Wolfgang Borchert: Denn wenn ihr nicht NEIN sagt, …



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In den lärmenden dampfdunstigen Hafenstädten werden die großen Schiffe stöhnend verstummen und wie titanische Mammutkadaver wasserleichig träge gegen die toten vereinsamten Kaimauern schwanken, algen-, tang- und muschelüberwest den früher so schimmernden dröhnenden Leib, friedhöflich fischfaulig duftend, mürbe, siech, gestorben – die Straßenbahnen werden wie sinnlose glanzlose glasäugige Käfige blöde verbeult und abgeblättert neben den verwirrten Stahlskeletten der Drähte und Gleise liegen, hinter morschen dachdurchlöcherten Schuppen, in verlorenen kraterzerrissenen Straßen – eine schlammgraue dickbreiige bleierne Stille wird sich heranwälzen, gefräßig, wachsend, wird anwachsen in den Schulen und Universitäten und Schauspielhäusern, auf Sport- und Kinderspielplätzen, grausig und gierig, unaufhaltsam – der sonnige saftige Wein wird an den verfallenen Hängen verfaulen, der Reis wird in der verdorrten Erde vertrocknen, die Kartoffel wird auf den brachliegenden Äckern erfrieren und die Kühe werden ihre totsteifen Beine wie umgekippte Melkschemel in den Himmel strecken – in den Instituten werden die genialen Erfindungen der großen Ärzte sauer werden, verrotten, pilzig verschimmeln – in den Küchen, Kammern und Kellern, in den Kühlhäusern und Speichern werden die letzten Säcke Mehl, die letzten Gläser Erdbeeren, Kürbis und Kirschsaft verkommen – das Brot unter den umgestürzten Tischen und auf zersplitterten Tellern wird grün werden und die ausgelaufene Butter wird stinken wie Schmierseife, das Korn auf den Feldern wird neben verrosteten Pflügen hingesunken sein wie ein erschlagenes Heer und die qualmenden Ziegelschornsteine, die Essen und die Schlote der stampfenden Fabriken werden, vom ewigen Gras zugedeckt, zerbröckeln — zerbröckeln — zerbröckeln — dann wird der letzte Mensch, mit zerfetzten Gedärmen und verpesteter Lunge, antwortlos und einsam unter der giftig glühenden Sonne und unter wankenden Gestirnen umherirren, einsam zwischen den unübersehbaren Massengräbern und den kalten Götzen der gigantischen betonklotzigen verödeten Städte, der letzte Mensch, dürr, wahnsinnig, lästernd, klagend – und seine furchtbare Klage: WARUM? wird ungehört in der Steppe verrinnen, durch die geborstenen Ruinen wehen, versickern im Schutt der Kirchen, gegen Hochbunker klatschen, in Blutlachen fallen, ungehört, antwortlos, letzter Tierschrei des letzten Tieres Mensch – all dieses wird eintreffen, morgen, morgen vielleicht, vielleicht heute nacht schon, vielleicht heute nacht, wenn – wenn – wenn ihr nicht NEIN sagt.

Wolfgang Borchert


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HHIst es schon wieder soweit?

Wieso schon wieder? War es denn je anders? Also ich für meinen Teil kann mich nicht erinnern, dass es je anders war. Wenn ich an meine Kriegsdienstverweigerung denke, ich habe mir damals schon dieselben markigen Sprüche anhören dürfen. Und als ich damals der Kommission zur Prüfung meines Gewissens sagte, dass es genauso wieder kommen würde wie im letzten Krieg, haben sie diesen Vaterlandsverräter für verrückt erklärt. Und als ich für meinen Ersatzdienst einen Platz suchte, bekam ich keinen, weil sie keinen Kommunisten haben wollten. Jeder Kriegsdienstverweigerer wurde damals automatisch als Kommunist betrachtet. Das haben die Amis nach dem Krieg mit ihrer Re-Education wirklich fein hingekriegt.

Nun könnte ich euch ein bisschen vorjammern über die alten und die neuen Nazis und überhaupt mein gruseliges Schicksal beklagen, aber was soll’s? Wie sollte es bei diesem scheinbar absolut lernunfähigen Ego des Menschen auch anders möglich sein? Konfessionen, Parteien, neue Konfessionen, neue Parteien, … glaubt jemand wirklich noch im Ernst, es gäbe einen Ausweg aus der Misere? Solange an die Existenz dieses Phantoms mit Namen Ego geglaubt wird, wird sich nichts ändern können. Und bekämpfen lässt es sich nun mal nicht. Aus Faschisten werden möglicherweise Antifaschisten und die sind nichts anderes als die alten, verkappten Faschisten. Ein anderes Wort für „Ego“ ist „Faschist“.

In den siebziger Jahren wandten sich viele, die für eine bessere Welt gekämpft hatten, von jeglichem politischen Kampf ab und wurden spirituell. Für die alten Kampfgefährten war das feiger Verrat. Für die, die verstanden hatten, worum es ging, war ihr Erkennen politischer als alles, was sie je vorher an angeblich politischer Arbeit glaubten geleistet zu haben.

Das Ego ist ein Faschist, ein Mafiaboss, ein Lügner, Betrüger, Heuchler, Räuber, Mörder, … bis erkannt wird, dass dieses sich von allem abgetrennt glaubende Phantom nur eine geträumte Identität ist, die das allumfassende Bewusstsein vorübergehend angenommen hat. Kann das Ego, das glaubt, das verstanden zu haben, irgendetwas daran ändern? Kann es denn überhaupt irgendetwas? Das wurde und wird offensichtlich von vielen spirituell gewordenen Egos geglaubt. Natürlich haben die sich nur an der eigenen Nase herumgeführt. Ego ist Ego, gleichgültig, in welcher Maske es gerade erscheint.

Wenn ich sagen sollte, ob es denn keine Rettung gibt, fällt mir nur Meditation ein. Nicht „jetzt werde ich mal meditieren“, nicht Meditation von bis, sondern eine meditative Haltung rund um die Uhr, einfach Zuschauer dessen sein, was sich ganz von selbst entfaltet.
Medi

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12 Antworten zu Wolfgang Borchert: Denn wenn ihr nicht NEIN sagt, …

  1. Eno Silla schreibt:

    „Regieren ist die Kunst, Probleme zu schaffen, mit deren Lösung man die Bevölkerung in Atem hält.“
    Ezra Pound

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  2. Elwood schreibt:

    Wo die Liebe erwacht, stirbt das Ich, der dunkle Despot.

    (Dschalal ad-Din Muhammad Rumi)

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  3. punitozen schreibt:

    Wenn ich sagen sollte, ob es denn keine Rettung gibt, fällt mir nur Meditation ein. Nicht “jetzt werde ich mal meditieren”, nicht Meditation von bis, sondern eine meditative Haltung rund um die Uhr, einfach Zuschauer dessen sein, was sich ganz von selbst entfaltet.

    HIN-SETZEN – NACH – SITZEN – WIEDER – REIN-HÖREN .
    HIER- JETZT
    und sagt nicht : “ Wenn und aber . , man sollte und man könnte vielleicht mal … ! “

    L, G,
    PUNITO

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  4. Ingeborg schreibt:

    http://pontu.eenet.ee/player/siga.html
    So viele Schweinchen.Jetzt sind sie da.

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  5. Jens Gantzel schreibt:

    Hm… nachdenkliche Worte, Nitya. Ich hab mich um diesen Post von dir ein paar Tage herum gedrückt und ihn erst jetzt, am ruhigen Sonntagmorgen gelesen.
    Tja, das Ego und sein ganz eigener Narzissmus… schon eine Sache für sich.
    Politische Egos, die die Idee, das Ego könnte eine schwierige Angelegenheit sein, von sich weisen…
    Spirituelle Egos, die meinen, sie hätten keins mehr und sich frei von allem Interesse, aller Verhaftung an Gesellschaft, Politik und Menschlichkeit geben…
    Hm, hm, hm! Nicht erbaulich.

    In einem Punkt will ich dir widersprechen:
    Ich denke nicht, dass das menschliche Ego absolut lernunfähig ist und dass sich nichts entwickelt.
    Ich gehe davon aus, dass sich das Verhalten der Menschheit, einzelner Gruppen von Menschen beständig verändert, auch durchaus zu einem freundlicheren, gesünderen, friedlichen Verhalten, aber dass dies nur in sehr sehr kleinen Schritten geschieht. Schritte, die so klein sind, dass eine nachhaltige beeindruckende Veränderung dieser Art innerhalb unserer Lebensspanne nur selten zu erkennen ist.
    Da kommt vielleicht unser Ego wieder ins Spiel: WIR wollen ja schließlich in UNSERER Lebenszeit sehen, dass dickste Bretter gebohrt werden. Das steht uns doch wohl mindestens zu, oder etwa nicht?! Also ehrlich!
    …nun ja, Wünsche darf Mensch ja haben, aber fuNationen es wirklich so?
    Mir scheint, das ist nicht der Fall.

    Danke für die Anregung, Nitya.🙂

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    • Nitya schreibt:

      Lieber Jens,

      danke, dass du mir widersprichst. Hinterfoltzigerweise sag ich jetzt mal: Als Coach kannst du gar nicht anders, wenn du nicht deinen Beruf infrage stellen willst. Also, ich widerspreche dir. Du mir, ich dir. Klasse, zwei unterschiedliche Sichtweisen!

      Ich schrieb: „Ego ist Ego, gleichgültig, in welcher Maske es gerade erscheint.“ Wäre das Ego lernfähig, würde es seine eigene Existenz infrage stellen können. Kann es aber nicht. Um das zu können, müsste es in der Lage sein, sich jenseits des Egos herumtreiben zu können. Ja, das Ego kann sein Aussehen aufpolieren, kann so etwas wie Mutter Theresa spielen. Kann selig gesprochen werden von einem anderen Ego. Mutter Theresa hatte eines der stabilsten Egos, die man sich vorstellen kann.

      Nein, ich bleibe dabei. Entweder wird gesehen, dass das Ego niur eine Fata Morgana ist, oder es wird nicht gesehen. Ein aufpoliertes Ego gehört zu den schlimmsten Egos überhaupt.

      So, wat sachste nu?🙂

      Gefällt 1 Person

      • Jens Gantzel schreibt:

        Na klar kann ich gar nicht anders, wenn ich nicht meinen Beruf infrage stellen will.🙂
        Das ist ja der Witz, aus dem was Neues entsteht: zwei unterschiedliche Sichtweisen.
        Auf der Ebene hast du wohl Recht: Wenn das Ego lernfähig in dem Sinne, über sich hinauszuwachsen, müsste es sich selbst überflüssig machen wollen. Will es natürlich nicht. Daher ist es in dieser Hinsicht nicht lernfähig.
        Es ist aber innerhalb der eigenen Grenzen lernfähig und flexibel… oder kann es zumindest sein.
        Und es ist mit anderen Egos zusammen lernfähig (oder kann es zumindest sein…😉

        Das ist ja auch so eine Sache des Zugangs.
        Den meisten Menschen, mit denen ich arbeite, nutzt die philosophische, spirituelle Ebene als Ansatzpunkt wenig, weil dafür wenig bis keine Sensibilität, Interesse und/oder Bereitschaft da ist.
        Auch mit der psychologische Ebene ist es oft ähnlich, aber doch etwas einfacher, jemand zu erreichen.
        Ich bin schon froh, wenn es mir gelingt, zu vermitteln, nicht alle eigenen Gedanken immer ganz ernst zu nehmen sondern den Verstand auch mal als unruhigen Affen zu sehen, der sich ständig von Ast zu Ast schwingt und immer irgendeine Geschichte plappern muss.
        Bin auch froh, wenn es mir selbst gelingt.🙂

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      • Nitya schreibt:

        „Den meisten Menschen, mit denen ich arbeite, nutzt die philosophische, spirituelle Ebene als Ansatzpunkt wenig, weil dafür wenig bis keine Sensibilität, Interesse und/oder Bereitschaft da ist.“

        Da ist, wie ich finde, eine ziemlich gerissene Ego-Antwort, das Wirkliche in die nutzlose Ecke des Philosophischen, des Spirituellen zu stellen. Ja, gut, darüber kann man dann ja mal auf einer Party herumschwadronieren, aber das ist dann so was wie Spökenguckerei. Muss man nicht ernst nehmen.

        Ist eine Fata Morgana wirklich oder unwirklich? Als Fata Morgana ist sie wirklich. Ansonsten völlig unwirklich oder so wirklich wie eine Einbildung oder ein Traum. Was ist nun Spökenguckerei: Die Fata Morgana der angeblichen Realität oder der Blick auf die Fata Morgana?

        Nutzt das was? Die Frage macht nur im Land der Fata Morgana Sinn.

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  6. Elwood schreibt:

    Die Werkzeuge des Egos sind sein Glaube und zur Verteidigung dafür die Waffen.
    Sein Glaube selbst intelligent zu sein, blockiert gerade seine lernfähigkeit.
    Die Lernfähigkeit des Egos ist nur für die eigene Überlebensfähigkeit programmiert.
    Diese Fata Morgana ist nur ein Trick der Natur(Intelligenz), selbst nur ein Werkzeug…..
    Und somit sind und bleiben wir immer die gleichen Affen, nur mit anderen Waffen…..
    sach ick mal so….

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