Lin-chi: das Mysterium


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Wenn ihr frei leben oder sterben, gehen oder bleiben,
[eure Kleidung] ab- oder anlegen wollt, dann erkennt jetzt sofort den Menschen, der meinem Diskurs zuhört. Er ist ohne Gestalt, ohne Charakteristika, ohne Wurzel, ohne Bezug und ohne Wohnstatt und ist doch frisch und lebendig. Was seine vielfältigen Tätigkeiten betrifft, so ist der Ort, wo sie ausgeführt werden, in der Tat ein Nicht-Ort. Deshalb zieht er sich, wenn ihr nach ihm Ausschau haltet, weiter und weiter zurück; wenn ihr ihn sucht, dreht er sich mehr und mehr und mehr in die andere Richtung: Dies wird das ‚Mysterium‘ genannt.

aus dem Lin-chi Lu

Kürzlich hatte ich den Text aus dem Thomas-Evangelium hier stehen: „Aber das Reich ist in eurem Inneren und es ist zugleich außerhalb von euch.“ Das Reich. Lin-chi nennt „das Reich“ hier „den Menschen, der seinem Diskurs zuhört. Er ist ohne Gestalt, ohne Charakteristika, ohne Wurzel, ohne Bezug und ohne Wohnstatt und ist doch frisch und lebendig.“ Es liegt auf der Hand, dass dieser Mensch, frei leben oder sterben, gehen oder bleiben, [seine Kleidung] ab- oder anlegen kann, sofort zu einer Riesenkarotte wird. „Wo ist dieser Mensch zu finden, wie gelange ich schnellstens zu ihm? Ich möchte auch dieser Mensch werden.“ Es gab und gibt immer wieder Menschen, die alles dafür taten und tun, um dieses Ziel zu erreichen. Der Satz „ohne Fleiß keinen Preis“ hat sie derart konditioniert, dass sie sich eine andere Möglichkeit nicht einmal vorstellen konnten und können.

Lin-chi nimmt ihnen mit einem Federstrich all ihre illusionären Hoffnungen: „Deshalb zieht er [die Karotte] sich, wenn ihr nach ihm Ausschau haltet, weiter und weiter zurück; wenn ihr ihn sucht, dreht er sich mehr und mehr und mehr in die andere Richtung: Dies wird das ‚Mysterium‘ genannt.“ Es ist das Mysterium jeder Fata Morgana. Immer wenn geglaubt wird, dass ich kurz vor dem ersehnten Ziel bin­­, löst sich die Luftspiegelung in Nichts auf.

Dieses Phänomen, das Lin-chi hier „Mysterium“ nennt, lässt sich sehr leicht erklären. Jede Suche, wie man ja auch am Beispiel der Fata Morgana schön erkennen kann, bezieht sich auf ein Objekt. „Der Mensch, der meinem Diskurs zuhört“ ist jedoch kein Objekt und sein Wirkungs-Ort ist ein Nicht-Ort. Deshalb ist diese Beschreibung wohl nicht ganz korrekt: „Deshalb zieht er sich, wenn ihr nach ihm Ausschau haltet, weiter und weiter zurück; wenn ihr ihn sucht, dreht er sich mehr und mehr und mehr in die andere Richtung.“ Nicht er zieht sich weiter und weiter zurück, wenn ihr ihn sucht, nicht er dreht sich mehr und mehr in die andere Richtung. So sieht es nur für den Sucher aus. In Wahrheit entfernt sich der Sucher immer mehr.

Sieh den, der sieht,
und du tauchst ins Nichts.
Wir müssen
unsere Aufmerksamkeit
vom Gesehenen
auf den Sehenden verlegen.
Das Gesehene ist
Form, Tun und Sein.
Der Sehende ist
Formlosigkeit,
Nicht-Tun,
Nichts.

Osho

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12 Antworten zu Lin-chi: das Mysterium

  1. punitozen schreibt:

    …..Wenn die Abhängigkeit von irgendwelchen Worten verschwunden ist,
    erscheint Buddha höchstselbst ……
    sprach in schriftlicher Rede ein gewisser Nitya .🙂

    Stille ist meine Antwort
    Sei herzlichst gegrüßt
    PUNITO

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  2. punitozen schreibt:

    Lieber Nitya ,

    Heute ist Stille meine Antwort

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  3. punitozen schreibt:

    Lieber Nitya ,
    Bin heute zu faul um durch die “ Grosse Weite “ zu latschen .
    Hierzu ein Haiku von Basho :
    Seitdem die Scheune zu Asche wurde, sieht man wieder den Mond.
    Herzlicher Gruß
    PUNITO

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  4. punitozen schreibt:

    Lieber Nitya ,
    Bin heute zu faul um durch die ” Grosse Weite ” zu latschen .
    Hierzu ein Haiku von Basho :
    Seitdem die Scheune zu Asche wurde, sieht man wieder den Mond.
    Herzlicher Gruß
    PUNITO

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    • Nitya schreibt:

      Lieber Punito,
      das waren ja harte Burschen damals,
      nicht solche Weieier und Warmduscher wie ich.
      Ich verzichte gerne auf den Mond,
      wenn ich’s nur weich und warm habe.
      Herzlichen Gruß auch dir
      Nitya

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  5. Eno Silla schreibt:

    Nicht Christ oder Jude oder Muslim,
    nicht Hindu, Buddhist, Sufi oder Zen.
    Überhaupt keine Religion
    oder kulturelles System.

    Ich bin nicht aus dem Osten oder dem Westen,
    nicht aus dem Ozean oder aus dem Boden,
    nicht natürlich, nicht etherisch,
    überhaupt nicht aus Elementen zusammengesetzt.

    Ich existiere nicht,
    bin kein Wesen dieser Welt oder der nächsten,
    stamme nicht von Adam und Eva ab
    oder irgend einer Entstehungsgeschichte.

    Mein Ort ist das Ortlose,
    eine Spur des Spurlosen.
    Weder Körper noch Seele.

    Ich gehöre dem Geliebten,
    habe die zwei Welten als eine gesehen
    und diese eine ruft und kennt
    zuerst, zuletzt, äußerlich und innerlich
    nur dieses Atem atmende
    menschliche Wesen.

    Mevlana Dschelaluddin Rumi
    https://satyamnitya.wordpress.com/2014/07/06/rumi-nur-atem/

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  6. fredo0 schreibt:

    Ich und die Welt …

    Ich … ?
    und … ?
    die Welt … ?

    ich und die Welt … fein … meistens …

    schicket ( sagt man in Kassel ) 😀

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