Chuang-tzu: I have a dream

 zCh’ing der oberste Schreinermeister, schnitzte einen hölzernen Ständer zum Aufhängen von Musikinstrumenten. Als er fertig war, schien die Arbeit denen, die sie sahen, geradezu überirdisch. Und der Prinz von Lu fragte ihn und sagte: „Was ist das Geheimnis deiner Kunst?“

„Kein Geheimnis, Hoheit“, erwiderte Ch’ing, „und doch hat es damit eine Bewandtnis. Wenn ich einen solchen Ständer anfertigen will, achte ich auf die Erhaltung meiner Vitalkraft. Erst bringe ich mein Gemüt zu vollkommener Ruhe. Wenn ich drei Tage in diesem Zustand bin, fällt jeder Gedanke an einen Lohn von mir ab. Nach fünf Tagen denke ich nicht mehr an den Ruhm, den ich erwerben könnte. Nach sieben Tagen bin ich mir meiner vier Gliedmaßen und meines Körpers nicht mehr bewusst. Wenn ich keinen Gedanken mehr an den Hof im Sinn habe, dann wird meine Kunst konzentriert und alles Störende von außen fällt weg.

Ich gehe in einen Wald auf dem Berg und suche nach einem geeigneten Baum. Er enthält die gewünschte Form, die ich später herausarbeite. Ich sehe den Ständer mit meinem inneren Auge und mache mich an die Arbeit. Nichts weiter. Ich setze meine eigene natürliche Fähigkeit zu der des Holzes in Beziehung. Dass meine Arbeit wie überirdisch aussah, ist nur darauf zurückzuführen.“

Chuang-tzu, zitiert von Alan Watts in „Der Lauf des Wassers“

Eine ähnliche Geschichte hatte uns seinerzeit auch Heinz Butz von einigen japanischen Malern erzählt. Die brauchten allerdings nicht nur ein paar Tage, sondern ein paar Jahre Vorbereitungszeit. Als wir beim Thema bildnerische Techniken waren, sollten wir auch bei einem alten Malermeister zuschauen, wie er Schleiflacktafeln anfertigte. Der erzählte uns immer wieder von der hohen Kunst der Japaner, vielschichtige Lackarbeiten anzufertigen, Kästchen, Tischchen und dergleichen. Sie fuhren dazu weit aufs Meer hinaus, weil sie nur dort die staubfreie Umgebung erwarten konnten, die für ihre Arbeit so wichtig war. Nein, er hätte so etwas nie gemacht, nur ganz einfache Schleiflacktafeln für Küchenmöbel. Jetzt wollten aber alle nur Resopal- und keine Schleiflackplatten mehr, weil die einfach zu teuer waren und niemand mehr die aufwendige Arbeit bezahlen wollte. Und so ist er einfach pleite gegangen.

aWenn ich mir das heute anschaue, wie mit den Kreativen umgegangen wird, kann ich froh sein, dass ich diesen Weg nicht weiter verfolgt habe. Ich greife mir mal eine Berufsgruppe heraus, die Illustratoren. Wenn ich an frühere Bucheinbände und die Innenillustrationen denke, werde ich ganz wehmütig. Mit wieviel Liebe und Sorgfalt das alles gestaltet war. Es sieht ganz so aus, als ob es den Verlegern damals noch um Qualität gegangen wäre. Auch die Illustratoren mussten damals von ihrer Arbeit leben können, will sagen, die zeitaufwendige Arbeit ist von den Verlegern allem Anschein nach gewürdigt und auch angemessen bezahlt worden. Na ja, ich meine nicht gerade die „billigen“ Mönche, die bei diesem gotischen Buchdeckel am Werk gewesen sein dürften. Heute scheint es nur noch ums Geld zu gehen. Nicht der Illustrator bestimmt die Gestaltung, sondern die Lektoren, die in der Regel ein Germanistikstudium absolviert haben, also von Bildgestaltung keine Ahnung haben. Aber nicht einmal die bestimmen am Ende, was der Verlag drucken wird, sondern die Vertreter, die die Bücher den Buchhändlern empfehlen. Wenn die ihr Veto einlegen, wandert die Arbeit des Illustrators in den Papierkorb und der kann froh sein, wenn er mit seiner Abfindung noch einen Betrag bekommt, der in etwa die Höhe des Mindestlohns erreicht. Geschmack und Meinung von Händlern und Vertretern bestimmen die Qualität der Arbeit, nicht die kreativen Fähigkeiten des Gestalters.

Und dann erinnern wir uns an die Millionen, die heute oft für Kunstwerke geboten und bezahlt werden, deren gestalterischer Wert oft mehr als fragwürdig ist. Aber um den geht es dabei ja auch gar nicht, sondern um eine erfolgversprechende Geldanlage. „Koofmichel“ nannte mein Vater verächtlich solche Leute oder „Krämerseelen“. Das ist nicht viel anders als bei der Börse. Und dann erinnern wir uns an die kleine Geschichte von Ch’ing und an seine Arbeit. Was für ein Kulturverfall hat da stattgefunden. Der Prinz von Lu konnte noch die überirdische Kunst des Schreinermeisters erkennen und würdigen. Gerade muss ich noch an alte Handwerkszeuge denken. Was für eine Schönheit strahlten sie aus. Jedes für sich ein Kunstwerk und gleichzeitig höchst funktional, ganz im Sinne der Bauhausidee. Kulturverfall ist immer auch geistiger Verfall. Wer das nicht allenthalben erkennen kann, ist längst Teil dieses Verfalls geworden.

 

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