Jesus: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben …

… niemand kommt zum Vater denn durch mich.
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„Ja, das sind so G’schichten.“ Wie oft habe ich mir als Jugendlicher solche Worte anhören dürfen. Das ist aber auch ein geiler Satz! Die Pfarrer wurden dabei immer leicht pathetisch, wenn sie ihn von der Kanzel herunter donnerten. Und sie nutzten natürlich die Gelegenheit, ihrem Publikum zu beteuern, dass man nur zu Gott kommen könne, wenn man an seinen Sohn glauben würde und natürlich an den Heiligen Geist und vor allem an die Heilige christliche Kirche. Nachdem dann alle ausgiebig beteuert hatten, konnte man sich nach dem Gottesdienst wieder frohgemut an seine ganz alltäglichen kleineren oder größeren Schweinereien machen.

Wenn ich zwangsweise eine dieser harten Kirchenbänke drücken musste, dachte ich manchmal so vor mich hin, dass Jesus wahrscheinlich genauso ein Mensch war wie du und ich. Und ich stellte mir vor, dass der Pfarrer da oben auf seiner Kanzel das von sich sagen würde: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“ Das hätte ich sehr lustig gefunden, weil ich dann hätte denken können: „Jetzt ist er endgültig durchgeknallt!“

Es dauerte eine ganze Weile, bis das Durchgeknalltsein mich selbst erwischte. Bei dieser ganzen kirchlichen Heuchelei war ich viel zu sehr damit beschäftigt, die kirchlichen Würdenträger zu entlarven, als dass ich mich ernsthaft mit dem Satz von diesem Jesus auseinandergesetzt hätte. Das ist einer der Gründe, warum ich mich lieber mit den Asiaten herumschlage. Die sind für mich einfach unbelasteter. Eigentlich war es auch ein Asiate, der mir Jesus wieder nähergebracht hatte. Jedenfalls fand ich zu meinem Erstaunen heraus, dass der Typ gar nicht so ohne ist. Danach war ich noch saurer auf die Pfaffen, die diesen Jesus bis zur völligen Unkenntlichkeit verdreht hatten.

Also Jesus: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ Wie könnte ich, also dieser Knallkopf, der das hier schreibt, etwas anderes sein als der Weg und die Wahrheit und das Leben? Klar trifft das auch auf „jeden anderen“ zu. Wenn ich diesen Satz von der Person Jesus trenne, wenn ich ihn nicht zu so etwas Besonderem und grauenvoll Heiligem mache, dann ist das eine ganz nüchterne Feststellung. Was sollte ich denn anderes sein als der Weg? Jeder Schritt, den ich tue, ist mein Weg. Mein Dasein ist die Wahrheit. Und wer wollte bestreiten, dass ich das Leben bin? Das alles trifft nicht nur auf alle Menschen zu, sondern in der gleichen Weise natürlich auch auf die beiden Eichhörnchen, die da gerade wieder auf den beiden Lärchen „Fangen“ spielen.

Bleibt noch der zweite Teil des Satzes: „Niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ Ja Himmelherrgottsakrament! Wie denn sonst? „Wahrlich ich sage euch: Es sei denn, dass ihr umkehret und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“ Na bitte. Die Eichhörnchen müssen nicht einmal umkehren und irgendwas werden. Sie sind schon das Himmelreich. Wir übrigens auch, uns haben die Religioten (hab ich von Michael Schmidt-Salomon geklaut) bloß lange genug weisgemacht, dass wir allzumal Sünder seien, bis wir schließlich anfingen, es selbst zu glauben.

Die Zen-Heinis haben es immer wieder den spirituellen Suchern aufs Butterbrot geschmiert: Ganz gewöhnlich zu sein, ist völlig genug. Bodhidharma hat es wundervoll mit dem Hinweis auf den Punkt gebracht: „Offene Weite – nichts von heilig.“ Vielleicht waren die Leute von Charlie Hebdo bisweilen sehr unheilig in ihren Karikaturen, aber ich kann sie gut verstehen. Bei all dieser religiösen Heuchelei kann einem ja schon fast zwanghaft der Impuls kommen, mal wieder heftig in die Kacke zu hauen. Hätten sie die Politiker und Pfaffen auf ihrer Trauerfeier reden gehört, mal ich mir lieber nicht aus, was ihnen da in ihre Feder geflossen wäre.

Das, was George Orwell als Neusprech bezeichnet hat, ist seit Jahrtausenden gängige Praxis in Politik und Religion. Was kann man den armen irregeleiteten Leuten anderes sagen als das, was gestern Lin-chi sagte: „Jünger des WEGES, wenn ihr Einsicht erlangen wollt in den Dharma und zwar so, wie er ist, fallt nicht auf die irreführenden Ansichten anderer herein.“ Naja, lassen wir mal „die Jünger des WEGES“ weg und „den Dharma“ auch, das ist mir schon wieder zu heilig. Ganz gewöhnlich zu sein genügt doch.

So, jetzt muss ich erst mal einen Klaren trinken, um mir den üblen Geschmack im Mund zu beseitigen, der mir zurückgeblieben ist beim Betrachten der Politiker-Show gestern in Paris. Was für eine Heuchelei! So, ich hör schon auf, bevor ich allzu ausfallend werde. Aber vorher noch das: Willem Holtrop, Gründungsmitglied des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ wirft der unter dem Banner von „Je suis Charlie“ vereinten weltweiten Solidarisierungswelle Heuchelei vor und sagt: „Wir kotzen auf unsere neuen Freunde.“ Gemeint dürften damit all diejenigen sein, die auf dem Massaker von letzter Woche ihr eigenes Süppchen kochen.

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4 Antworten zu Jesus: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben …

  1. Eno Silla schreibt:

    Gut gebrüllt Löwe!
    Oder:
    Gut geheult Wolf!

    Hier noch ein Artikel zum Thema Heuchelei:

    http://www.hintergrund.de/201501123376/globales/terrorismus/die-einheitsfront-der-zivilisierten.html

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  2. Ingeborg schreibt:

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  3. Eno Silla schreibt:

    …nun hat mich der liebe Nitya mit seinem heutigen Beitrag wieder einige Stunden beschäftigt.
    Ich bin nämlich an einem Video hängengeblieben, das irgendwo auftauchte nach dem Anschauen des von Nitya eingetragenen Videos. Ich bin ja so dankbar für ausgewogene Berichterstattung und ich finde Jasinna macht es sehr gut. Am Ende sagt sie, dass sie nichts weiß, dass sie nur Informationen zusammenträgt und kritisch hinterfragt. Einfach wunderbar, daher für alle, die sich das antun mögen:

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  4. punitozen schreibt:

    Lieber Eno ,
    PEGIDA , oder sonstge IDAS gehen mir am Allerwertesten vorbei .
    Jassinas Videoschnipselei , für mich reine Satire – Notwehr , nicht mehr und nicht weniger .

    Liebe Grüße
    PUNITO

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