Kurt Tucholsky: der Daoist

aEin Berliner Polizeipräsident hatte die Angewohnheit, sich gleich jenem glorreichen Kalifen Harun-al-Raschid in minderer Kleidung unter das Volk seiner Stadt zu mischen, um daselbst die Meinungen und Klagen des gemeinen Mannes höchst persönlich zu vernehmen.

Eines Tages begegnete es ihm, dass er an einer Pferdetränke stand und dort mit anhörte, wie die Kutscher – wie es nun einmal die Art dieser Leute ist sich in unziemlichen Worten über die Gesetze und Bestimmungen, die Pferdelenkkunst betreffend, ergingen und dieselben heftig schmähten. Harun-al-Jagow trat herzu und gab seiner Meinung dahin Ausdruck, dass die Klagen der Supplikanten wohl auf Übertreibungen beruhten.

Darauf trat einer aus dem Haufen heraus und sprach also: »Nu will ick Ihnen mal wat sa’n. Nu setzen Sie sich ma uff’n Bock un kutschieren, und ick wer drinsitzen, un denn passen Se mal uff, wat passiert.« Der glorreiche Harun-al-Raschid tat also, und siehe, es begab sich, dass er nach einer halbstündigen Fahrt 71 mal wegen Übertretung der Droschkenfahrpolizeiordnung aufgeschrieben wurde.

Er wandte sich darauf ein wenig erstaunt (aber trotzdem seinen Adel nicht vergessend) zu dem im Fond des Wagens lehnenden Rosselenker und sprach: »Nun wohl! Ich sehe es. Aber sage mir doch, wer versteht denn eigentlich bei euch die Bestimmungen dieser Verordnung?« –

»Die Pferde«, sagte der Mann des Volkes.

aus: Kurt Tucholsky Infoseite http://www.kurt-tucholsky.info/harun-al-raschid

Kurt Tucholsky (1890 – 1935) wäre vorgestern 125 Jahre alt geworden. Der Mann, der gesagt hat „Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein.“, wäre möglicherweise heute oder bald wieder so gefährdet wie zu seiner Zeit. Mein Vater, der ein Jahr vor Tucholsky geboren wurde, war Zeit seines Lebens jemand, den Tucholsky vermutlich so gar nicht geschätzt hätte. Er sagte Ja, wo er eigentlich Nein meinte.

Dass Tucholsky eine spitze Feder hatte, ist allgemein bekannt. Dass er offen war für eine asiatische Sichtweise (eine hinduistisch-buddhistisch-sufistisch-taoistische) ist wahrscheinlich weniger bekannt. Seine Geisteshaltung lässt sich unschwer an der Geschichte erkennen, die ich oben reingestellt hatte. Ich hatte ja schon vorgestern den Outlaw dargestellt, der sich so wie die ollen Chan-Heinis aller Gesetzestexte entledigte. In Tucholskys Geschichte vertritt diese Position „der Mann des Volkes“. Die ganze Geschichte ist natürlich ein Lehrstück für einen Menschen, der an den Sinn von menschlichen Vorschriften glaubt und nun ganz praktisch dahin gebracht wird, zu erkennen, dass sein Glaube wie ein Kartenhaus in sich zusammenbricht. „Der Mann des Volkes“ war der Meister, der Polizeipräsident sein Schüler. Sein Schüler deshalb, weil er bereit war, sich für neue Erkenntnisse zu öffnen. Für einen Polizeipräsidenten eine höchst bemerkenswerte Haltung. Auf seine Frage, wer denn eigentlich beim gemeinen Volk die Bestimmungen dieser Verordnung verstünde, antwortete der Mann des Volkes: „Die Pferde“. Pferde sind sehr intelligente Wesen und brauchen keine polizeilichen Verordnungen, um sich zurechtzufinden oder sich in der Stadt so zu bewegen, dass keine anderen Lebewesen zu Schaden kommen. Aber natürlich verletzen sie auf ihrem Weg jede Menge Vorschriften, die sich irgendwelche Bürokraten ohne die geringste Ahnung von Pferden, ausgedacht haben. Sogar mein Vater wusste aus seiner Zeit als Rittmeister, dass man für den Fall, dass man sich verirrt hatte, am besten die Zügel hängen lässt und es der Intelligenz des Pferdes anheimstellt, ohne jeden Eingriff nach Hause zu finden. Leider hat er diese Einsicht nie auf Menschen übertragen. Was sie betraf, schwor er auf den Lenin zugesprochen Satz: „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.“, den er für sich ein wenig abgewandelt hatte in ein „Vertraue niemandem, kontrolliere alles!“
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Kein Wunder, dass er sich im Alter davor fürchtete, was da alles nach seinem Ableben auf ihn zukommen würde. Seine größte Angst war, im Sarg wieder aufzuwachen. Er dachte darüber nach, einen Klingelzug in seinem Sarg einbauen zu lassen und beschwor mich immer wieder, ihm nach seinem angeblichen Tod die Pulsadern aufzuschneiden. Und natürlich hatte er Angst, ob es ein Weiterleben nach dem Tode gäbe und so etwas wie ein göttliches Gericht. – Armer alter Vater. Hätte er mal …
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4 Antworten zu Kurt Tucholsky: der Daoist

  1. punitozen schreibt:

    Lieber Nitya ,
    Hier noch einmal eine kleineTucholsky-Nachlese .
    Viel Vergnügen
    PUNITO

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