U.G. Krishnamurti: Sie sind wirklich allein

 

ug
Das Ziel, das Sie sich gesetzt haben und von dem Sie akzeptiert haben, dass es ein ideales und erstrebenswertes Ziel sei, ist nicht mehr vorhanden. Ebenso besteht auch kein Verlangen mehr, etwas anderes zu sein, als Sie es sind. Es handelt sich nicht darum, etwas zu akzeptieren, sondern es geht um die Ziele, die von der Gesellschaft vor uns aufgebaut worden sind und die wir für erstrebenswert halten. Diese Ziele werden von uns nun nicht mehr angestrebt und verfolgt. Es besteht auch kein Verlangen mehr danach, ein Ziel zu erreichen. Also sind Sie das, was Sie sind.

Wenn Sie diesen Zwängen nicht mehr unterliegen und glauben, Sie müssten etwas anderes werden als Sie es tatsächlich sind, dann befinden Sie sich nicht länger in einem inneren Widerstreit. Wenn es die inneren Konflikte nicht mehr gibt, werden damit auch die äußeren Konflikte aufhören, die Sie mit der Gesellschaft austragen, in der sie leben. Solange Sie keinen Frieden mit sich selbst haben, ist es unmöglich, mit anderen in Frieden zu leben. Allerdings gibt es selbst dann keine Garantie dafür, dass auch Ihre Nachbarn friedfertig sein werden. Nur wird Sie das nicht mehr interessieren. Wenn Sie mit sich selbst in Frieden leben, dann stellen Sie für die Gesellschaft in ihrer jetzigen Form eine Bedrohung dar. Sie werden deshalb eine Bedrohung für Ihre Nachbarn darstellen, weil diese die Wirklichkeit der Welt als real akzeptiert haben und dabei nach so etwas Merkwürdigem suchen, das „Frieden“ genannt wird. Im Rahmen dessen, wie diese Menschen ihre eigene Existenz sehen und erleben, können Sie nur wie eine Bedrohung wirken. Also sind Sie ganz allein – und das ist nicht jenes Alleinsein, das die Menschen gemeinhin zu vermeiden trachten – Sie sind wirklich allein.

aus: U.G. Krishnamurti, „Der Mut, allein zu stehen“

Das Ziel, hier etwa „Frieden“, ist ja nun wirklich ein erstrebenswertes ideales Ziel und liegt wie jedes Ziel in ferner Zukunft. Es gibt einen nicht sonderlich erstrebenswerten IST-Zustand (Krieg) und einen sehr erstrebenswerten, weil idealen, SOLL-Zustand (Frieden). Nun bin ich mit dem gegenwärtigen IST-Zustand (Krieg) im Krieg. Kann ich wirklich hoffen, dass, wenn ich den Krieg bekriege, daraus je Frieden entstehen könnte?

U.G. sagt deshalb nicht, dass wir unsere hehren Ziele aufgeben sollten. Diese Ziele sind erst einmal sowieso nicht unsere Ziele, sondern die uns von der Gutmenschen-Gesellschaft eingeprägten Ziele, die allesamt bei näherer Betrachtung sich als pure Heuchelei entpuppen. Ziele aufgeben heißt, sie unterdrücken, und genau damit haben wir sie überhaupt nicht aufgegeben. U.G sagt mal einfach so: „Das Ziel, das Sie sich gesetzt haben und von dem Sie akzeptiert haben, dass es ein ideales und erstrebenswertes Ziel sei, ist nicht mehr vorhanden.“ Es ist auf mysteriöse Weise abhandengekommen. Aber vielleicht ist das gar nicht so mysteriös. U.G. verweist darauf: „Wenn Sie diesen Zwängen nicht mehr unterliegen und glauben, Sie müssten etwas anderes werden als Sie es tatsächlich sind, dann befinden Sie sich nicht länger in einem inneren Widerstreit.“ Es geht im Grunde um eine ganz simple Einsicht. Wenn ich mir ein Ziel setze, habe ich sofort einen SOLL-IST-Konflikt oder einen JETZT-DANN-Konflikt und damit Spannung erzeugt. Diese Spannung erzeugt Stress. Wenn ich die Nase voll habe von diesem Stress, verschwindet das Verlangen, ein Ziel erreichen zu wollen. „Ebenso besteht auch kein Verlangen mehr, etwas anderes zu sein, als Sie es sind.“ Mein Kardiologe sagte: „Bewegung oder Siechtum.“ Das ist ein Ziel, verbunden mit der Androhung einer schrecklichen Folge bei Nicht-Beachtung des Ziels. Damit darf man mir ja nun gar nicht kommen. Außerdem ist Sport Mord. Nun krieg ich langsam die Folgen meiner Faulheit zu spüren. Und? Ändert das was? Nein. Ich bin so faul, wie ich mein ganzes Leben faul war. Da ist tatsächlich kein Verlangen, etwas anderes zu sein als ich bin. Wieso? Na ja, dem Faulen gibt’s der Herr im Schlafe. Sagen die Faulen.

Und wem nützt das jetzt? Niemandem natürlich. U.G. sagt dazu: „Wenn Sie mit sich selbst in Frieden leben, dann stellen Sie für die Gesellschaft in ihrer jetzigen Form eine Bedrohung dar.“ Na prima! Nur weil ich nirgendwo mehr hin will, wollen meine Mitmenschen nichts mehr mit mir zu tun haben? „Wenn es die inneren Konflikte nicht mehr gibt, werden damit auch die äußeren Konflikte aufhören, die Sie mit der Gesellschaft austragen, in der sie leben.“ Kein Problem. Die Mitmenschen wollen nichts mehr mit mir zu tun haben, sie empfinden mich vielleicht sogar als bedrohlich, was u.U. nicht ohne Folgen für mich bleiben wird, und ich sage so für mich: Tja, so sind sie halt und so dürfen sie auch einfach sein. Und am Ende steht: Ich bin allein. Für die meisten Menschen mit das Schlimmste, was sie sich vorstellen können. U.G. stellt seinen ganzen Text unter die Überschrift „Der Mut allein zu sein“. Habe ich jetzt eine neues Ziel: Mut?

Das kann’s ja wohl nicht sein.

Übrigens – man kann das Ganze natürlich auch in Frage stellen oder ins Absurde bringen. Wenn ich Zahnschmerzen und nicht das Ziel habe, meine Zahnschmerzen loszuwerden, werde ich sie auch nicht los. Wahrscheinlich werden sie immer schlimmer. Gibt es irgendeinen Fortschritt, wenn es keine Ziele gibt? Werde ich den Mars je erreichen, wenn ich mir nicht das Ziel stelle, den Mars zu erreichen? Natürlich kann ich fragen, wozu will ich denn unbedingt den Mars erreichen? Warum will ich unbedingt meine Zahnschmerzen loswerden? Na ja …

s-23s-21s-22ggg s 1

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu U.G. Krishnamurti: Sie sind wirklich allein

  1. punitozen schreibt:

    Lieber Nitya ,
    ….Das Ziel, hier etwa “Frieden”, ist ja nun wirklich ein erstrebenswertes ideales Ziel und liegt wie jedes Ziel in ferner Zukunft. …..
    PUNITO : “ Nitya zeigt auf den Zerrspiegel . “

    ….. Es gibt einen nicht sonderlich erstrebenswerten IST-Zustand (Krieg) und einen sehr erstrebenswerten, weil idealen, SOLL-Zustand (Frieden). …..

    PUNITO : “ Achtung Glatteis ! Nitya spielt mit Bauklötzchen “ Finde-fuchs .

    …….Nun bin ich mit dem gegenwärtigen IST-Zustand (Krieg) im Krieg. ……

    PUNITO : “ Er läßt die Kriegsgräberspendensammlungsdose klappern . “

    Kann ich wirklich hoffen, dass, wenn ich den Krieg bekriege, daraus je Frieden entstehen könnte?…..
    PUNITO : “ Jetzt packt er den Fuchs an den Kragen !“

    PUNITO : Er wäre ein ruhmreicher General geworden , der Nitya , wenn er gewollt hätte .

    Öffentlicher Aushang : Unerträglich !
    Der Hausgeruch vom ollen Nitya
    treibt Füchse in die Flucht .

    Gefällt mir

  2. Chantal schreibt:

    Zur Erinnerung an U.G., den ich gerade in einem alten Blog hier aufgestöbert habe. Der „Schwanengesang“, seine letzte Rede vor dem Tod, ist da auch auf deutsch reingesetzt. Der Nitya Blog ist eine Schatzkiste.
    “Der Mut, allein zu stehen” wandel ich mal ab in, „Der Mut, allein zu sterben“

    Gefällt mir

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s