Otto Gross: Die Familie als Herd aller Autorität


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Man kann erst jetzt erkennen, dass in der Familie der Herd aller Autorität liegt, dass die Verbindung von Sexualität und Autorität, wie sie sich in der Familie mit dem noch geltenden Vaterrecht zeigt, jede Individualität in Ketten schlägt.

Otto Gross


.
Das Bild oben zeigt nicht den Vater von Otto Gross, sondern meinen Großvater mit seiner Frau und seiner Freundin. Hinten auf dem Bild hat mein Vater handschriftlich vermerkt: „Der Mann mit den zwei Frauen.“ Ob aus dieser Bemerkung ein gewisser Neid sprach, kann ich nur vermuten. Seine Mutter, eine grundgütige Frau, wie er sagte, starb bald, nachdem diese Aufnahme gemacht worden war, „an gebrochenem Herzen“, wie mein Vater erzählte. Mir fiel dieses Bild wieder ein und mein Großvater, als ich im Internet über Otto Gross stolperte. Mein Großvater war Chefarzt und Stabsarzt der Reserve seines Zeichens und etwa gleichaltrig mit dem Vater von Otto Gross. Solche Geschichten scheinen sich tatsächlich immer zu wiederholen.

Der Psychoanalytiker und Anarchist Otto Gross war der einzige Sohn von Prof. Hans Gross, einem Kriminologen und entschiedenen Repräsentanten des autoritären Patriarchats. Dass es da knallen musste, war bei den Charakteren der beiden unausweichlich. Nun, der Vater saß offensichtlich am längeren Hebel. Er ließ seinen Sohn mehrfach verhaften, für verrückt und drogenabhängig erklären, in psychiatrische Kliniken einweisen und entmündigen (das mit der Drogenabhängigkeit stimmte sogar). – Na, das hätte mal mein Vater bei mir versuchen sollen.

Otto Gross scheint sowohl bei den Psychoanalytikern wie bei den Anarchisten seiner Zeit in Ungnade gefallen zu sein, weil er seinen ureigenen Weg ging – und das mögen nicht einmal die Anarchisten gern – und so geriet er weitgehend in Vergessenheit. Wer sich einen Überblick über sein Wirken verschaffen möchte, dem empfehle ich die Lektüre des Beitrages von Bernd A. Laska „Otto Gross zwischen Max Stirner und Wilhelm Reich„.  Ich finde ihn zwischen den beiden auch sehr gut aufgehoben.

Ich möchte mir jetzt ganz bestimmt nicht anmaßen, hier irgendeine Bewertung der Arbeit von Otto Gross abzugeben. Dafür weiß ich einfach auch viel zu wenig über ihn. Angezogen hat mich zu allererst sein Schicksal als Sohn eines Patriarchen, in dem ich mühelos mein eigenes wiedererkennen konnte als Sohn eines 53 Jahre älteren Polizeipräsidenten, Stadtrechtsrats und Rittmeisters. Eine Geschichte, die die patriarchalen Strukturen meines Vaters verdeutlichen mögen: Meine älteste Halbschwester flüchtete als Jugendliche aus dem elterlichen Gefängnis in ein Schwesternheim, um sich von meinem Vater zu befreien. Als sie kurz darauf von einem verheirateten und „absolut nicht standesgemäßen“ Mann schwanger wurde, verbot ihr mein Vater das Haus. Nach der Entbindung bereitete er alles für eine Adoption vor. Mit den nötigen Papieren fuhr er zu meiner Schwester und versprach ihr, sie dürfte wieder in den Schoß der Familie zurückkehren, falls sie die Papiere unterschreiben würde. Meine Schwester hustete ihm was. Unverrichteter Dinge und ohne seine Enkelin eines Blickes zu würdigen, kehrte er wieder zurück. Jetzt konnte ihm niemand mehr vorwerfen, er hätte sich nicht gekümmert.

Wen kann es da wundern, wenn auch dieser Sohn ein Anarchist geworden ist? Anarchie … das ist ein spannender Punkt: Während die Anarchisten im Umfeld von Otto Gross die Anarchie von der politischen Seite her angingen, ging sie Otto Gross von seinen Erfahrungen als Sohn und als Psychoanalytiker her an. Eine der Ideen, die dabei für ihn wichtig wurden, war die Idee, das Patriarchat durch das Matriarchat zu ersetzen. Ich weiß nicht, wie seine Anarchistenfreunde zu dieser Idee standen. Otto Gross war mit dieser Idee jedoch ganz sicher nicht alleine. Natürlich bemächtigten sich die Feministinnen dieser Idee. Aber sie tauchte auch etwa bei Otto Mühl in seiner Friedrichshofkommune auf und auch bei Osho. Wo das bei Letzterem hinführte, zeigt das Scheitern seiner Kommune in Oregon. Nein, auch dem Matriarchat hängt hinten das „archat“ dran. Dass Frauen die besseren Menschen wären, würde ich jedenfalls nicht unbedingt unterschreiben wollen.

Das Problem sind nicht Männer oder Frauen, das Problem ist das Ego. Solange die Egomanen die Erde bevölkern, wird das wohl nichts mit irgendwelchen paradiesischen Zuständen. Und dabei ist das Problem ja nur ein Scheinproblem, da dieses Ego auf reiner Einbildung beruht. Es wäre eigentlich alles nur zum Ausschütten vor Lachen, wenn es nicht so grauenvolle Auswirkungen hätte.

Wie zu einem Leitbild fasst der Grazer Stadtrat Christian Buchmann 2003 die Intention der Ausstellung im Stadtmuseum Graz “ Die Gesetze des Vaters“ in einem Satz zusammen:

„Der Konflikt, den Hans und Otto Gross austrugen, wird zum ‚Pars pro Toto‘ für den Konflikt des Eigenen und des Fremden, für den Umgang mit Fremdheit im Inneren von Individuum und Politik sowie für die Bedeutung von Vater-Sohn-Rivalitäten im Politischen.“ (Quelle)

iDer Kleine links vorne war mein Vater.
Da kommt richtig Freude auf bei dem Bild.

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9 Antworten zu Otto Gross: Die Familie als Herd aller Autorität

  1. fredo0 schreibt:

    Mich hat dieser Auroritätskonflikt mit überdominanten Vätern erst mit Verzögerung und gewissermassen verkehrt herum erwischt.
    ( aber es zeigt sich auch da für mich , man mag einer bestimmten Form von Drama entkommen oder sie „aufarbeiten“ , das Drama an sich findet trotzdem immer seinen Weg , notfalls in Umkehrung der Form )

    Mein Großvater (väterlicherseits) war ein klassischer Tyrann , der sich in der Küche weigerte , auch nur einen Wasserkessel aufzusetzen , seine 7 Kinder quasi prophylaktisch schlug und , das übelste , auch sein Frau , vor allem wenn er wiedermal sturzbesoffen war.
    Mein Vater nun , zwar der Vornamensträger ( bei uns heißt der Älteste seit Generationen stets Alfred ) , aber aus einer Laune der Natur in einer großgewachsenen Familie mit nur 1,64 der Zwerg der Linie , versuchte trotzdem immer wieder den bulligen Vater von den Übergriffe auf die Mutter abzuhalten , oft in dem er sich selbst als Ersatzopfer anbot.
    Da bot sich die freiwillige Meldung zu Adolfs Armee geradezu an , um dieser Situation zu entkommen , so dass er mit knapp 17 Jahren noch zur Marine ging .

    Dieser Vater nun hatte trotzdem sein Drama soweit „bearbeitet“ , dass er dann mit mir , als seinem Sohn , ganz anders agierte . Er hat niemals seine Hand erhoben gegen mich , und ich war wahrlich kein „braves“ Kind . Er hat ein tiefe Toleranz gegenüber seine Mitmenschen entwickelt , die ihm einfach ein „großes Herz“ verlieh. So hat er mit völliger Selbstverständlichkeit und echter Freude seine Opapflichten nicht nur für meine zwei leiblichen sondern auch noch für meine sechs Beutekinder erfüllt , und wurde ( und wird ) dafür auch von seiner Enkelschar heißgeliebt.
    Obwohl sich dies erstmal sehr harmonisch und geradezu ideal anhört , war dieser „sanfte“ Vater für mich in meiner Entwicklung gar nicht so easy , denn die Schattenseite dieses „großherzigen“ Vaters , war auch sein Looser-Image , dass ich als orientierungssuchender junger Mann bei meinem Vater empfand , der nie irgendwie ergeizig oder gar dominant aufgetreten ist .
    Ich selbst hatte aber ( als Stier mit Löweaszendent )und schön früh von großer , kräftiger Gestalt durchaus „machende“ , dominierende Züge , und fand dafür einfach bei meinem Vater keine Handlungsanweisungen. Dies führte für mich dann zu einem durchaus leidvoll empfundenen zwischen-den-Geschlechter-Stühlen-sitzen . Etwas was mich in jungen Jahren auch auffälig feminin und damit sehr attraktiv für Homosexuelle machte . Was ich aber wiederum als geradezu demütigend empfand , da ich diese Disposition nunmal nicht habe .
    So fand auch in mein „harmonisches“ Eltererleben durchaus Drama seinen Einzug . Was sich erst nach vielen Jahren , und eigentlich erst mit dem persönlichen Erleben des Sterben meines Vaters , in ein warmes Akzeptieren wandelte.

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    • Jens Gantzel schreibt:

      Lieber fredo0, deine Antwort auf Nityas Text hat mich sehr berührt. Vielleicht, weil ich einen Teil (nämlich den Loser-Vater, den zudem kleingewachsenen Vater, der keine Handlungsanweisungen weiterzugeben vermochte, aber ein irgendwie gütiger Mann war) selbst kenne. Es hat an Vorbildern gefehlt, es gab kein Klassenbewusstsein, es gab kein vorgelegte Leben, was auch nur irgendwie so konkret war, dass ich mir hätte was abgenommen können.
      Nun, ich hatte viel Stoff für die Entwicklung, auch gut auf eine ganz eigene Weise.
      Der amerikanische Rapper Saul Williams hat einen prima Text, ein großartiges Stück zum Thema gemacht: „Our Father“.
      In diesem Blogpost habe ich mich mit dem Thema Väter und Vorbilder beschäftigt:
      https://wuenschenwollentun.wordpress.com/2014/12/09/citizenfour-auf-der-suche-nach-vorbildern/
      Danke für deinen Beitrag.

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      • Nitya schreibt:

        „Es hat an Vorbildern gefehlt, es gab kein Klassenbewusstsein, es gab kein vorgelegte Leben, was auch nur irgendwie so konkret war, dass ich mir hätte was abgenommen können.“

        Lieber Jens,

        ich hatte ein aufgezwungenes Vorbild, es gab Klassenbewusstsein und das nicht zu knapp, es gab ein vorgelegtes Leben – und genau deshalb bin ich in den totalen Widerstand gegangen. Ich hatte allerdings das Glück, dass mein Vater 53 Jahre älter war als ich. Mit 12 Jahren konnte ich ihn niederringen. Danach konnte er mich nur noch klein halten, indem er meine wirtschaftliche Abhängigkeit ausspielte.

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    • Nitya schreibt:

      „Dies führte für mich dann zu einem durchaus leidvoll empfundenen zwischen-den-Geschlechter-Stühlen-sitzen.“

      Lieber Fredo,

      guck mal, obwohl mein Vater ganz anders gestrickt war als deiner, kenne ich dieses als leidvoll empfundene Zwischen-den-Geschlechterstühlen-Sitzen auch. Ein richtiger Mann, also so ein Militär, Boxer Fußballer, … wollte ich nie sein und schwul war ich auch nicht – also was war ich eigentlich. Meine meisten Altersgenossen schienen dieses Problem nicht zu kennen. Ja, das war oft gar nicht so leicht.

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  2. Jens Gantzel schreibt:

    Sowohl die Worte von Otto Groß als auch deine Bearbeitung hier haben mich sehr beeindruckt.
    Da dockt so viel an, da dockt so viel schweres Material an… Herrschaft, Herrschaft als Hilfsmittel gegen Angst und Kontrollverlust, Ausübung von Herrschaft durch ein System aus Gewalt, Angst und Drohung…
    Ich kann dir gut folgen, dass es im Kern um Ego-Themen geht, um das Ego.
    Auf dem Weg stehen halt schräge bis gewalttätige (Otto Mühl) Versuche, das Rollengefüge zu verändern, Macht zu verstehen undundund.
    Was sind Vorbilder? Wozu brauche ich sie? Was fehlt in Familienlinien, was in Sozialstrukturen, wenn die männliche Linie auf verschiedenste Weise desperat ist?

    Diese Themen beschäftigen mich immer wieder. Was auch sehr spannend ist.
    Vorbilder:
    https://wuenschenwollentun.wordpress.com/2014/12/09/citizenfour-auf-der-suche-nach-vorbildern/
    Herrschaft durch eine Kultur der Angst:
    https://wuenschenwollentun.wordpress.com/2014/12/17/kultivierung-der-gewalt-das-geschaft-mit-der-angst/
    Misslungene Versuche, Rollengefüge und Macht zu verstehen, unter Akzeptanz heftiger psychischer Folgeschäden (Otto Mühl):
    https://wuenschenwollentun.wordpress.com/2013/11/22/blinde-flecken-jeder-mensch-hat-sie-du-sie-ich-jede-und-jeder/

    Lieber Nitya, Danke für den klasse Artikel!🙂

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    • Nitya schreibt:

      Lieber Jens,

      mein Vorbild hat mich erst mit 19 Jahren gefunden, um die Sache mal umzudrehen. Das ist eine wirklich spannende Sache. Im Grunde ruht ja dieses Bild schon immer in unserem Herzen. Unbekannt, unbeschrieben … und doch ganz klar als Gefühl der Sehnsucht spürbar. Und plötzlich nimmt es Gestalt an und wird zu einer Art Kompass. Aus der Sehnsucht ist ein Wissen geworden, das endlich wirken kann.

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  3. Jens Gantzel schreibt:

    Hm, vielleicht ist mir zumindest die Crux der Alterskluft bekannt… als ich geboren wurde, war mein Vater 56.
    Tja, beim Einen zu viel, beim Anderen zu wenig an Vorbild, an Klassenbewusstsein, an vorgelebtem Leben…
    mit enttäuschenden Ergebnissen für uns Jungs. Mist.
    Allerdings… hab ich tatsächlich Aufgaben dadurch bewältigen müssen, die ich sonst nicht so kennengelernt hätte.

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