich seit der Reise auf La Palma aufgelöst.“ Siehst du, genau das meine ich. Du kannst es nicht vorher sagen. Wenn es so weit ist, wirst du es wissen – oder auch nicht. Dann hast du allerdings möglicherweise den Punkt überschritten, an dem du überhaupt noch das Gefühl hast, eingreifen zu können.

      Wieso ist das Thema eigentlich heikel? Sterben ist das Normalste auf der Welt.

      Herzlichst
      Nitya

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  3. punitozen schreibt:

    Lieber Nitya ,
    wenn es um das Sterben geht ist der Punito stinkfaul .
    Im Sterbeprozess , der das weisste ja , beginnt mit dem ersten Atemzug im irdenem Hier-Sein .
    Da kümmert es nicht , Tag um Tag und viele Jahre – der Buddha mit dem Mondgesicht .
    Der Buddha mit dem Sonnengesicht – ach was für ein Selbstverständnis , Jubel , Trubel Heiterkeit
    auf allen Wegen , und wenn es nicht so scheint -dann wird für Abhilfe gesorgt .
    Warum auch nicht – ist ja menschlich verständlich .
    Das Sterben der Anderen wird zwar wahrgenommen – aber “ Gott sei Dank – man lebt ja noch “ .
    Die Krankheiten der Anderen – schlimm bis entsetzlich – aber man ist ja noch fit und mobil .
    Und dann – eines Tages , erkennste sie – die Sterblichkeit und Endlichkeit deines Sein .
    Na und , sagt sich der Punito – jetzt zeigt er sich so leicht zwinkernd von hinten –
    Der Buddha mit dem Mondgesicht und lächelt , und lächelt und lächelt –
    und dann kömmt der Doktor und diagnostiziert und sagt : “ Das kann ich Ihnen auch nicht sagen –
    wie lange das dauert – mittem Sterben .
    Dann hilfste dir selber und liest die schlauen Texte von Krankheit 1 bis Krankheit 100 –
    hörst Meinungen zu diesem und jenen , mal so und mal anders – und was macht der Buddha
    mit dem Sonnengesicht ? Genau er haut sich vor Vergnügen auf die imaginären Schenkel –
    weil der Swami so ganz gewöhnliche Scheißphantasien-Vorstellungen vom “ schönen Tod “
    entwickelt anstatt zu erkennen das die Zeit des Buddha mit dem Mondgesicht dann gekommen
    ist – wenn alle 101 KRANKHEITEN AUF EINMAL AUSBRECHEN . Das ist gut für den ollen
    Punito zu wissen . Die Zeit verbringen mit dem Buddha mit dem Mondgesicht währt
    48 Stunden , also 2 Tage . Was da so passiert – mal schaun . Wenns Geschehen vorüber ist –
    und dir ne Amsel auf den Kopf scheißt , lieber Nitya – dann sagste janz einfach :
    Ach ja – der Punito mit dem Sonnengesicht war schon in “ alter Form “ ein seltsamer Vogel ! “
    Und überhaupt : “ PUNITO unterschreibt keine Petitionen für eine aktive Sterbehilfe – weil wenn es
    zum Gesetz wird – aus Erfahrung mit der Deutschen Geschicht `- auch jene euthanasiert wurden ,
    die ganz und gar nicht einen Antrag auf Euthanasie gestellt hatten – die ganz einfach den Buddha
    mit dem Sonnengesicht Tag um Tag leben wollten .
    Verstehste jetzt , warum ich mich gegen die aktive , professionelle Sterbehilfe wende .
    Ausserdem , wenn einer den Seitenausgang des Lebens für sich wählt – so darf er das tun .
    Nur wenn eine Lebensversicherung ausgezahlt werden sollte , isses nix für die Erbnehmer .
    Ansonsten ist der Suicid rechtlich betrachtet auch keine strafbare Handlung .

    Herzlichst- lebendig
    PUNITO

    GESANG
    Buddha mit dem Sonnengesicht
    Buddha mit dem Mondgesicht . “
    “ Was gelten die Fünf Kaiser uns ,
    und was die drei Erlauchten! “
    – Wohl zwanzig Jahre sann ich schwer ,
    auf einen Vers erpischt .
    Stieg oft zur Höhle tief
    hinab des blauen Drachen .

    Hab mich krumm gebückt
    wieder gerade gestreckt .
    Ihr Mönche mit dem hellen Blick
    mißachtet es ir nicht !
    ( Zitat aus BI YÄN LU 3. Beispiel Großmeister Ma bedenklich krank )

    denen es schnurzpiepe ist ,

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    • Nitya schreibt:

      Ach, lieber Punito, wenn sie, wer immer das sein soll, jemanden zwangseuthanasieren wollen, dann werden sie das tun. Dazu brauchen sie kein Gesetz. Aber wenn du an all die Leute denkst, die unerträgliche Schmerzen erleiden, und nur noch davon erlöst werden wollen, aber nicht wissen wie, weil der schmerzfreie Gesetzgeber aktive Sterbehilfe bestraft, kann ich gar nicht anders, als aktive Sterbehilfe zu befürworten. Alles kann missbraucht werden. Aber deshalb den armen Schweinen diese Wahnsinnsschmerzen zuzumuten, halte ich für absolut unmenschlich. Es werden Gesetze gemacht zur Terrorbekämpfung, wir werden hinten und vorne ausspioniert – und was hat’s gebracht? Immer mehr Terror. Dieses ganze Streben nach Sicherheit ist absoluter Wahnsinn. Für mich ist einfach jede Stunde voller unerträglicher Schmerzen für ein armes Schwein einfach eine Stunde zu viel. Wenn der Wunsch nach dem Tod alles andere übersteigt, sollte dieser Wunsch auch erfüllt werden. „Wenn einer den Seitenausgang des Lebens für sich wählt – so darf er das tun.“ Zu gütig, lieber Punito. Mir muss man meinen Seitenausgang nicht erlauben. Wenn ich ihn benützen will, benütze ich ihn.

      Herzlichst, auch noch lebendig,
      Nitya

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  4. Elwood schreibt:

    Die Würde eines Bindungslosen, eines Menschen der jederzeit bereit ist zu sterben, ist eine Anklage, eine Provokation für den Faschisten in mir. Für jene schmerzvolle Erinnerung vom Verlust der Einheit, welches das Gefühl der Unvollkommenheit und Selbsthasses hervorbrachte. Dieser Schmerz lässt mich meine Meinungen, als Gut- oder als Schlecht-Mensch mit Wut und Trotz ausspeien und in einer Verteidigungsstellung verharren. Und doch erahne ich, das inmitten dieses Schmerzes die Würde jenes Menschen steckt, der jederzeit bereit ist zu sterben und kein Faschist (innen oder außen) könnte mir diese Unabhängigkeit jemals nehmen.
    Für mich steht die Kreuzigung Jesu für diese Unabhängigkeit – Bindungslosigkeit.
    Aber auch für den Schmerz der Unvollkommenheit, der uns erst menschlich und dann in seiner Akzeptanz erst zum ganzen Menschen macht. So kann sich in mir der Raum öffnen, wo der Schmerz und der Nicht-Schmerz gleichwertig erlaubt ist –
    und der Raum für den Faschisten, der gerne anderen seine eigenen Sicherheitsvostellungen aufdrücken möchte verkleinert sich von ganz allein….
    Rauscht mir so durchs unabhängige – abhängige Hirn….

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