Wolfi Landstreicher: Versuch, zu einer Einigung zu kommen

maemaeDas ist wahrhaftig nicht dein Fehler, dass Du gegen Mich Dich spannst und deine Absonderlichkeit oder Eigentümlichkeit behauptest: Du brauchst nicht nach-zugeben oder Dich selbst zu verleugnen.

aus: Max Stirner, Der Einzige und sein Eigentum

Immer wenn mehr als ein paar Anarchisten zusammen kommen, gibt es Streitereien. Dies ist keine Überraschung, da das Wort „Anarchist“ benutzt wird um eine breite Palette von sich häufig widersprechenden Ideen und Praktiken zu beschreiben. Der einzige gemeinsame Nenner ist das Verlangen befreit von Autorität zu sein, und Anarchisten sind sich sogar nicht mal einig, was Autorität ist, geschweige denn, welche Methoden sich eignen, um sie zu zerstören. Diese Fragen bringen viele weitere hervor, und so sind Streitereien unausweichlich.

Die Streitereien stören mich nicht. Was mich stört, ist der Fokus darauf zu probieren zu einer Einigung zu kommen. Es wird davon ausgegangen, dass, „weil wir alle Anarchisten sind“, wir alle wirklich die gleiche Sache wollen; unsere scheinbaren Konflikte müssen lediglich Missverständnisse sein, die wir zusammen ausdiskutieren können, um einen gemeinsamen Nenner zu finden. Wenn sich jemand weigert Sachen auszudiskutieren und darauf beharrt, seine Differenzen zu erhalten, wird dieser als dogmatisch betrachtet. Dieses Beharren, einen gemeinsamen Nenner zu finden, ist vielleicht eine der signifikantesten Ursachen der endlosen Dialoge, die so häufig den Platz des Handelns, um unser Leben nach unseren eigenen Bedingungen zu gestalten, einnehmen. Dieses Bestreben, einen gemeinsamen Nenner zu finden, schließt ein Leugnen von wirklich realen Konflikten ein.

aus: Wolfi Landstreicher, „Angst vor dem Konflikt

Ersetzt mal das Wort „Anarchisten“ z.B. durch das Wort Zen-Meister, dann könnt ihr dasselbe Phänomen entdecken, wie das oben Beschriebene. Der eine Zen-Heini beschreibt Erleuchtung so, der andere anders und wieder andere leugnen, dass es so etwas überhaupt gäbe. Ist das nicht ganz und gar wundervoll!

Als ich zu meiner völligen Überraschung eine Einladung zum ersten „Forum Erleuchtung“ erhielt, zuckte ich total zusammen und beeilte mich, eine freundliche Ablehnung vom Stapel zu lassen. Mal davon abgesehen, dass mich zu so einem öffentlichen Forum nichts, aber auch gar nichts hinzog, hatte ich nicht die geringste Ahnung, wie ich zu der „Ehre“ gekommen bin, in diesen illustren Kreis zu geraten. Aber das Zusammenzucken war vor allem anderen der Vorstellung geschuldet, dass es auf so einem Forum zu einem Versuch der Vereinheitlichung kommen könnte. „Wir sind doch alle eins und insofern sollten wir doch zu einer Einigung darüber kommen können, was denn das nun sei: Erwachen, Erleuchtung, Befreiung und dergleichen mehr.“ Gruselige Vorstellung. Und überhaupt – Osho hat mal ganz richtig gesagt: „Seid undefinierbar!“ Eine Zusammenkunft von Nicht-Definierten – wie soll die überhaupt jemals zustande kommen? Da müssten ja alle Menschen eingeladen werden.

In letzter Zeit ist ja viel von Teamwork, Schwarm-Intelligenz und Ähnlichem die Rede. So wie ich das sehe, wird das oft völlig missverstanden. Ich denke an Massenveranstaltungen jeglicher Art. Wirkt da jetzt Schwarm-Intelligenz oder Schwarm-Verblödung? Aus meiner Lehrer-Zeit ist mir das mehr als bekannt, dass ein einzelner Schüler hochintelligent sein kann, kaum ist er jedoch in einer Gruppe, und wenn sie noch so klein ist, scheint er geradezu blitzartig zu verblöden. Kürzlich las ich in einer Anarchisten-Gruppe, der Administrator möge doch bitte das Mitglied x aus der Gruppe entfernen, weil seine Äußerungen unpassend seien für einen Anarchisten. „Du bist nichts, dein Volk ist alles.“ ist wohl allgemein bekannt.

SSchwarm-Intelligenz?

Staat und Obrigkeit sind Synonyme: daher kann es keine andern Staaten geben als Obrigkeitsstaaten. Staat und Klassengesellschaft sind Synonyme; daher kann es keinen andern Staat geben als den Klassenstaat. Staat und Zentralisation sind Synonyme; daher kann es im Staat keine Organisation von unten nach oben, keinen ausbeutungslosen Sozialismus, keine Selbstbestimmung des Volkes, keine Zusammengehörigkeit der Gesamtheit, kein einheitliches Recht und kein Volksganzes geben.

aus: Erich Mühsam, „Fanal, 1

Jeder Versuch einer Gleichschaltung, um so zu einem Konsens zu gelangen, zerstört die Idee der Anarchie. Der Grundkonsens ist das Bedürfnis, nicht beherrscht zu werden und niemanden beherrschen zu wollen, sodass sich jedes Individuum völlig frei entfalten kann, was einen ungeheuren Zuwachs an Intelligenz bedeuten würde, die allen zu Gute käme. Die obrigkeitsstaatliche Gleichschaltung, wie sie seit Jahrtausenden stattfindet, wird uns noch alle umbringen. Kaiser Wilhelm II. zu Beginn des I. Weltkrieges: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche!“ Na, Prost Mahlzeit!

Anarchie ist keine exzentrische Marotte, sondern eine Überlebensnotwendigkeit – mal davon abgesehen, dass sie viel mehr Spaß macht – also jedenfalls mir.

Schwarmintelligenz
ist die Synergie der Freien,
nicht der Sklaven.

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Eine Antwort zu Wolfi Landstreicher: Versuch, zu einer Einigung zu kommen

  1. punitozen schreibt:

    Ich hab nichts weiter
    Als meine Seelenruhe:
    O welche Kühle!

    Gefällt mir

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