Bhagwan: Niemand kann sich durch Spiegel kennenlernen

dDu bist ein einziges Chaos. Dein Ego ist nur ein Trick, mit dem du dir dieses Chaos verheimlichst, nur ein Deckwort, mit dem du alles bemänteln kannst. Im Inneren bist du der reine Wahnsinn.

Niemand kann sich durch Spiegel kennenlernen – denn Spiegel interpretieren. Tatsächlich: kein Spiegel zeigt dir wirklich, wer du bist. Diese Spiegel sagen nur, wie sie persönlich auf dich reagieren. Die Mutter lächelt; aber sie sagt damit nicht etwa etwas über dich, sondern sie sieht sich selber. Sie ist glücklich. Sie ist eine junge Mutter. Und jeder Mutter lächelt – und hätte sie das hässlichste Kind der Welt. …

Alle um dich herum sind reflektierende Spiegel. Sie sind ihre Reaktionen. Sie sagen nichts über dich aus. Wie sollten sie auch? Du selbst kennst dich nicht; wie sollten sie dich also kennen? Unmöglich. Sie kennen sich selber nicht. Wie können sie dich kennen?

Das Ego ist eine Sammlung von Eindrücken, Schatten, Spiegelreflexen. Und mit diesem Ego lebst du – lebst du in der Hölle. Solange du es nicht fallen lässt, besteht keine Möglichkeit, je im Himmel zu leben.

Und du brauchst gar nicht erst versuchen, es fallen zu lassen – denn so, wie du jetzt bist, ist das, was das Ego fallen lassen will, selbst wieder das Ego. …

Man kann das Ego nicht fallen lassen, man kann es nur verstehen.

aus: Bhagwan Shree Rajneesh, „Nicht bevor du stirbst“

In der Volksschule versuchten die Klugscheißer als Hilfslehrer den Barackenkindern das kleine Einmaleins beizubringen und dafür durften sie dann im Gegenzug von ihnen solche Sätze lernen, die sie dann zu einem GI sagen sollten: „You son of a bitch, go home and fuck your niggerwife!“ Obwohl ich damals keine Ahnung hatte, was das zu bedeuten hatte, ist mir der Satz doch hängengeblieben. Die Barackenkinder waren z.B. solche Spiegel, an die ich mich gerade erinnere. Und was zeigten mir diese Klassenkameraden? Dass ich sie heimlich beneidete. Sie wurden zwar jeden Tag verprügelt, aber sie taten offensichtlich alles, was ich mich nicht traute. Ich traute mich nicht, alle Verbote zu ignorieren, um die sie sich in keiner Weise kümmerten. Sie zeigten mir, wie behindert ich doch war. Von wegen Klugscheißer! Ein ängstliches Bürgersöhnchen! – Beides Selbstbilder.

Niemand kann sich durch seine Spiegel kennenlernen. Die erzählen dir immer nur etwas über sich und nicht über dich. Vorgestern hatte ich ja mal wieder den Link zu Peter Orbans Vortrag drin. Es ging da im Grunde um dasselbe. Die Diagnosen des Therapeuten sind Diagnosen, die er sich selbst stellt. Und während er seinem Klienten das Leben schwer macht, weil der sich partout nicht ändern will, sieht er nicht, dass er es ist, der sich selbst nicht sehen will. Stattdessen fummelt er an seinem Klienten rum. Der soll für ihn tun, was er selbst nicht tun will. Anstatt also zu helfen, behindert er den anderen. Machen natürlich nicht nur Therapeuten, sondern eigentlich fast alle Menschen, die sich in irgendeiner Weise auf andere beziehen.

Was Bhagwan hier über die anderen sagt, gilt natürlich genauso für einen selbst: Du bist deine Reaktionen. Glaubst du jedenfalls. Damit bist du identifiziert. Das ist das, was dein Ego genannt wird. Die Enneagrammtypen stellen die Hauptidentifikationsmuster dar. Während die Psychologen das Enneagramm häufig dazu nutzen, ihre Klienten zu besseren Menschen machen zu wollen, sagen die ollen Sufis: Es geht nicht um Verbesserung. Es geht nur darum zu sehen, dass du nicht dein Enneagrammtyp bist, nicht das bist, womit du dich immer identifiziert hast, nicht dein Ego.

Also lass die Finger von deinem Ego (natürlich auch von dem der anderen)! Je mehr du es zu verbessern versuchst, desto mehr identifizierst du dich mit ihm. Bhagwan: „Man kann das Ego nicht fallen lassen, man kann es nur verstehen.“ Anders gesagt: Verstehen ist alles, was nötig ist. Verstehen, wie sich das Ego im Laufe der Jahre zusammengesetzt hat aus all den Beurteilungen seiner Mitmenschen und wie es immer mehr zu sich selbst erfüllenden Prophezeiungen führte. Was immer sich da angesammelt haben mag – neti, neti: Nichts davon bist du.

Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? —
Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?
Den Erlenkönig mit Kron’ und Schweif? —
Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. —

Nichts anderes ist das Ego. Nicht nötig, es zu beseitigen. Zu sehen, dass es nur Hirngespinste sind, genügt völlig. Ich bin eine Neun? – Dass ich nicht lache!

O

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2 Antworten zu Bhagwan: Niemand kann sich durch Spiegel kennenlernen

  1. Jens Gantzel schreibt:

    Bagwhans Spitzfindigkeit ist schon immer wieder amüsant.🙂
    Seine Ambivalenz auch.🙂
    Manchmal ist Verstehen eine Kette von Irrtümern. Dabei helfen Spiegel sehr. Das geht überhaupt nur mit Spiegeln.🙂

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  2. froeschin schreibt:

    Dieses „wie kann jemand Dich kennen, der nicht einmal sich selber erkennen kann“ – und was ist überhaupt „Erkennen“, fand ich beim Lesen sehr erleichternd. Dieser ständig in meinem Hirn stattfindende K(r)ampf findet damit – zumindest zeitweise – ein Ende.

    Mir fällt dabei der Satz „und dann erkannte er sie“ – im Sinne von: und dann schwängerte er sie – jedenfalls wird das in der Bibil so benutzt. Wenn ich es einmal „nur“ auf den Sex beziehe, dann findet auch da nur wirkliche Begegnung statt, wenn ich mich verliere und jedes Bild vom anderen auch. Ich erkenne „mich“ (das Sein) in dem Moment, wo dieses „ich“ verloren wird – also eigentlich eine Paradoxie.

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