Lin-chi: Über etwas sprechen, heißt, das Ziel verfehlen

 

3Jünger des WEGES, wenn ihr Dharma sein wollt, dann zweifelt nicht. „Ausgebreitet füllt es das gesamte Dharmadhatu, eingesammelt kann das kleinste Haar nicht darauf stehen.“

Deutlich und strahlend leuchtet es für sich; es hat nie etwas entbehrt. Kein Auge kann es sehen, kein Ohr kann es hören – welchen Namen kann man ihm dann geben? Ein Mann in alter Zeit sagte: „Über etwas sprechen, heißt, das Ziel verfehlen.“

Seht einfach selbst: was ist da! Ich kann ewig so weiterreden. Jeder von euch muss für sich streben. Passt auf euch auf.

aus dem Lin-chi Lu

Manchmal ist er für mich gar nicht so einfach, diese alten Texte auf Anhieb zu verstehen. Da reiße ich schon Textabschnitte aus dem Zusammenhang heraus, wenn ich es dann mit Passagen zu tun habe, die selbst schon aus dem Zusammenhang gerissen zitiert wurden und das vor vielen Jahrhunderten im damaligen China, hab ich oft ein bisschen Mühe, das einigermaßen zusammenzukriegen. Das kommt bei dieser Klauerei raus. Lin-chi klaut etwa bei Nan-yüch Huai-jang und bei anderen mir völlig unbekannten Heinis und ich klaue bei ihm – na ja, ich hab ja schon an der Mutterbrust geklaut. Gott sei Dank gab’s da kein Copyright und auch keine Erklärung.

TKonnte Lin-chi das, um was es ihm ging, erklären? Er sagt: „Jeder von euch muss für sich streben.“ und „Seht einfach selbst: was ist da!“ Da gibt es kein Buch der Offenbarungen, keine Kirche, keine Lehre, keinen Katechismus, kein Glaubensbekenntnis dafür und keines dagegen, … du bist völlig allein. Schmeiß die Tomaten vor deinen Augen weg und sieh selbst! Du kannst nicht mit meinen Augen sehen, du musst schon deine eigenen benutzen. Diese ganze Kinderkacke mit den Religionen – vergiss sie einfach. Du bist völlig allein. Friss, was du siehst, oder stirb. Hier gibt’s kein Trösterchen, kein Händchenhalten in der Gemeinde, keinen Gehorsam wem auch immer gegenüber, nichts und niemanden. Nur deine – ja nicht einmal deine physischen – Augen.

Was hatte ich doch für ein wundersames Glück mit diesem Heinz Butz! „Spüren Sie’s?“, flüsterte er verschwörerisch, und das war auch schon alles, was er sagte. Und dazu machte er diese kleine Handbewegung, die einen aufzufordern schien, für einen Moment inne zu halten und zu lauschen. Auf was zu lauschen? Auf nichts Bestimmtes. Auf nichts, was man hätte sagen können. Und doch schien da ein Nicht-Etwas zu sein – oder ich sollte wohl besser sagen, es war das Lauschen an sich. Das ist Religion – und jedes Etwas, jedes Mehr ist eine Lachnummer.
a1Und wegen dieser Lachnummer, diesem ganzen Kasperltheater schlagen sich die Leute den Schädel ein. Und wehe, jemand nennt das hocheilige Kasperltheater ein Kasperltheater. Dann ist er ein Ungläubiger, betreibt Blasphemie und gehört strengstens bestraft. Diese Welt ist wirklich ein Irrenhaus. „Oh, ich fühle mich zutiefst verletzt! Mein Glaube wurde beleidigt! Das ist Gotteslästerung! Kreuziget ihn!“ Und ich? Ich habe heute Nacht von einem kleinen grünen Männchen geträumt, dem Herrscher des Alls. Und mir wurde eine göttliche Offenbarung geschenkt. Ich wurde auserwählt, die Menschheit zu retten.“ – Wenn ich das behaupten würde, käme ich hoffentlich in die Klapse. Könnte ich ja verstehen. Wenn irgendwelche Leute am Pimmel von Neugeborenen herumschnibbeln, dann erklären das unsere weisen Abgeordneten als Teil der Religionsfreiheit, während ich, der über diese eigenartige Art, den jahrtausendalten Bund mit Gott zu erneuern, nur den Kopf schütteln kann, sofort ein Antisemit wäre. Au weia. Als Therapeut sehe ich es als meine Aufgabe, Wahnvorstellungen als Wahnvorstellungen zu enttarnen. Aber der § 166 StGB mag das so gar nicht und stellt es unter Strafe. Und von Aufhebung ist, nachdem jeder Charlie ist, absolut nicht die Rede.

„Über etwas sprechen, heißt, das Ziel verfehlen.“ Du hast ja so recht, verehrter Nan-yüch Huai-jang, und mein Dank an Lin-chi, dass er diese Aussage nicht in Vergessenheit geraten lassen wollte. Und was ist Religion heute: „Much Ado About Nothing“.

a2Einen Tipp hat dieser Kurt Meier je vergessen. Vielleicht erinnert ihr euch noch an den Film „Die Hexen von Eastwick“. Ich hab’s nur noch vage im Kopf. Als der Teufel gerade dabei ist, eine der Hexen zu meucheln, indem er sie abstürzen lässt, rufen ihr ihre Hexenschwestern zu, sie solle lachen. Als die Todeskandidatin dann mitten im Flug lacht, ist die Macht des Teufels gebrochen. Das ist ein uralter Trick, mit dem man jeden Zauberbann zunichtemachen kann. Also: Rettet die Satire!

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2 Antworten zu Lin-chi: Über etwas sprechen, heißt, das Ziel verfehlen

  1. fredo0 schreibt:

    es ist ein Überbleibsel , ein übersehenes Relikt aus der Zeit vor der Aufklärung . dieser 166 , dieses Blasphemieunikum aus dem Mittelalter …

    jetzt ein ärgerlicher Kristallisationspunkt derer , die das C in ihrer Partei noch heute als Monstranz vor sich hertragen , und wohl doch so feige und schwächlich in ihrem Glauben sind , dass sie zusätzlich noch einen gesetzlichen Schutz für „ihr“ C verlangen .

    Demokratie ist nix für Feiglinge .
    Es gab schon genug Pragraphen , die in den Orkus der Geschichte gewandert sind .

    Nach 218 und 75 gehört 166 dringend auf die Entsorgungsliste … ersatzlos .

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