Rumi: wir sind der Spiegel und ebenso das Gesicht darin

rumi
Wir sind der Spiegel und ebenso das Gesicht darin.
Wir schmecken den Geschmack der Ewigkeit
diesen Augenblick. Wir sind der Schmerz
und wir sind das, was den Schmerz heilt.
Wir sind das süße kühle Wasser
und der Krug, der gießt.

Rumi

Gestern war irgendwie ein Rumi-Tag. Immer wieder begegneten mir Rumi-Gedichte, Bilder, Videos. Ich habe mir eines der Gedichte für heute ausgewählt, das mich schon immer sehr berührt hat: „Wir sind der Spiegel und ebenso das Gesicht darin.“ Vielleicht sagt jetzt ein ausgefuchster Advaitin: „Neti-neti. Weder sind wir der Spiegel, noch das Gesicht darin. Wir sind überhaupt kein Ding.“

Vielleicht kann hier mal wieder Nagarjunas Catuṣkoṭi weiterhelfen. „Neti-neti“ – ich bin weder dies noch das – ist wahr und nur wahr. Und das Gegenteil – „ich bin alles“ – ist genauso wahr und nur wahr. Rumi beschreibt also das Gegenteil. Und mir geht total das Herz auf, wenn ich mich davon berühren lasse. Rumis Worte scheinen sich über alles auszubreiten. Ich bin die Tasten meines Laptops und der, der sie bewegt. Vorhin habe ich ein Video angeschaut, auf dem man sieht, wie einem Angorakaninchen am lebendigen Leib alle paar Monate die Wolle aus der Haut gerissen wird. Ich bin das Kaninchen, seine entsetzliche Qual und das eigene Entsetzen und der, der diese grauenvolle Quälerei begeht. Ich hab mir die wundervollen Videos von Eno und Punito angeschaut und bin die Bilder und die Musik und der Duft der Farben und Klänge und derjenige, der das alles genießt. Ich sehe Bilder vom ukrainischen Bruderkrieg, sehe den Wahnsinn und die Grausamkeiten, die sinnlose Raserei und bin dieses ganze Desaster, bin der Irre und der Zerstörte und die dumpfe Ausweglosigkeit. Neti-neti – wie eine lausige Ausflucht will mir das gerade erscheinen und doch ist es wahr und nicht wahr wie alles andere auch.


.
Das alles bin ich, genauso wie das.

Wir sind der Spiegel und ebenso das Gesicht darin.
Wir schmecken den Geschmack der Ewigkeit
diesen Augenblick. Wir sind der Schmerz
und wir sind das, was den Schmerz heilt.
Wir sind das süße kühle Wasser
und der Krug, der gießt.

Ich bin alles, was ist.

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7 Antworten zu Rumi: wir sind der Spiegel und ebenso das Gesicht darin

  1. Eno Silla schreibt:

    so leer diese fülle
    dieses tosende nichts
    innen wie außen
    haltlos
    hoffnungslos
    hilflos

    hineinspürend hingegeben
    an all die flüchtigen berührungen
    feine freude
    in meinem herzen
    unendlich zartes glück

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  2. Eno Silla schreibt:

    Habe gerade diesen wunderschönen Film mit deutschen Untertiteln gefunden, daher setze ich ihn nochmal hier rein:

    Bab Aziz

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  3. punitozen schreibt:

    ….Ich sehe Bilder vom ukrainischen Bruderkrieg, sehe den Wahnsinn und die Grausamkeiten, die sinnlose Raserei und bin dieses ganze Desaster, bin der Irre und der Zerstörte und die dumpfe Ausweglosigkeit. …..

    Lieber Nitya ,
    für mich biste nicht du bist nicht der Bruderkrieg noch der Grausame der seinem Wahn erliegend sinnlos rasend herumirrt und das ganze Desaster menschlicher Zerstörungen verursacht .
    Eines bist du für mich sicherlich – am Ende des sich beteiligen Lösungsangebote zu unterbreiten –
    jenen gegenüber die mit Rauch und Schwefel der Hölle auf Erden den Garaus bereiten wollen .
    Bist du wirklich auswegslos , so du doch deinen Ausweg gefunden hast – zu tragen und zu ertragen , was da so alles an Erleben an und in dir im Verlaufe deiner irdenen Lebensreise
    wahrhaftig und gedanklich an dir vorübergezogen ist , und das wünsche ich dir , noch weiterhin vorüber ziehen wird .
    Selbstverständlich ist es Blödsinn , wenn Menschen sich gegenseitig abschlachten , weil ihre Staatsführung zum Völkermord aufruftv, mit neti-neti herumzulamentieren .
    Dein gestriger Gedanke : ….“Anarchie ist keine exzentrische Marotte, sondern eine Überlebensnotwendigkeit – mal davon abgesehen, dass sie viel mehr Spaß macht – also jedenfalls mir…. “ wie wunderbar – dieserAusweg , allen Wahngebildeten und deren Verlockungen
    einen kräftigen Arschtritt verpassen, und Ruhe ist .

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    • Nitya schreibt:

      Lieber Punito, da fällt mir doch just diese Byron Katie ein. Hast du noch nie Augenblicke erlebt, in denen du den Impuls in dir spürtest, deinem Wahn erliegend sinnlos rasend herumzuirren und das ganze Desaster menschlicher Zerstörungen zu verursachen? Ich schon. Nur ein gnädiges Ichweißnichtwas hat mich davor bewahrt, den Impuls auch umzusetzen. Aber wie nah war ich dran!

      Übrigens, danke für den Akizur! Er ist ja ein richtiger Bürgerschreck. Aber wenn du das für viele so fürchterlich Wort „Intoleranz“ unter die Lupe nimmst … mach mal mit einer Katze etwas, was sie nicht mag! Hui, kann die aber schön intolerant sein! Wenn du ihr Futter hinstellst, dass sie nicht mag oder nicht bekommt, ist sie auch sehr ungnädig. Sie toleriert es einfach nicht. Sollen wir das Giftzeug von Monsanto tolerieren? Akizur hat vielleicht eine etwas theatralische Ausdrucksweise, aber er hat doch vollkommen Recht.

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      • punitozen schreibt:

        Lieber Nitya ,
        Du fragtest mch : “ Hast du noch nie Augenblicke erlebt, in denen du den Impuls in dir spürtest, deinem Wahn erliegend sinnlos rasend herumzuirren und das ganze Desaster menschlicher Zerstörungen zu verursachen? …
        Ja -habe ich . Gänzlichst , bis zu jenem erlösenden Moment in einer bitterkalten Novembervollmondnacht auf einer wenig belebten Großstadtstrasse .
        Das eisige Nass einer Wasserlache
        Unter mir
        Vollmond -rund-Spiegelung
        Wassereinbruch in geborstener Schuhsohle .
        Oben der Mond
        Unten Punito .
        Murmelnde Erlosungslaute :
        “ So-wie es ist- ist es so wie es ist . „!

        Katzen sind liebenswerte Wesen. Individual-anarchistisch vom Schwanz bis zum Barthaar .
        Für mich eine jener Species ,die ohne Bücherwissen ,
        TAO und TE
        leben , einfach leben .
        Das die Katze nicht alles frisst , was sie vorgesetzt bekommt , ist nicht wählerische Wahl .
        Sie erkennt das die Inhalte des Industriefutter entweder zu wenig Vitamine enthält ,
        oder das Futter überlagert ist .
        Ich geb ihr einmal in der Woche 100 g . klein geschnittenes , frisches Schnitzelfleisch- .
        wegen der Vitamine .
        Wenn sie das Bedürfnis verspürt Streicheleinheiten von mir zu bekommen ,
        kommt sie so , wie es ihr paßt . Na, ja als Diener eines Katzenwesen kennt man ja deren
        Marotten .
        Herzlichen Gruß
        PUNITO

        P.S. Milder Winter –
        Katzensommer
        Mausefangsaison .

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  4. Caro schreibt:

    Ich liebe Rumi!

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