Linch-chi: wenn ihr nicht an den Dingen haftet …

Jünger des WEGES, derjenige, der ein Heim Entsagender ist, muss, ja braucht es, den WEG zu erforschen. Nehmt mich zum Beispiel: In vergangenen Tagen habe ich mich für das Vinyaya begeistert und mich auch in Sutras und Shastras vertieft. Später, als ich erkannte, dass sie Arzneien zur Errettung waren und Zurschaustellungen von Grundsätzen in Wort und Schrift, habe ich sie ein für allemal weggeworfen und mich, auf der Suche nach dem WEG, in Meditation geübt. Noch später habe ich wunderbare Lehrer getroffen. Dann war ich in der Lage, als sich mein Dharma-Auge klärte, all die alten Lehrer unterm Himmel zu unterscheiden und die Falschen und die Echten zu benennen. Es ist nicht so, dass ich von dem Moment an, wo mich meine Mutter gebar, begriffen hätte, sondern dass ich mich erst nach erschöpfendem Forschen und aufreibender Disziplin ganz plötzlich selbst erkannte.

Jünger des WEGES, wenn ihr Einsicht erlangen wollt in den Dharma so, wie er ist, fallt nicht auf die irreführenden Ansichten anderer herein. Was immer euch begegnet, entweder innen oder außen, tötet es sofort: Wenn ihr einen Buddha trefft, tötet den Buddha, wenn ihr einen Patriarchen trefft, tötet den Patriarchen , wenn ihr einen Arhat trefft, tötet den Arhat, wenn ihr eure Eltern trefft, tötet eure Eltern, wenn ihr euren Verwandten trefft, tötet euren Verwandten, und ihr erlangt Befreiung. Wenn ihr nicht an den Dingen haftet, werdet ihr leicht und frei sein.

aus dem Lin-chi Lu

Also sicherheitshalber – wir leben ja in einer Zeit, wo man mit solchen missverständlichen Äußerungen sehr vorsichtig sein muss – sicherheitshalber also sage ich lieber ausdrücklich: Mit „tötet“ ist nicht gemeint: „tötet“. Also bitteschön, lasst die Finger von euren Eltern, Kindern, Verwandten und den Hackebeilchen. Es geht um das, was Lin-chi mit diesem Töten eigentlich meint: „Fallt nicht auf die irreführenden Ansichten anderer herein.“ Tötet also die kritiklose Übernahme überkommener Meinungen und Vorurteile anderer Leute und wenn sie Buddha heißen. Das wäre ja auch ganz im Sinne Buddhas gewesen, der gesagt hat:

Glaubt nicht an irgendwelche Überlieferungen, nur weil sie für lange Zeit in vielen Ländern Gültigkeit besessen haben. Glaubt nicht an etwas, nur weil es viele dauernd wiederholen. Akzeptiert nichts, nur weil es ein anderer gesagt hat, weil es auf der Autorität eines Weisen beruht oder weil es in einer heiligen Schrift geschrieben steht. Glaubt nichts, nur weil es wahrscheinlich ist. Glaubt nicht an Einbildungen und Visionen, die ihr für gottgegeben haltet. Glaubt nichts, nur weil die Autorität eines Lehrers oder Priesters dahinter steht. Glaubt an das, was ihr durch lange eigene Prüfung als richtig erkannt habt, was sich mit eurem Wohlergehen und dem anderer vereinbaren lässt.
MuffGlaubt nicht! Überprüft alles! Das ist die Forderung der Aufklärung, das ist die Forderung vor allem an die Adresse der Forscher und Wissenschaftler, aber natürlich auch an jeden einzelnen Menschen. Wenn ich an den Spruch der 68er denke „Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren“, kann deutlich werden, dass es kein Gebiet gibt, auf dem es sich nicht ganz bequem ausruhen ließe. Alles kann zur „Religion“ werden, auch und ganz besonders die sog. Wissenschaft. Mit „Religion“ meine ich hier eine dogmatische Lehre, an die nur noch geglaubt werden darf, mit „Religion“ meine ich die Hängematte der Vorurteile – fremde oder eigene ist dabei ziemlich nebensächlich.

MIn diesen Tagen wird ja wieder viel über Toleranz geredet. Ich hab das nie so recht verstanden, warum aus Toleranz so ’ne Tugend gemacht wird. Wenn ich etwas nostalgisch auf diese kleine Gruppe von Neugierigen zurückdenke, die ich in jungen Jahren eine Zeit lang regelmäßig besuchte, dann war Toleranz dort fast ein Fremdwort. Wir waren alle einfach nur neugierig. Jeder trug  seine Sicht bei. Und das war so spannend: „Ach so kann man das auch sehen!“ Jeder Wortbeitrag war eine Erweiterung der eigenen Sichtweise. Das war ein richtiges Fest. Toleranz hat für mich fast etwas Grämliches, etwas Angestrengtes, oft Demonstratives.  Da sitzen so ein paar Talarträger zusammen, sind sich spinnefeind und verteidigen ihre völlig langweiligen Dogmen. Aber man will ja tolerant sein, bemüht Lessings Ringparabel, tut ein bisschen so als ob, was einem ja schon schwer genug fällt. Na ja, wenn’s nicht so schwer wäre, wäre Toleranz ja auch gar keine Tugend.

Ist einer von den Pariser Terroristen mal auf die Idee gekommen, auf ein Plauderstündchen in die Redaktion von Charlie Hebdo zu gehen, um den Karikaturisten ihre Sichtweise darzustellen und sich deren Sichtweise zu Gemüte zu führen? Nein, ihnen fehlte nicht nur jede Toleranz, viel wichtiger noch, ihnen fehlte jegliche Neugier auf völlig andere Sichtweisen.

 

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5 Antworten zu Linch-chi: wenn ihr nicht an den Dingen haftet …

  1. Chantal schreibt:

    Lieber Nitya,
    nachträglich herzlichen Glückwunsch zu deinem 73. Du schriebst mir mal, dass wir beide nur 10 Tage auseinander sind. Jetzt weiss, ich dass du mir voraus bist, und nicht nach folgst. Deinen Vorsprung kann ich gut „tolerieren“.
    Was ist wahr? Hätte es kein Attentat auf das Magazin Charlie Hebdo gegeben, die meisten Menschen hätten von dieser kleinen Satire-Zeitschrift nichts gewusst. Das, was die beiden Männer zerstören wollten, weil sich irgend etwas in ihnen verletzt fühlte, haben sie mit einem Schlag weltweit bekannt gemacht. Etwas zerstören heisst darum auch, es erst richtig ins Leben rufen. So paradox kann Wahrheit sein. Mal Yin, mal Yang. Ich erfahre mein Leben zwischen diesen Polen. Wahrheit gilt für den Augenblick. Und dann ist noch die Stille, und darüber lässt sich nichts sagen. Danke für deine NichtStille.🙂

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  2. Chantal schreibt:

    Lieber Nitya,
    gratuliere dir ganz herzlich zu deinem 73. Wir sind ja gleich alt. Jetzt weiss ich, dass du mir 10 Tage voraus bist. Das kann ich gut „tolerieren“. Du bist 10 Tage weiser als ich.
    Was ist wahr? Auf jeden Fall haben die beiden Attentäter in Paris eine Wahrheit erst mit ihrer Gewalt ins Leben gerufen. Wer kannte in der Welt schon die kleine Satire Zeitschrift Charlie Hebdo? Jetzt weiss davon auch der letzte Leser. Das Paradox des Tötens. Wäre Christus nicht gekreuzigt worden, gäbe es dieses Phänomen sicher auch nicht. Eine Wahrheit die man mit Gewalt weg haben will, gebiert neue Kräfte. Für mich gibt es nur die Wahrheit des Augenblicks. Mal hell, mal dunkel. Und dann gibt es die Stille. Darüber lässt sich nicht schreiben. Ich schätze deine Nicht-Stille.🙂

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  3. punitozen schreibt:


    Lieber Nitya .
    Wie versprochen , die aktuelle Gesprächsrückmeldung aus Hannover , an dich :
    In einem Zeitraum von 4 Wochen bildete sich die Viruslast von 7,5 Mio / pro ml im Blut
    auf 10.300 / pro ml zurück , lt. Ergebix der Dezemberuntersuchung , Der Arzt meinte :
    “ Wenn wir die heutigen Werte vergleichen , sollte ich nun virusfrei sein .
    Am 9.2. weiß ich henaueres , bisdahin msche ich mir keinen Kopp .
    Herzlichen Gruß
    PUNITO

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    • Nitya schreibt:

      Lieber Punito,

      boaahhh … das hört sich ja gut an. Virenfrei, hört sich jamindestens so gut an wie hitzefrei in Kindertagen. Also wenn du dir keinen Kopp machst, mach ich mir auch keinen. Dann singen wir einfach ein fröhliches Liedchen und lassen es uns gut gehen.

      Herzlichst
      Nitya

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  4. Nitya schreibt:

    In letzter Zeit sind wieder reihenweise Kommentare im Spamordner gelandet. Da ich gar nicht dazu komme, ständig den Spamordner zu kontrollieren, bitte ich euch, mir eine kleine Mail zu schreiben und mir zu sagen, was da gerade wieder los ist.

    Vielen Dank!

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