divide et impera


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Aus dem Leben eines großen Sufi-Mystikers, Farid, wird berichtet, dass einst ein König ihn besuchen kam. Der König hatte ihm ein Geschenk mitgebracht: eine wunderschöne Schere aus Gold, übersät mit Diamanten – sehr wertvoll, ein sehr seltenes Stück, etwas Einzigartiges. Diese Schere brachte er Farid als Geschenk mit. Er berührte Farids Füße und überreichte ihm die Schere.

Farid nahm sie, besah sie sich, gab sie dann dem König zurück und sprach: „Herr, vielen, vielen Dank für das Geschenk, das du gebracht hast. Es ist etwas Schönes, aber für mich völlig unnütz. Es wäre besser, du könntest mir eine Nadel geben. Eine Schere brauche ich nicht. Eine Nadel genügt.“

Der König sagte: „Ich verstehe nicht. Wenn du eine Nadel brauchst, brauchst du doch auch eine Schere.“

Farid antwortete: „Eine Schere brauche ich nicht, weil Scheren die Dinge zerschneiden. Eine Nadel brauche ich, weil Nadeln die Dinge zusammenfügen. Ich lehre Liebe. Meine gesamte Lehre basiert auf Liebe – Dinge zusammenzufügen. Menschen die Kommunion zu lehren. Ich brauche eine Nadel, damit ich die Menschen ganz machen kann. Die Schere ist nutzlos; sie zerschneidet, sie trennt ab. Wenn du das nächste Mal kommst, genügt eine ganz gewöhnliche Nadel.“

Osho: Eine Schere ist wie der Verstand. Sie schneidet, sie teilt. Die Nadel ist wie die Liebe, sie fügt Dinge zusammen, sie heilt, was zerschnitten wird. Öffne Dein Herz der Liebe, und die Liebe wird Dich ganz machen!

aus: Osho, „Unio Mystica, Band 2“


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https://www.youtube.com/watch?v=SKTTwBGJzVo

Eine Schere ist wie der Verstand, sagt Osho. Womit um Gottes willen nichts gegen den Verstand gesagt sein soll. Osho hat selbst mit Begeisterung seinen Verstand gebraucht. Wesentlich ist, dass nicht nur der Verstand sich öffnet, sondern auch das Gefühlszentrum. Jede Einseitigkeit hier rächt sich unerbittlich. Verstand ohne Gefühl ist geradezu mörderisch mit seiner Logik. Der Verstand will im Recht sein und will herrschen. Plutarch hat uns einen Ausspruch Cäsars hinterlassen, den er beim Anblick einer kleinen Stadt in den Alpen von sich gegeben hat: „Ich möchte lieber der Erste hier als der Zweite in Rom sein.“ Kennt ja jeder dieses Spielchen: Meiner ist größer als deiner. Der Erste in dem kleinen Städtchen hätte natürlich sofort Ausschau gehalten nach etwas Größerem. „Und heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt.“ Das geschieht, wenn das Gefühl den Verstand allein lässt.

Es gibt ja auch die, deren Gefühl den Verstand allein lässt. Hört sich für viele vielleicht irgendwie sympathischer an. Ich würde mich dem nicht anschließen wollen. Wenn das Gefühl die Oberhand bekommt und ohne den Verstand regieren will, ist das mindestens genauso schrecklich. Worum es geht, ist, in der Mitte zu sein und alles im Gleichgewicht zu halten.
1Aber was hält die beiden im Gleichgewicht, den Verstand und das Gefühl? Die Liebe, wie Oskar Lafontaine vorschlägt? Aber woher nehmen, wenn nicht stehlen? Eine „Ein Herz für Tiere“-Plakette hinten auf dem PKW. Ach Gott ja, die Liebe. Fast jeder glaubt, zu wissen, was das ist. Und schon ist man wieder im Verstand angelangt. Fast jeder sagt, er kenne das Gefühl der Liebe und meint dann damit vielleicht das Gefühl des Verliebtseins oder irgendeine romantische Gestimmtheit. Aber es geht weder um Gedanken noch um Gefühle. Das ist alles altes Zeugs. Es geht um Bewusstheit, es geht ums Fühlen, das ist etwas ganz anderes. Ich muss gerade an das Buch „Treblinka“ denken. Der Autor, Jean F Steiner, schildert darin dass derselbe Mensch, ein KZ-Aufseher, mit großer Liebe an seinem Schäferhund hing und im nächsten Augenblick gnadenlos Häftlinge foltern und töten konnte.

Wie kann man die Menschen zu einem allumfassenden Mitgefühl bringen? Ich stimme Oskar Lafontaine absolut zu. Das ist die Frage schlechthin. Wie viele Menschen haben sich darüber schon den Kopf zerbrochen? Weit gekommen ist man bisher nicht mit einer Antwort. Ist Liebe überhaupt machbar? Mir wird schon ganz flau im Magen, wenn ich an zukünftige Generationen von Liebestrainern denke. Jeder scheint zu glauben, ihnen fehle etwas, und sie müssten sich nun anstrengen, es zu bekommen. Dabei ist doch schon längst alles da. So wie Seng-ts’an davon spricht, nicht nach dem Wahren zu suchen, so müsste man das auch für die Liebe sagen. Ich denke etwa an Frauen, die ein Baby im Arm haben. Babys können die reinsten Verführer sein. Aber eigentlich kann alles zur Liebe verführen. Ein Funke, der überspringt, und schon ist alles da. Wer den „Trick“ einmal raus hat, kann gar nicht mehr aufhören mit der Lieberei. Es ist einfach zu schön, zu lieben. Kann man sich selbst ein größeres Geschenk machen als zu lieben?

Vielleicht sind „free hugs“ ja schon mal ein Anfang – meinen manche. Oder doch nicht? Wir scheinen ja eher Symbole der Liebe verwenden zu wollen als einfach Liebe zu sein. Kaum etwas scheint gefährlicher zu sein als sich völlig zu öffnen. Da ist das hier vielleicht dann doch sicherer : http://mitdir.org/webform/mitmachen. Lasst uns Liebe organisieren, dann müssen wir nicht lieben.

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4 Antworten zu divide et impera

  1. punitozen schreibt:

    Lieber Nitya ,
    danke für deine Morgengabe .
    Hier nun ein Liedchen von der “ Reinen Liebe “ ( = Prem PUNITO ) angereichert voller Minne .
    Herzlichst
    PUNITO

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  2. Chantal schreibt:

    Lieber Nitya,
    lass dich umarmen für diesen liebevollen Eintrag und wo immer du Dankbarkeit fühlen kannst.❤ http://www.gifs.ch/Voegel/images/enten.gif

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  3. froeschin schreibt:

    Wer ist heute nicht alles „Charlie“? Selbst die Bild-Zeitung, die sich plötzlich für eine – zumindest bezeichnet sich „Charlie Hebdo“ selber so – linke, anarchistische, atheistische – einsetzt und deren Karikaturen druckt. Alle rücken zusammen: es gibt einen Feind im Aussen. Die Nation, die Republik, das Abendland – schon immer ein Hort der Meinungsfreiheit (Charlies Vorgänger wurde unter de Gaulle verboten, bei uns gibt es noch immer einen „Blasphemie-Paragraphen), der Menschlichkeit (Drohneneinsätze mit „Kollateralschäden“) und der bürgerlichen Rechte (Patriot Act).

    Und schon kurz danach gab es Stimmen, die Situation zu nutzen, um Militärausgaben zu erhöhen, die Datenspeicherung zu „verbessern“ und alles „sicherer“ zu machen.

    Vielen Dank da für das You Tube von Lafontaine.

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  4. fredo0 schreibt:

    tja … hoher wellengang …. mal wieder ….

    was kümmert es den ozean

    und doch … das mitsurfen auf den wellen lässt die vitalität des lebens aufleuchten …

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