Wilhelm Reich: die autoritäre, religiöse, sexualverneinende Erziehungsmaschinerie


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Der Mensch, der gewisse physische Tätigkeiten aufgegeben hat, doch unfähig ist, seinen Verstand davon fernzuhalten, sich ständig mit den Objekten seiner sinnlichen Begierden zu beschäftigen, betrügt sich selbst. Solch ein Mensch kann nur als Heuchler bezeichnet werden.

aus: Bhagavad Gita, Kap III/6

Ohne Zweifel ist es nicht schwierig, sich gewisser Tätigkeiten zu enthalten, doch es ist wesentlich schwieriger, den Verstand vom Nachdenken über genau diese Aktivitäten fernzuhalten, die man sich gewaltsam vorenthält. Eine solche Einstellung kontinuierlich zu praktizieren, bedeutet Selbsttäuschung, und ein solcher Mensch wird sehr bald als Heuchler durchschaut werden. Ein Heuchler kann nicht verhindern, sich selbst zu entlarven. Der Verstand kann sinnliche Begierden nicht ausklammern, er entwickelt natürlicherweise Neigungen für diese Tätigkeiten, und recht bald wird der Mensch in genau diese Aktivitäten verstrickt sein, die er mit Gewalt zu vermeiden suchte.

Kommentar hierzu von Ramesh S. Balsekar

Es ist wichtig, sich völlig klar zu machen, dass es heute Menschen mit durchgearbeiteter, ruhig entwickelter, sexualbejahender Struktur nicht gibt, denn wir alle sind durch die autoritäre, religiöse, sexualverneinende Erziehungsmaschinerie beeinflusst worden.

aus: Wilhelm Reich, „Listen Little Man“

Wilhelm Reich und sein Freund Alexander S. Neill, zwei Ikonen der 68er Bewegung, hätten sicher zum Text aus der Gita und dem Kommentar von Ramesh eifrig genickt. Und sie hätten wahrscheinlich die Augen verdreht, wenn sie den heutigen Zustand der Sexualmoral betrachtet hätten. Die verklemmten Spießer sind inzwischen längst auf dem Wege, in Promiskuität, Pornographie, Genderismus und ich weiß nicht was abzurutschen. Mit dem, was Reich eine durchgearbeitete, ruhig entwickelte, sexualbejahende Struktur nannte, hat das jedenfalls herzlich wenig zu tun.

Die Folgen werden gerne an Priestern und Erziehern aufgezeigt, die sich an ihren Ministranten oder Schützlingen vergreifen. Viel gravierender finde ich allerdings, die mit der Unterdrückung der Sexualität einhergehende Unterdrückung der Gefühle, wie sie sich etwa im kapitalistischen Wirtschaftssystem und dem ständigen Anzetteln von Religions- oder Wirtschaftskriegen erkennen lässt. Was wir da etwa gerade in der Ukraine mitverfolgen können, ist ein absolut psychopathischer Faschismus. Fast noch schlimmer sind diejenigen, die sich selbst die Hände angeblich nicht schmutzig machen und lieber morden lassen als selbst zu morden. Unsere Regierung schickt Geld, um die Ukrainer vor den bösen Russen zu retten. Diese Heuchelei kann ich nur noch als völlig abartig bezeichnen. Man könnte hier unzählige Beispiele für den Verlust jeder Mitmenschlichkeit nennen. Ich denke gerade an die Hartz IV-Gesetze und die Bürokraten, die diese Gesetze anwenden „müssen“. Die haben dann – wie gehabt – den Befehlsnotstand als Ausrede.

All das sucht man bei den minderbemittelten Tieren, auf die wir so herunterschauen, vergeblich. Sie fressen, wenn sie Hunger haben, vögeln, wenn ihnen danach ist, schlafen, wenn sie müde sind, pinkeln, wenn sie pinkeln müssen, … sie folgen einfach ihren natürlichen Bedürfnissen und sehen nicht den kleinsten Anlass dafür, ihre Bedürfnisse zu unterdrücken.

Ja aber – wo bleibt denn die Kultur? Triebunterdrückung hat absolut nichts mit Natur zu tun. Und wer behauptet, dass Kultur das Ergebnis sog. Sublimierung sei, dem würde ich entschieden widersprechen. Hätte er jedoch Recht, würde ich sagen, ich pfeif auf jede Kultur, wenn die hier nur flüchtig skizzierten Folgen der Triebunterdrückung für diese Kultur in Kauf genommen werden müssten. Aber er hat nicht Recht. Soll ich mich dieser Meinung enthalten, nur weil Seng-ts’an empfohlen hat, sich seiner Meinungen zu enthalten?s

Die Liebe sagt, ich bin alles.
Die Weisheit sagt, ich bin nichts.
Zwischen diesen beiden fließt mein Leben.

Nisargadatta Maharaj

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2 Antworten zu Wilhelm Reich: die autoritäre, religiöse, sexualverneinende Erziehungsmaschinerie

  1. punitozen schreibt:

    Kleine punitische Anmerkung :

    Das Exozieren-Wollen-Müssen
    des Sexualtriebes –
    Die großte aller Sünden .

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  2. froeschin schreibt:

    Langsam komme ich in das Alter in dem man sagt: irgendwie war das früher anders. Ich schaue oftmals lieber Filme von „früher“ an und erlebe mich „rückwärtsgewandt“. Liegt das am Alter – oder an der Zeit? Habe ich damals nicht hingeguckt?

    Eigentlich war alles schon immer da. Es gab nie die Zeit der Glückseligkeit (wieso schreibt man das eigentlich mit einem „e“? Respektive zwei und nicht drei?) Ich schaue in den GArten, es liegt Schnee – alles ist friedlich.

    Ich mache meine „Geschäftsmails“ auf und möchte so dann und wann – nicht, weil mir mein Job keinen Spaß macht – den Kram hinschmeißen.

    Vielleicht war etwas früher anders, weil man die Leute für die Arbeit brauchte – also musste man sie so bei Laune halten, dass sie taten, was sie sollten. Jetzt kann man die Vielen gar nicht mehr gebrauchen. Also weg mit Ihnen. „Auf zu den Waffen“.

    War es bis vor einigen Jahren die Zeit der „Verneinung des DAUNTENRUM“, die die Leute verrohte, so ist es jetzt das genaue Gegenteil: „Zeigt her Eure Muschi“, was dazu führt das alles nunr noch konsumiert wird – und benutzt wird, um Vorteile daraus zu ziehen.

    Der Hype um CHARLIE ist nur ein Beispiel dafür, wie auch hier jeder sein Süppchen zu kochen pflegt.

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